Symbol für ein intaktes Ökosystem

Bericht von den Ergebnissen der Storchzählung 2020 /Von Friedrich PHILIPPI

Ausgabe Nr. 2684

Die drei Jungstörche in dem Horst auf dem Schlot der ehemaligen Brotfabrik halten derzeit ihre Eltern auf Trab und haben schon Flugunterricht. Foto: Fred NUSS

Trotz der damit verbundenen Risiken in dieser besonderen Zeit konnte die Storchzählung in der letzten Juniwoche auch in diesem Jahr durchgeführt werden. Das verdanken wir im Besonderen der treuen Mithilfe der Brüder Anselm und Matthias Ewert aus Brandenburg, die nun schon seit 21 Jahren dabei sind. Mit dabei war auch diesmal Andreas Zeck (2. Klasse) aus Reutlingen/Deutschland, der eine Schulwoche mit Online-Unterricht ausnützte, um mit seiner Mutter für einige Tage zu der Storchzählung anreisen konnte.

Storchzählung – warum eigentlich? Hat das denn überhaupt einen Sinn, über 100 Orte auf zum Teil wieder schlechter werdenden Straßen anzufahren, nur um festzustellen, ob das uns dort bekannte Storchennest in diesem Jahr überhaupt besetzt ist und wenn ja, wie viele Jungstörche darin gefüttert werden?

Nun, der Weißstorch ist ein typischer Kulturfolger, der sich eng an den Menschen angeschlossen hat. Er steht in seinem Lebensraum als Endverbraucher an der Spitze einer Nahrungspyramide, da gesunde Störche in ihrem Brutgebiet eigentlich keine Fressfeinde haben. Der Storch ist ein Symbol für ein intaktes Ökosystem. Denn dort wo er vorkommt, gibt es auch seine von ihm bevorzugte Nahrung. Dabei spielen übrigens Frösche auf seinem Speiseplan keine so große Rolle, wie allgemein angenommen. Es sind dies vielmehr Regenwürmer, Insekten, kleine Nagetiere (vor allem Mäuse, die er z. B. hinter dem ackernden Traktor einher laufend einfängt), Molche, Schlangen, Eidechsen oder Fische. In Jahren, in denen dieses Nahrungsangebot reichlich vorhanden ist, können die Störche auch mehr Jungen heranfüttern. Das Nahrungsangebot regelt also die Vermehrung der Störche und nicht sie begrenzen die Vermehrung ihrer Nahrung.

Storchenpflegestation von Dr. Miruna Gritu in Großau. Foto: Mathias EWERT

So gibt uns der jährlich erhobene Storchbestand unseres Kreises auch Aufschluss über den Zustand der uns umgebenden Ökosysteme. Und wenn es in manchen Orten seit einigen Jahren keine Störche mehr gibt (wie z. B. in Hammersdorf, in Michelsberg oder neuerdings in Törnen/Păuca) dann ist das ein Zeichen, dass da etwas in der Umwelt nicht in Ordnung ist und die Störche da nicht mehr genug Nahrung finden. Das kann bei diesen Beispielen an der Verstädterung der Landschaft oder an der Überhandnahme des Maisanbaues („Vermaisung“ der Landschaft) liegen.

Wir stellen im Laufe der Jahre auch langfristige Veränderungen bei der Dichte der Besiedlung einiger Gegenden unseres Kreises fest. Zur Zeit der Storchzählungen von Prof. Werner Klemm vor 1988 gab es die meisten Störche in der Altsenke, in Scorei, Săcădate und Racovița. Durch den Bau der Stauseenkette am Alt wurden aber Flussauen und Feuchtwiesen unter Wasser gesetzt, die nun nicht mehr als Nahrungsquelle der Störche zur Verfügung standen. Die Folge war eine ständige Abnahme der Anzahl der Storchennester in dieser Gegend. Oder: In den letzten Jahren beobachten wir eine Verlagerung der Storchenpopulation von Schönberg nach Mergeln, wofür es sicher auch ökologische Gründe gibt.

