Schreiben ist Überleben

Interview mit der Autorin und Fernsehjournalistin Christel Ungar-Țopescu

Ausgabe Nr. 2679

 

Christel Ungar-Țopescu in der AKZENTE-Redaktion.  Foto: Alexander SCHWARZ

Jedes Mal, wenn sie in die Redaktion der Hermannstädter Zeitung kommt, ist es, als ob ein Wirbelwind durch die Räume zieht. Lebhaft schildert sie meistens noch im Gehen, was sie gerade erlebt hat und man kann einfach nicht weghören. Man fühlt sich geradezu verpflichtet, auch als introvertierter Mensch, an dem Gespräch teilzunehmen.

Christel Ungar-Țopescu weckt die Lebensgeister mit ihrer fröhlichen, erquickenden Art zu sein. Die meisten kennen sie vom Fernsehen, aus der Sendung „Akzente“, doch sie ist nicht nur Journalistin, sondern auch Dichterin und Musikerin. Christel Ungar-Țopescu hat gerade ihren vierten Gedichtband „Du bist mein Kreuz/ Tu ești crucea mea“ zweisprachig in der Übersetzung von Beatrice Ungar, im Honterus-Verlag publiziert.

Sie feiert jetzt, im Juli, nicht nur ihren 54. Geburtstag, sondern auch 30 Jahre, seitdem sie beim Rumänischen Fernsehen in Bukarest tätig ist. Über Lyrik, Musik und ihre Arbeit als Fernsehjournalistin sprach Christel Ungar-Țopescu mit HZ-Redakteurin Cynthia P i n t e r: 

 

Ihr vierter Lyrikband „Du bist mein Kreuz“ ist zweisprachig, in deutscher und rumänischer Sprache, vor kurzem im „Honterus“-Verlag erschienen. Wie kam es zu seiner Entstehung?

Eigentlich ist es immer wieder meine Schwester Beatrice, die darauf besteht, etwas von mir erscheinen zu lassen und dann auch die rumänische Fassung zeichnet, als begnadete Übersetzerin. Das war schon beim ersten Gedichtband „So blau“ so und wird wohl so bleiben.  Wir haben zusammen eine Auswahl der Gedichte getroffen, die in den ersten drei Bänden erschienen sind, da wir immer wieder danach befragt worden sind und keine Bände mehr vorlagen.  Ich bedanke mich bei der Honterusdruckerei für das Layout, bei Stefan Orth und Katharina Zipser für die Illustrationen und last but not least möchte ich mich an diesem Punkt beim Festivaldirektor und Intendanten des Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheaters Constantin Chriac für seine tiefgreifende und weitschweifende Einleitung bedanken.

Christel Ungar: Du bist mein Kreuz/Tu ești crucea mea. Ausgewählte Gedichte. Rumänische Fassung Beatrice Ungar, mit einem Vorwort von Constantin Chiriac und Illustrationen von Stefan Orth und Katharina Zipser. 87 Seiten, Honterus Verlag Hermannstadt, 2020, ISBN 978-606-008-048-0.

Der Titel des Gedichtbands lautet „Du bist mein Kreuz“, welcher tiefere Sinn steckt dahinter?

Das Kreuz hat mich eigentlich von Kind auf immer begleitet. Ich habe anfangs Verzicht und Selbstlosigkeit damit verbunden, beides eigentlich sehr feminine Eigenschaften, alsdann Schenken und Verstehen. Jedoch: Es ist nicht die Pflicht und Schuldigkeit eines Dichters, sich zu erklären.  Ich möchte meine Leser davor warnen nicht in die Falle des billigen Symbolismus zu fallen. Es ist das gute Recht eines Dichters, seiner Subjektivität freien Lauf zu lassen und keine Grenzen zu setzen. Es ist wie bei einem Bild oder einem Musikstück – auch wenn man noch so genau erfährt, wann und wie der jeweilige Maler oder Komponist es hat entstehen lassen, versteht man es erst, wenn man es mit seinen eigenen Sinnen aufnimmt.  Schreiben ist Leben. „Überleben“, sagte es die Dichterin Rose Ausländer so passend in einem ihrer Verse.

Viele der Gedichte sind Liebesgedichte. Wer war Ihre Muse und welcher Dichter Inspiration?

