Es gibt keine einzig wahre Geschichte

Gespräch mit dem Hochschulassistenten und Historiker Szabó Csaba

Ausgabe Nr. 2681

Szabó Csaba vor der Kulisse der Wehrtürme in der Harteneckgasse/Str. Cetatii in Hermannstadts Altstadtzentrum.                Foto: Werner FINK

Szabó Csaba kommt aus Sathmar und ist seit zwei Jahren Assistent im Rahmen des Departements für Geschichte an der Lucian Blaga Universität. Er studierte Geschichte an der Babeș-Bolyai Universität in Klausenburg und setzte sein Studium in Pécs (2012-2015) und am Max-Weber-Kolleg in Erfurt (2014-2016) fort. Im Rahmen eines derzeitigen Forschungsprojektes an der Universität von Szeged, fokussiert er sich auf römische Religionskommunikation und sakrale Räume. 

Über dessen Werdegang und einige aktuelle Themen sprach mit Szabó Csaba der HZ-Redakteur Werner F i n k.

Wie kamen Sie nach Hermannstadt?

Das hat das Leben so gebracht. Das Doktorat hatte ich 2012 an der Universität in Pécs begonnen und dann war ich über einen Cotutelle-Vertrag Doktorand an der Universität in Erfurt. 2016 bin ich nach Rumänien zurückgekehrt und von 2016 bis 2018 habe ich versucht, in Klausenburg einen Arbeitsplatz in diesem Bereich zu finden, was nicht gelang. Im Sommer 2018 wies der ehemalige Betreuer meiner Masterarbeit darauf hin, dass es in Hermannstadt eine freie Assistenten-Stelle gibt. Ich habe mich beworben, das Vorstellungsgespräch verlief sehr gut und so bin ich hier gelandet. Das ist ein typisches Beispiel für den akademischen Nomadismus. Ich hatte auch in Erfurt Kollegen, die es an 5-6 Universitäten probiert hatten, bis sie zu einem festen Arbeitsplatz gekommen sind. Das ist jetzt eine dreijährige Stelle.

In der Doktorarbeit haben Sie sich mit dem römischen Zeitalter, mit den römischen Heiligtümern in der römischen Provinz Dakien, genauer mit dem Mithras-Kult beschäftigt. Warum gerade damit?

Bereits 2008/2009 habe ich angefangen, mich mit der römischen Religion zu befassen, weil ich bereits meine Bachelorarbeit zu diesem Thema geschrieben hatte. Da hatten wir begonnen auf dem Gebiet der ehemaligen römischen Stadt  Porolissum im Kreis Sălaj ein römisches Gebäude auszugraben. Uns hatte man gesagt, es handele sich um ein römisches Heiligtum. Dann hatte es sich innerhalb von drei Jahren herausgestellt, dass es kein Heiligtum war. In dieser Zeit hatte ich mich aber dokumentiert und so habe ich begonnen, mich mit dem Thema der römischen Religion zu befassen. Seit zehn Jahren ist das nun mein engerer Fachbereich.

Wer war Mithras?

Das war eine Gottheit mit persischem Namen, die in Persien bzw. im altertümlichen Iran in dem fünften Jahrhundert vor Christus erscheint. Die römische Variante ist aber eine neu erfundene Religion, die am Ende des 1. Jahrhunderts, in der Zeit von Trajan erschienen ist. Es wurden einige Elemente hinzugegeben, um die neue Gottheit den Römern exotischer erscheinen zu lassen.  Das hat mich sehr fasziniert. Es war ein sogenannter Mysterienkult, was bedeutete, dass es verschiedene Etappen der Einweihung gab.

Es gibt hier also reichlich  Spuren von diesem Gott zu sehen?

Auf dem Gebiet des ehemaligen Apulum (Karlsburg) und der Ulpia Traiana Sarmizegetusa sind viele Spuren zu sehen, es gibt aber auch andernorts Spuren. Das römische Sarmizegetuza ist eine der am besten erhaltenen römischen Städte im ost- und mitteleuropäischen Verhältnis. Sie würde jedenfalls mehr Touristen verdienen. Vergleichbar damit sind nur Aquincum in Alt-Ofen in Ungarn oder Carnuntum in Österreich.

In Sarmizegetuza wurde 1886 ein Tempel entdeckt, hier wurden damals mehr als 150 Reliefteile gefunden. Es war einer der größten Funde auf dem Gebiet des ehemaligen römischen Reiches, was Mithras betrifft. König Pál war es, der das ausgegraben hatte. Das Hauptrelief ist übrigens die Szene, wo Mithras den Stier ersticht. Warum es da so viele Reliefs gegeben hat, weiß man nicht. Leider steckte die Archäologie damals noch in den Kinderschuhen, vieles wurde nicht richtig dokumentiert und heute kennen wir die Lage des entdeckten Heiligtums nicht genau. Ein Teil der damals gefundenen Gegenstände  befindet sich im Museum in Deva. In der römischen Provinz Dakien gab es natürlich nicht nur Mithras, es gab etwa 150 Götter, jedoch geht es in dem vorhandenen Stoff zu 30 Prozent um Mithras. Bei der Verbreitung zählte vor allem das Soldatentum viel. Außerdem wurden in die römische Provinz Dakien sehr viele Kolonisten aus anderen Provinzen gebracht und diese Menschen waren oft Händler. Mithras war vor allem in großen Handelszentren populär.