Statt Scorei sind heute die meisten Storchennester in Großau/Cristian (47), Orlat (12) und Leschkirch/Nocrich (9). Wobei natürlich die Storchenkollonie von Großau etwas ganz Besonderes ist. Nicht nur, dass hier durch Dr. Miruna Gritu den Störchen beim Nestbau durch rund 20 Untersätze geholfen wurde, es muss in der Gegend auch genügend Nahrung für die 47 Storchenpaare und die von diesen gefütterten 102 Jungstörche (2020) geben. So viele haben wir vom Kirchturm aus noch nie gezählt. Es wäre eine lohnende Aufgabe für einen Biologen, die Nahrungsgrundlage für diese Störche in Großau und Orlat zu untersuchen, damit man sich für deren Erhalt einsetzen kann.

Auch in diesem Jahr stieg die Zahl der Masthorste weiter auf 77,1 Prozent aller Horste an. Erfreulicherweise fanden wir auch einige wenige vom elektrischen Werk neu angebrachte Nestuntersätze auf Masten außerhalb von Großau (z. B. in Talmesch/Tălmaciu, Reussmarkt/Miercurea Sibiului, Großpold/Apoldu de Sus, Abtsdorf/Apoș, Kastenholz/Cașolț, Armeni, Orlat) Es ist zu hoffen, dass, so wie in anderen Kreisen Siebenbürgens, alle Masthorste einen Untersatz (Nisthilfe) erhalten, um so auch mögliche Stromunterbrechungen zu vermeiden.

Nestverluste durch Absturz gab es in Birthälm/Biertan vom Rauchfang der Schule (wobei zwei Jungstörche umkamen), die Eltern aber sofort auf einem in der Nähe befindlichen Mast ein neues Nest bauten, und in Scorei, wo die vier Jungstörche gerettet werden konnten und in der Storchenpflegestation von Dr. Miruna Gritu in Großau großgezogen werden.

Wir fanden auch in diesem Jahr einige neue Nester (in Mergeln/Merghindeal, Talmesch, Racovița, Bürgisch/Bârgiș) und vier Baumhorste (Großau 3, Săsăuși).

Es wurden von uns im Kreis Hermannstadt 223 besetzte Horste gezählt, von denen es in 184 Horsten auch Jungen gab. Die Gesamtzahl der von uns gezählten Jungen betrug 523. Diese drei Werte waren seit 1988 noch nie so groß.

Zwei Generationen Storchzähler: Andreas Zeck (am Fernrohr) und sein Großvater Friedrich Philippi. Foto: Mathias EWERT

Das ist das kurzgefasste Ergebnis der diesjährigen Storchzählung, nach dem ich oft gefragt werde. Wobei es manchmal viel Geduld erfordert und man lange warten muss, bis man die Jungen im Nest auch alle zu Gesicht bekommt. Das hängt von ihrem Alter ab, ebenso auch vom Wetter. Glück hat man bei der Zählung, wenn gerade gefüttert wird und dabei die Jungstörche alle aufstehen.

Wie ist nun das diesjährige Ergebnis der Storchzählung einzuschätzen? Das tut man am Besten durch Vergleich der Reproduktionszahlen unserer 1988 beginnenden Zählungsreihe, die wichtiger sind als die weiter oben genannten Rekordwerte! 2020 betrug der durchschnittliche Bruterfolg der erfolgreich brütenden Horstpaare 2,84 Jungen. Diese Zahl schwankte im Laufe der 32 Jahre zwischen 1,88 und 3,63. Sie ist jetzt allerdings im dritten Jahr leicht rückläufig. Wenn man bedenkt, dass für den Bestandserhalt 2,0 flügge Jungstörche pro Horstpaar notwendig sind, dann haben wir im Vergleich mit anderen Gegenden Europas noch eine relativ gute Situation. Die wird aber nur haltbar sein, wenn die Lebensgrundlage der Störche nicht wie z. B. in Dänemark (wo im ganzen Land nur noch drei Horstpaare nisten!) durch viel zu intensive Landwirtschaft zerstört wird.

Friedrich PHILIPPI

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Umwelt.