Nora Iuga, die Grand-Dame der rumänischen Gegenwartsliteratur, spricht in ihrem Vorwort zu meinem dritten Gedichtband „Rot“ in einem feinfühligen Exkurs über die Poesie und den Dichter, von dem primären Instinkt des Dichters ausschließlich Liebesgedichte zu schreiben. „Liebe und Poesie haben eine gemeinsame Wurzel“, meint Iuga, „und ich bin sicher, dass die Dichter unsere ersten Lehrer in Sachen Poesie und Liebe zugleich gewesen sind.“  Lassen wir es dabei.

Anstelle eines Nachworts ist ein kurzer Prosatext, eine Kurzgeschichte am Ende des Lyrikbands zu lesen. Ist das der Beginn eines neuen zukünftigen Projekts?

Es hängt davon ab, wie sich die Worte in mir formen. Ich verbinde das Wort-Projekt eigentlich nicht mit meinem Schreiben, eher mit meinen Fernsehsendungen, oder Konzerten. Ich schreibe nicht zielgerichtet und auch nicht zeitlich begrenzt, ich organisiere es nicht, wie ich das in fast allen anderen Lebenssituationen gern tue. Es ist eher ein Prozess, der seinen eigenen Rhythmus hat und seine Form selbst bestimmt.

Wird der Gedichtband in Hermannstadt vorgestellt werden? Wann und wo?

Wohl im Herbst, wenn alles anders aussehen wird. Wo, das ist noch unklar. Wie – auch das wäre eine Frage wert, da ich versucht habe, jede meiner Buchvorstellungen anders zu gestalten, waren es bei „So blau“ und „Wenn wir jetzt“ Abende in denen Jazz und Poesie ineinendergeflossen sind, so sollte es bei  „Rot“ ein richtiges Happening werden, passend zum internationalen Theaterfestival, das es beherbergt hat.

Was war zuerst in Ihrem Leben? Das geschriebene Wort oder das gesungene? Ihre Jazzkonzerte sind vielen Hermannstädtern in Erinnerung geblieben. Wann dürfen wir Sie wieder live als Sängerin auf der Bühne erleben?

Das ist eine gute Frage. Ich habe nämlich sehr spät zu reden begonnen. Mein Vater spaßte immer: Lucian Blaga und Du. Ja, auch der große rumänische Dichter und Philosoph hat spät zu reden begonnen. Auch wenn sie stumm sind, reden die Dichter, hat Blaga nämlich so sinngemäß gesagt.   Vielleicht hat das etwas mit der Sensibilität zu tun, die Dichter zu eigen ist. Gesungen habe ich schon immer liebend gerne. Eigentlich war ich überzeugt, dass es das ist, was mich ausmacht – aber es sollte anders kommen. Mehr als ein Jahrzehnt habe ich in der Begleitung des einmaligen, leider verstorbenen Jazzmusikers Marius Popp meinen Traum ausleben dürfen. Es ist nicht leicht, einen Pianisten seines Formats zu finden, demnach kann ich keine großen Versprechungen machen in diesem Sinn. Ist es soweit, meld ich mich.

Sie sind nun schon seit 30 Jahren bei der Sendung „Akzente“ dabei. Können Sie sich an das erste Interview erinnern, das Sie geführt haben? Wer war Ihr Gesprächspartner?

Die ersten Interviews führte ich mit Schülern der Deutschen Schule Bukarest, die die Revolution 1989 miterlebt hatten – das war im Januar 1990. Eines meiner ersten großen Interviews im selben Jahr, an das ich mich gern erinnere, war jenes mit dem frischgewählten Bischof der Evangelischen Kirche A. B in Rumänien D. Dr. Christoph Klein. Es ging um Bleiben, um Zukunftgestalten und Aufbauen in einer Zeit, in der die meisten mit dem Kofferpacken beschäftigt waren.

