Einem viel breiteren Spektrum zugänglich

Die diesjährige Haferland-Kulturwoche hat online stattgefunden

Ausgabe Nr. 2684

Manuela Ivan präsentierte die siebenbürgisch-sächsische Holzmalerei.

Wie viele andere Großveranstaltungen musste auch die achte Auflage der Haferland-Kulturwoche sich in diesem Jahr besonderen Umständen stellen. Anstatt Besucher ins östliche Siebenbürgen zu locken, kam das Haferland zu seinen Gästen nach Hause. Vom 31. Juli bis 2. August konnte man sich in rund 30 Videos auf eine virtuelle Reise durch die Region begeben: Von Arkeden/Archita über Klosdorf/Cloaşterf, Hamruden/Homorod und Deutsch-Kreuz/Criţ bis nach Deutsch-Weißkirch/Viscri. Neben Themen-Videos rund um die Geschichte und Kultur des Haferlandes und Interviews mit Anwohnern, Künstlern sowie Menschen, die sich um den kulturellen Erhalt bemühen, wurden den Zuschauern auch traditionell siebenbürgisch-sächsische Gerichte vorgestellt.

 

Mit einem Begrüßungsvideo eröffneten Michael Schmidt, einer der Initiatoren der Kulturwoche Haferland, und seine Gattin Veronica  am Freitag das Kultur-Festival. Es folgten Videobotschaften unter anderem vom Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, Paul-Jürgen Porr, dem Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern, Dr. Markus Söder, und dem gebürtigen Kronstädter Rockstar Peter Maffay, der die Kulturwoche mitorganisiert.

Die virtuelle Reise begann in Keisd/Saschiz – „dem Stolz der Sachsen“ wie es in der Videobeschreibung heißt. Durch Luftbildaufnahmen konnte man von der Bauernfestung auf dem Burchreech (Festungshügel) hinab auf den im 14. Jahrhundert gegründeten Ort blicken und sich durch das Dorf führen lassen. Im anschließenden Interview betonte der Bürgermeister von Keisd, Ovidiu Şoaită, die Bedeutung der Kulturwoche nicht nur für den Tourismus, sondern auch für den Erhalt der Kultur und der Geschichte „einer Welt, die einen großen und wichtigen Einfluss auf das heutige Leben in Siebenbürgen hatte.“ In den vergangenen Jahren sei es der Gemeinde gelungen, verschiedene Veranstaltungen zu organisieren, „sodass die Touristen die damalige Welt der Sachsen miterleben können, die Sachsen, die auch heutzutage noch in unseren Herzen leben“.

Weiter ging es nach Deutsch-Kreuz, wo die Zeit stehengeblieben sei; wo auch immer man hinschaue, könne man ein Stück Geschichte entdecken. Seien es nun die sorgfältig restaurierten sächsischen Häuser und Höfe, das im sächsischen Stil neugebaute Pfarrhaus, das heute als Pension Casa Krauss dient, oder die gut erhaltene Kirchenburg, deren Kirche 1810 nach Abriss der ursprünglichen Kirche im klassischen Stil errichtet wurde. Ion Caramitru, Direktor des Nationaltheaters in Bukarest, nennt Deutsch-Kreuz in seiner Videobotschaft eine der wichtigsten Ortschaften des Haferlandes, in der die Siebenbürger Sachsen bis Ende des 20. Jahrhunderts die Mehrheit der Einwohner bildeten. Einer Volkszählung zufolge lebten im Jahr 2002 unter den insgesamt 657 Dorfbewohnern nur noch 13 Siebenbürger Sachsen in Deutsch-Kreuz.

Ruxandra Hurezean/Liana Iunesch: Vecinătăți la sașii din Criț. Regulamente scrise de la 1615 la 1991.Verlag Școala Ardeleană Klausenburg, Serie Biblioteca SINTEZA, 2020,  ISBN 978-606-797-544-4.

Nächste Station der virtuellen Exkursion war am Samstag einer der ältesten Orte des Haferlandes: Das rund 450 Einwohner große Dorf Deutsch-Weißkirch wurde 1185 erstmals urkundlich erwähnt und hat sich seinen siebenbürgisch-sächsischen Charme bis heute erhalten können. Neben den typischen Häusern und Gehöften bildet auch hier eine Kirchenburg, die 1999 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde, eine der Hauptattraktionen.