Reicht es aus, dass jemand als Hobby-Historiker sich aus dem Internet dokumentiert oder muss er ein ausgebildeter Historiker sein, um Zusammenhänge richtig erkennen zu können?

Ich glaube, dass zwei Sachen den Historiker von einem Laien unterscheiden. Erstens muss man über technisches Wissen verfügen. Dafür, dass jemand lateinische Inschriften lesen kann, muss er Lateinisch können. Er muss die Abkürzungen kennen. Das kann er unmöglich über das Internet lernen. Das gilt auch im Falle von mittelalterlichen Kodizes, was die mittelalterliche Diplomenkunde angeht.

Zweitens braucht man einen teilweise über das Studium  an der Hochschule, teilweise über die Übung während der Forschung entstandenen Filter im Kopf, so dass man imstande ist zu unterscheiden, ob eine primäre Forschungsquelle echt ist. Man gebe jemanden ein Relief in die Hand und dann soll er entscheiden, ob das römisch ist, aus dem Mittelalter oder aus dem Barockzeitalter stammt oder ein modernes Erzeugnis ist. Ohne technisches Wissen wird dieser sagen, alles ist römisch und alles ist echt. Vor allem sind es die winzigen Nuancen, die einen zum Geschichtswissenschaftler machen.

Sie arbeiten derzeit an einem Atlas der römischen Heiligtümer?

Das ist ein Nachdoktorat-Projekt, das über die Universität in Szeged läuft, wo ich Partnerforscher bin. Das Projekt läuft bis Ende 2021. Hier geht es darum, die Heiligtümer der römischen  Provinzen entlang der Donau von dem Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer auf die Karte zu bringen.

Was ist der häufigste Irrglaube bezüglich Geschichte in den Reihen der Studierenden?

Ich frage meine Studenten immer, warum sie dieses Fach gewählt haben. Der eine Student hatte vergangenes Jahr gesagt, es stünden immer mehr Quellen zur Verfügung, so dass er nicht mehr wisse, welche die richtige Geschichte sei. Er sei sehr unsicher geworden und würde gerne die wahre Geschichte erfahren. Da habe ich ihm gesagt, die wahre Geschichte würde er auch hier nicht erfahren, weil es keine einzig richtige Geschichte gebe. Wir könnten ihr aber nahe kommen, indem wir die Quellen benutzen.

Kann eine Minderheit eine Brücke zwischen zwei Ländern sein? Im Falle der ungarischen Minderheit scheint dies nicht immer zu funktionieren?

Die Vergangenheit der Siebenbürger Sachsen und der Rumänen ist weniger problematisch. Sicher wissen  viele Personen vor allem der jüngeren Generation nicht viel vom Verkauf der Siebenbürger Sachsen. Aber im Falle der Ungarn und Rumänen gibt es eine 800-jährige gemeinsame Geschichte, wo der größte Teil nicht von einem friedlichen Zusammenleben handelt. Verglichen mit dem eurpäischen Verhältnis, mit der deutsch-französischen oder deutsch-englischen Geschichte, stehen wir nicht viel schlechter, der Unterschied ist aber, dass jene seit Jahrzehnten daran arbeiten, diese Wunden zu überwinden, wir aber arbeiten nicht daran. Es gibt nicht genug darin investierte Arbeit. Das rumänisch-ungarische Verhältnis wird nicht besser werden, solange nicht genug Energie in die Verbesserung der Beziehung zwischen diesen beiden Völkern investiert wird. Auf politischer Ebene sehen die Chancen zur Zeit beiderseits schlecht aus, aber wenigstens könnten die Zivilgesellschaft, die wissenschaftliche Welt vor allem was Bildung, Kultur oder Kunst angeht daran arbeiten, das Verhältnis zu verbessern. Auf höchster Ebene gibt es kein Interesse, weder von der einen noch von der anderen Seite, dass die  Beziehung verbessert wird.  Das bleibt hüben und drüben immer ein nützliches Wahlkampfthema.

Gibt es auch positive Beispiele, wo eine Annäherung erfolgt ist?

Ich würde sagen in der Literatur, wo viele Gedichte übersetzt wurden. Das Goldene Zeitalter war das Zeitalter des Kriterion-Verlags und des Dacia-Verlags, als man die ungarischen und deutschen Werke ins Rumänische übersetzte bzw. rumänische Literatur ins Deutsche oder Ungarische. Die Literatur  ist aber auch jetzt eine gute Brücke, auch das Theater, die Künste im Allgemeinen.

