Still, gelassen und einfühlsam

Nachruf auf Pfarrer Reinhardt Boltres (1968-2020) / Von Johannes KLEIN

Ausgabe Nr. 2678

Der viel zu früh verstorbene Agnethler Pfarrer Reinhardt Boltres war Jahr für Jahr nach Wiederaufnahme des Brauches des Urzellaufs ein großzügiger und immer freundlicher Gastgeber einer der Parten. Unser Bild: Pfarrer Reinhardt Boltres bedient die Urzeln mit leckeren Krapfen beim Urzellauf 2014. Foto: Werner FINK

„So spricht Gott, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein“.
(Jesaja 30,15).

So steht dieser Vers in der Lutherbibel: im Konjunktiv. Diese Interpretation ist nicht falsch, weil das Althebräische keinen Konjunktiv kennt und man diesen in modernen Sprachen zum Verständnis gelegentlich braucht. Im biblischen Kontext ist der Konjunktiv sinnvoll, weil sich das Volk Israel, auf das sich dieser Vers primär bezieht, in der beschriebenen Situation gerade nicht durch Stillesein und Vertrauen stark gemacht hat. Und das tut nicht nur das Volk Israel in dem Fall nicht, sondern die meisten Menschen sind nicht im Stillesein und Vertrauen stark. Es gibt aber durchaus auch Ausnahmen – wie Reinhardt Boltres –, die diesem Bibelvers entsprechen, ohne vorher gemahnt werden zu müssen. Im Andenken an ihn möchte ich deshalb den Bibelvers nach der Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig wiedergeben, die viel näher an der hebräischen Vorlage steht: „In Umkehr und Ruhe werdet ihr befreit, in Stille und Gelassenheit geschieht euer Heldentum.“ Reinhardt Boltres hat sein ganzes Leben lang in seiner Ruhe Freiheit gelebt, er war ein Held der Stille und Gelassenheit. Der lutherische Konjunktiv kann sich auf ihn nicht beziehen. Er ist Mahnmal für uns: vielleicht würden wir stärker sein, wenn wir etwas mehr auf Stille und Vertrauen achten würden.
Reinhardt Boltres wird am 29. April 1968 als Sohn der Katharina und des Reinhardt Boltres in Hermannstadt geboren. Während der Kindheit weilt er oft bei den Großeltern in Reußdörfchen, wenige Kilometer von Hermannstadt entfernt.

Zur Schule geht er in die Spartacus-Straße, wo er zum ersten Jahrgang gehört, für den an der Schule Nr. 4 zwei deutsche Parallelklassen eingerichtet werden. Für die ersten vier Jahre bekommt er eine vielen Hermannstädterinnen und Hermannstädtern durch ihre Strenge bekannte und gemiedene Lehrerin, unter der er leidet: Er gehört nicht zu ihren Lieblingen, die bevorzugt werden. Er leidet in der Stille. In den nächsten vier Jahren fällt er durch seine überduchschnittliche Größe auf: ein durchaus ansehnlicher Junge, zu dem man aufschaut, obgleich eine gewisse Innengekehrtheit und Schüchternheit gleicherweise sichtbar werden, hinter denen sich aber gleichwohl die bereits erwähnte Ruhe und Gelassenheit verbergen. Nach Beendigung der 8. Klasse besucht er das Energetische Lyzeum in Hermannstadt, wo er den Beruf eines Elektrikers erlernt. Als er dann nach Abschluss des Lyzeums mit dem Bakkalaureat Instandhaltungselektriker beim Betrieb für Geflügel- und Kleintierhaltung „Avicola“ in Mârșa arbeitet, wird relativ bald deutlich, dass die Praxis ihn sehr erfüllt, dass er aber darüber auch deutlich hinausweist. Es ist die Zeit, wo er zusammen mit seiner Schwester Waltraud zur Evangelischen Jugendgruppe in Hermannstadt stößt, mit der er viele Stunden im Gespräch um die Bibel und auf zahlreichen Ausflügen verbringt. Hier wird für alle, die ihn kennenlernen, deutlich, dass er nicht nur ein freundlicher und zurückhaltender junger Mann ist, sondern dass in ihm mehr steckt, als auf den ersten Blick sichtbar wird. In diesem Kontext fühlt er sich zum Theologiestudium berufen und geht dieses Ziel nach Ableistung des Militärdienstes und nach einer strengen Vorbereitung und Prüfung in den Fächern Bibel, Katechismus, Kirchenmusik, Deutsch und Rumänisch entschlossen an. Das Theologiestudium nimmt er für sich sehr ernst, man staunt gelegentlich beim Verlesen einer Kurzarbeit über herausragende Gedanken, die im Stillen formuliert wurden und plötzlich im Raum stehen, oder man freut sich über die stille Mitarbeit beim kritischen Studentenblatt „Die 7. Posaune“, wo er den Vertrieb an viele Abonnenten im In- und Ausland erledigt und die Kassaevidenz verfolgt.
Wer mit ihm ins Gespräch kommt, kann unsägliche Tiefen anderweitiger Beschäftigungen erfahren. Auf einem Ausflug mit Freunden in die Westkarpaten erzählt er über Pflanzen und Tiere. Man kann erfahren, welche Waldwurzeln essbar sind, aus welchen Kräutern man für welche Krankheiten Tee kochen kann, welches die jeweilige Wirkung ist und vieles mehr.
Das Studium führt ihn auch außer Landes. Von Herbst 1992 bis Sommer 1993 studiert er in Erlangen im Rahmen zweier Gastsemester Evangelische Theologie. Trotz dieser einjährigen Spezialisierung verzögert sich sein Studienabschluss nur um ein halbes Jahr, weil er in seiner Pflichtbewusstheit rasch alles nachholt. Als Vikar von Pfarrer Andreas Funk gelangt er im Frühjahr 1995 nach Agnetheln und wird da ein Jahr später als Pfarrer ordiniert. Es wird klar: die Agnethler Gemeinde hat den stillen, gelassenen und einfühlsamen Mann schätzen und lieben gelernt. Zunächst arbeitet er eng mit Pfarrer Andreas Funk zusammen, übernimmt aber nach dessen Tod auch dessen Gemeinden. Insgesamt werden es 19, die er zu einem Gemeindeverband zusammenschließt. Es ist erstaunlich, wie er auch hier in aller Stille nicht nur die Seelsorge, sondern auch die Außenvertretung und die Buchhaltung aller dieser Gemeinden meistert. Sicherlich steht ihm da – wiederum in aller Stille und Gelassenheit – seine Freundin und Lebensgefährtin Inge Gull bei, die ihn und die Gemeinden nicht nur mit ihrem Orgelspiel begleitet. Von ihr erhält er Gleichgewicht und bei ihr kann er manchen inneren Stress ablegen.
Sein größtes Projekt – die Restaurierung der Kirchenburg Agnetheln – hat er irreversibel in die Wege geleitet. Es bleibt ihm vorbehalten, dessen Früchte aus einer höheren Welt zu sehen. Es sei ihm gewünscht, dass er seine innere Stille und Gelassenheit mit in die ewige Welt mitnehmen kann, sie aber gleichzeitig auch auf diejenigen projizieren kann, die noch eine Zeit auf dieser Welt verweilen. Gott schenke ihm die ewige Ruhe!

 

 

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