Den nach dem Politiker Richard Coudenhove-Kalergi (1894-1972) benannten Coudenhove-Kalergi-Europapreis, der alle zwei Jahre an führende Persönlichkeiten vergeben wird, die sich durch außerordentliche Verdienste im europäischen Einigungsprozess verdient gemacht haben, nahm Rumäniens Staatspräsident Klaus Johannis am 4. März 2020 von Nikolaus von Liechtenstein, Botschafter Liechtensteins beim Heiligen Stuhl und Präsident der Coudenhove-Kalergi Gesellschaft entgegen. Unser Bild: Christel Ungar-Țopescu (rechts) gratuliert Staatspräsident Klaus Johannis.       Foto: Alexander SCHWARZ

Welches war das herausragendste Gespräch, das Sie in Ihrer bisherigen Laufbahn geführt haben?

Ich bin eigentlich für jedes gute Gespräch, das ich aufgezeichnet habe, dankbar. Am liebsten erinnere ich mich an jene mit  dem Philosophen und Schriftssteller Peter Bieri/Pascal Mercier, der Geigenvirtuosin Prof. Anne Sophie Mutter, dem Schauspieler Klaus Maria Brandauer. Die drei hatten eines gemeinsam, Ihre Offenheit und Bescheidenheit, was beeindruckend war, da man  solche Eigenschaften bei  Stars dieser Größe eher nicht erwartet. Unvergessslich bleibt auch das Gespräch mit Eginald Schlattner zum Schriftstellerprozess 1959, in dem er zum ersten Mal vor der Kamera über dieses Thema gesprochen hat. Ja und dann, Klaus Johannis habe ich immer als  Gesprächspartner geschätzt, weil er seine Antworten überdacht klar und präzise liefert und nicht vom Thema abweicht, was viele so liebend gerne tun.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Gab es Veränderungen in der „Akzente“-Redaktion, die ausschlaggebend für das Format oder den Inhalt der Sendung waren?

AKZENTE heißt die Sendung, die ich aus der Taufe gehoben habe und die donnerstags von 15 bis 17 Uhr auf dem ersten Programm des Rumänischen Fernsehens TVR 1 gezeigt wird. Bis 2003 hatten wir auf dem ersten Programm mal freitags, mal mittwochs, mal eine, mal zwei Sendungen, was es schier unmöglich machte, ein einheitliches Konzept zu entwickeln. Es gelang uns, einen einzigen Sendetag auszuhandeln, den neuen Titel durchzusetzen und einen Vorspann zu entwerfen. Mit dem Redaktionsteam gingen wir daran, Nachrichten, Presseschau, Quiz und Vorschau wöchentlich einzusetzen. Was vorher der Sendung fehlte, war vor allem Aktualität. Das hieß für uns mehr und promptere Arbeit. Wir haben in diesen Jahren versucht, bei allen wichtigen Ereignissen dabei zu sein und somit die richtigen AKZENTE zu setzen. Übrigens wurde die Sendung AKZENTE 2004 vom Nationalen Rat für das Audiovisuelle in Bukarest als beste Minderheitensendung ausgezeichnet.

Unsere Sendungen, die sich in erster Linie an die Zuschauer der deutschen Minderheit wenden, vermitteln nicht nur Aktualität, sondern stellen auch ein verbindendes Element für die kulturelle Identität der verschiedenen deutschsprachigen Gruppen dar, die verstreut im ganzen Land leben, von Konstanza bis Temeswar, von Sathmar bis in die Moldau, von Siebenbürgen bis ins Buchenland. Die Mitarbeiter unserer Sendung sorgen dafür, dass Traditionen, Feste und Bräuche stets von neuem erklärt werden. Es gibt Zuschauer, vor allem in den Dörfern, die mit und durch unsere Sendung leben und den Eindruck erhalten, dass noch vieles geschieht und dass es noch nicht am Ende ist mit den Deutschen in Rumänien.

Welches ist das Zukunftsprojekt, auf das Sie gerade am meisten Wert legen?

Jedes Mal, die kommende Sendung. Die Corona-Pandemie hat uns gelehrt von weitgespannten Zukunftsplänen abzusehen, zu viele sind ins Wasser gefallen, der Alltag hat uns alle eingeholt und wir mussten uns anpassen. Ich sehne mich danach, wieder richtig drehen zu dürfen.  Sobald dies möglich sein wird, werde ich mich der nächsten Folge meiner Serie „frauenpower“ widmen und vielen anderen mehr. Es kann nur besser werden.

Vielen Dank für Das Gespräch!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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