Gibt es Beispiele in Europa, wo eine erfolgreiche Versöhnung stattgefunden hat?

Es gibt diese symbolischen Akte, bei denen sich deutsche und franzosische Staatsmänner umarmen oder Kränze an traumatischen Schauplätzen niederlegen. Finnland und Schweden konnten ihr Verhältnis auch verbessern. Die Finnen lebten hunderte von Jahren unter  schwedischer Herrschaft und die beiden Länder konnten ihre Beziehungen trotzdem handhaben. Man muss einen eigenen Weg finden, der her gehört, ein hierher gehörendes Rezept. Kopieren kann man nichts, denn wir sind weder Finnen noch Schweden, auch wenn die Geschichte ähnlich ist.

Die ethnische Zugehörigkeit zählte im Mittelalter aber nicht viel?

Nein, da zählte die Religion und die gesellschaftliche Kategorie, der Stand. Auch im Falle der Rumänen gibt es bis ins 15. Jahrhundert die Universitas Valachorum, eine repräsentative Gemeinschaft so wie es auch die Universitas Saxonum und die Universitas Sicolorum gab. Diese beginnt  sich aufzulösen bzw.  wird abgebaut vor allem aus Glaubensgründen, da die Rumänen über den Glauben zu Konstantinopel  gehörten und nicht zu Rom. Die großen ethnisch geprägten Konflikte in der Geschichte Siebenbürgens beginnen erst ab dem 18. Jahrhundert unter der Herrschaft der Habsburger. Vor 1760 gibt es keine ethnischen Konflikte.

Könnte man Siebenbürgen als ein Kleines Europa sehen?

Wir Siebenbürger müssten die europäische Auffassung mit der siebenbürgischen Auffassung verbinden. Es gibt sehr viele gemeinsame Dinge, wie zum Beispiel die religiöse Vielfalt, die sprachliche und die ethnische Vielfalt.

In der siebenbürgischen  Landschaft sind im Bereich des kulturellen Erbes alle drei Arten von Europa anwesend: die westeuropäische Zivilisation über die Gotik und Renaissance, die östliche, balkanische geprägte Kultur und die mitteleuropäische Kultur die weder her noch hin gehört, über den ungarischen Jugendstil. Man kann kaum eine Region in Europa finden, wo alle drei Europas, Westeuropa, Mitteleuropa und Osteuropa sich an einem einzigen Ort befinden. Europa kämpft mit denselben Problemen. Die Europäische Union ist nicht einheitlich.

Halten Sie Identität für wichtig im Rahmen der Europäischen Union?

Ich glaube nicht daran, dass die Vereinigten Staaten von Europa möglich wären. Das wäre schön und vielleicht besser aus geopolitischer Sicht, ich sehe aber vorläufig keine Chance dafür. Ich finde es aber wichtig, lokale Identitäten zu pflegen, wobei in Sachen Wirtschaft, Verteidigung und  Außenpolitik die Europäische Union einheitlich agieren kann.

Drüben in den USA werden im Zuge der jüngsten Ereignisse Kolumbus-Statuen entfernt. Wie kommentieren Sie das?

Da wird Kolumbus als derjenige betrachtet, der die Kolonialisierung gestartet hat. Dies sehe ich etwas anders, aber die Entfernung der Statue des belgischen Königs Leopold II. (1835-1909; von 1865 bis 1909 König der Belgier und von 1885 bis 1908 absoluter Monarch des Congo-Freistaates) sehe ich hingegen als normal an. Durch Leopold II. sind tatsächlich zehntausende von Menschen im Congo gestorben.

Washington oder Jefferson haben möglicherweise auch Sklaven gehabt oder waren nicht immer korrekt, aber man muss sie im Kontext ihres Zeitalters betrachten. Wenn man daran denkt, dass der letzte Sklave erst 1935 gestorben ist und dass es in den 1950-er Jahren noch Segregation gab, als es im Bus separate Abteile für Schwarze gab. Das müssen die Eltern oder Großeltern derjenigen, die jetzt dort leben, noch miterlebt haben.  Es ist selbstverständlich, dass es traumatisch für diese war. Persönlich sehe ich keine Lösung darin, dass man sich gegenseitig die Statuen entfernt. Das ist typisch: Wenn in einer Familie ein Streit ausbricht und Teller in Scherben gehen. Davon wird das Problem noch nicht gelöst. Wo die Frustration schon so groß ist, bedeutet es, dass man gewisse Probleme schon vor langem hätte besprechen müssen. Das Problem in Amerika ist genau dasselbe wie auch hier in Siebenbürgen: ein altes historisches Trauma wurde nicht gelöst.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

 

 

 

 

 

 

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