Von dort aus wurden die Zuschauer nach Radeln/Roadeş geleitet. In der kleinen Ortschaft mit rund 300 Einwohnern leben heute nur noch rund 40 Siebenbürger Sachsen. Besonders die Peter-Maffay-Stiftung engagiert sich hier seit 2009 für den Erhalt des historischen Dorfbildes. In dem renovierten evangelischen Pfarrhaus befindet sich heute das „Gästehaus Tabaluga“, eine Erholungsstätte für Kinder aus dem In- und Ausland.

Zum Abschluss der Kulturwoche gab es ein zweieinhalbminütiges Video, das noch einmal die schönsten Teile des Haferlandes zeigte. Begleitet wurde die virtuelle Ausgabe in diesem Jahr zudem von einer Vielzahl an Themen-Videos. Der Kunstsammler und -händler Thomas Emmerling, geboren in Nürnberg, ist in die Heimat seiner Vorfahren zurückgekehrt und lebt heute in Michelsberg/Cisnădioara, wo er unter anderem die Galerie Kunsthaus 7B gegründet hat. Im Anschluss an seine Videobotschaft gab Emmerling einen Einblick in seine private Sammlung und zeigte 108 Kupferstiche von Albrecht Dürer.

Christi Gherghiceanu sprach über die Arbeit der ADEPT-Stiftung, die sich seit 2004 für den Erhalt der Artenvielfalt, die ländliche Entwicklung und den Ausbau von Fahrradstrecken in ganz Siebenbürgen engagiert. So gelang es der Stiftung z. B., das traditionelle Töpferhandwerk in Keisd nach etwa 120 Jahren wiederzubeleben. In weiteren Videos gab der Künstler Marinel Gyorfi Einblicke in die Töpferei, und Manuela Ivan sprach über ihre Arbeit an der siebenbürgisch-sächsischen Holzmalerei.

Darüber hinaus stellten die Journalistin Ruxandra Hurezean und Liana Iunesch, Dozentin an der Lucian Blaga-Universität in Hermannstadt, ihr Buch über die Nachbarschaften  der Siebenbürger Sachsen in Deutsch-Kreuz vor und diskutierten in einer dreißigminütigen Videokonferenz gemeinsam mit dem Historiker Dr. Konrad Gündisch über das Thema.

Und natürlich durften musikalische Darbietungen nicht fehlen: Die Bläser des Bukarester Wind-Orchesters gaben eine Instrumental-Interpretation von Peter Maffays „Medley“ zum Besten, und auch der Chor aus Deutsch-Weißkirch steuerte unter Begleitung von Gitarre, Trompete und Melodica ein Lied bei.

Insbesondere die kulinarischen Spezialitäten des Haferlandes hatten in den Vorjahren die Gaumen der Besucher erfreut. Da die Gerichte aber nicht virtuell verköstigt werden konnten, wurden außerdem drei Gerichte vorgestellt: Wilhelmine Fornoga aus Deutsch-Kreuz kennt alle Geheimnisse der siebenbürgisch-sächsischen Küche und erklärte die Zubereitung von Apfelsuppe, Gochenwichpert (gekochte Würste mit Weißbrotwürfeln und gebratenen Zwiebeln) sowie Hanklich (Hefekuchen).

Aufgrund der Covid-19 Pandemie konnte das Haferland in diesem Jahr – zumindest physisch – keine Gäste willkommen heißen, doch in allem Schlechten steckt auch immer etwas Gutes; die Kulturwoche war einem viel breiteren Spektrum zugänglich, und die Videobeiträge rund um die Region zwischen Schäßburg/Sighişoara und Reps/Rupea bleiben auch in Zukunft abrufbar. Unter https://www.facebook.com/haferland kann ein jeder die virtuelle Reise durchs Haferland antreten und sich dessen Geschichte und Kultur näherbringen lassen. Ansonsten heißt es abwarten, bis die Haferland-Kulturwoche im nächsten Jahr hoffentlich wieder unter gewohnten Umständen stattfinden kann.

Tobias LEISER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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