„Ehrfurcht haben vor allem, was Leben heißt“

Zum 55. Todestag von Dr. Albert Schweitzer / Von Christel WOLLMANN-FIEDLER

Ausgabe Nr. 2688

„Il est Minuit Dr. Schweitzer“ (Es ist Mitternacht Dr. Schweitzer) ist der Titel eines Kinofilms von 1952, den André Haguet nach dem gleichnamigen Theaterstück von Gilbert Cesbron damals mit bekannten französischen Schauspielern und der berühmten Jeanne Moreau drehte. „Beim Oganga von Lambarene“ von dem württembergischen Lehrer Richard Kik, 1954 als Kinderbuch im längst vergessenen Enßlin & Laiblin Verlag in Reutlingen erschienen, bekam ich als Schülerin mit Widmung geschenkt. Durch sämtliche Phasen des Lebens und den vielen Umzügen in alle vier Himmelsrichtungen begleitete mich das Büchlein. Wie viele Male es ein- und ausgepackt und ins Bücherregal gestellt wurde, kann ich kaum sagen. Die Begeisterung für den Theologen Dr. Albert Schweitzer, vor allem für dessen humanistisch-medizinisches Engagement im afrikanischen Urwald, ist über die Jahre geblieben.

 

Theologie, Medizin und Orgelspiel ergeben eine gute Symbiose, eine unvergleichliche Fügung im Leben Albert Schweitzers, der am 14. Januar 1875 in Kaysersberg im Oberelsass, unweit von Colmar, in eine alemannisch-elsässische Pfarrersfamilie geboren wurde. Schon als Zehnjähriger spielt Albert Schweitzer die Orgel, wenn der Vater sonntags predigte. Zu Hause im Günsbacher Pfarrhaus, übte er wieder und wieder das Klavierspiel. In späteren Jahren stellt er sich während seiner häufigen Orgelkonzerte unter Beweis; ein Meister der Töne wurde er und Johann Sebastian Bach aus Eisenach in Thüringen sein lebenslanger Orgelmeister. Den Orgelbau beherrschte er ebenso, für den Erhalt alter Orgeln setzte er sich ein. Nach dem Abitur begann er 1893 Theologie an der Straßburger Universität zu studieren, promovierte und habilitierte, wurde Vikar in St. Nikolai in der Hauptstadt der Elsässischen Region. Zuvor studierte er Orgel in Paris und 1899 in Berlin einige Monate Philosophie.

Erst mit dreißig Jahren begann er Medizin in Straßburg zu studieren, wollte Missionsarzt werden. Seine Medizinische Doktorarbeit trug den Titel „Die psychiatrische Beurteilung Jesu: Darstellung und Kritik.“

1912 heiratete der junge Theologe und Arzt Helene Bresslau aus Berlin, die 1879 in eine preußisch-jüdische Historikerfamilie geboren worden war. Helene Bresslau beendete in Straßburg die Schule und wurde Lehrerin. Wissen in sämtlichen Bereichen der Musik, der Literatur und des allgemeinen Lebens wurde ihr in ihrem Elternhaus vermittelt. Eine Ausbildung zur Waisenpflegerin kam hinzu, später gründete sie in Straßburg ein Heim für ledige Mütter.

Die Pariser Evangelische Missionsgesellschaft unterhielt bereits in Lambarene in Französisch-Äquatorialafrika südlich des Äquators eine Missionsstation. Am Karfreitag 1913 trat das Ehepaar Schweitzer die lange vorbereitete Reise mit dem Dampfer „Europa“ von Bordeaux in Richtung Kongo an. Weiter fuhr sie der Flussdampfer auf dem Ogowe von Kap Lopez flussaufwärts. Das Missionsdorf Lambarene erwartete die Angekündigten aus Europa. Arzt und Seelsorger wird Albert Schweitzer den kranken und Hilfe suchenden Dorfbewohnern in und um Lambarene in den kommenden Jahrzehnten werden. Einfache Hütten und Baracken wurden nach Schweitzers Vorstellungen mit einheimischen Baumaterialien für die Krankenstation hergerichtet. Unter primitiven Verhältnissen begann der „Urwalddoktor“ mit Hilfe seiner Frau die Kranken zu versorgen. Vor der Abreise auf den afrikanischen Kontinent hatte Helene Schweitzer-Bresslau in Verbundenheit zu Albert Schweitzer, in Verbundenheit zu seiner medizinischen Aufgabe in Lambarene, eine Ausbildung als Krankenschwester in Frankfurt am Main abgeschlossen.

Hochinfektiöse Leprakranke, die damals als Aussätzige außerhalb der Dörfer leben mussten, wurden seine Patienten, ebenso malariainfizierte Tropenkranke. Krankheiten unterschiedlicher Genese behandelte Schweitzer, Operationen waren an der Tagesordnung. Gebärende brauchten seine Hilfe, Kinderkrankheiten musste er erkennen und heilen, ebenso die tägliche Not der Menschen lindern. Ein übergroßes Spektrum für einen Mediziner.

1917 bereits mussten Helene und Albert Schweitzer aus politischen Gründen Afrika verlassen. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen, von Gabun ging die unerwünschte Reise ins Internierungslager nach Frankreich. Bereits 1918 durften sie nach Straßburg zurückkehren. Albert Schweitzer arbeitete als Assistenzarzt in einem Straßburger Spital und als Vikar in St. Nicolai. 1919 wurde in der elsässischen Hauptstadt die Tochter Rhena, ihr einziges Kind, am 14. Januar geboren. Am gleichen Tag wurde Albert Schweitzer 44 Jahre alt. In der Günsbacher Dorfkirche wird die Tochter getauft. Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges wurde das Elsaß Frankreich zugesprochen und Albert Schweitzer bekam die Französische Staatsbürgerschaft, doch als deutschsprachiger Elsässer fühlte er sich zeitlebens.

1924 ging Albert Schweitzer erneut, doch diesmal alleine, nach Lambarene. Seine Ehefrau Helene bekam eine Lungenkrankheit und konnte nur schwer die Tropenhitze ertragen. Für sie und Tochter Rhena baute Albert Schweitzer zuvor ein Haus in Königsfeld im Schwarzwald, in der Nachbarschaft der Herrnhuter Brüdergemeine.

Jede Rückkehr nach Lambarene in den Urwald bringt neue Herausforderungen für Dr. Albert Schweitzer. Neue Hütten wurden gebaut, ein ständiges und erneutes Kultivieren findet statt. Mit persönlichem Handanlegen wird er Vorbild für die Dorfgemeinschaft. Ein tropenfestes Klavier mit Orgelpedal wurde ihm in Europa gebaut und nach Lambarene transportiert. Der Missionar und „Urwalddoktor“ wird zu Konzerten und Vorträgen nach Europa und in die USA eingeladen. Die finanziellen Erlöse dieser Aktivitäten gingen als Spenden in seine karitative Arbeit in Lambarene in Gabun, ebenso Schallplatten- und Buchverkäufe.

Hitler kam 1933 in Deutschland an die Macht, die Nationalsozialisten begannen den Terror gegen die jüdische Bevölkerung und Andersdenkende und begannen die ersten Konzentrationslager zu bauen. Helene Schweitzer, die getaufte Jüdin, flieht in dunkler Vorahnung mit der Tochter in die Schweiz und 1941 erreichte sie über Portugal und Angola Gabun und bleibt in Lambarene bis 1946. Längere und kürzere Aufenthalte in Lambarene ergaben sich für Albert Schweitzer in den kommenden Jahren.

Politik war nie Albert Schweitzers Stärke, doch seine philosophischen Schriften, seine theologischen Arbeiten, seine Warnungen vor dem Krieg, der Aufrüstung und den  Atomwaffen, sein zunehmender Pazifismus, und nicht zuletzt seine Arbeit als Missionsarzt in Afrika, brachten ihm eine Vielzahl von Ehrungen, Preise und Auszeichnungen, als höchste Auszeichnung den Friedensnobelpreis 1954 (für 1952). Die Reise nach Oslo zur Entgegennahme des Nobelpreises war die letzte gemeinsame Reise von Helene und Albert Schweitzer. 1957 starb Helene in Zürich, am 4. September 1965 starb Dr. Albert Schweitzer in Lambarene in Gabun in Westafrika und wurde daselbst begraben.

 

 

 

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