Freudiger Dienst an der Gemeinschaft

Helga Pitters zum 90. Geburtstag / Von Sunhild GALTER

Ausgabe Nr. 2677

Dieses Porträtbild von Helga Pitters ist in dem Bildband ,,Porträts“ von Fred Nuss abgedruckt.                                                        Foto: Fred NUSS

Jeder in Hermannstadt kennt Helga Pitters. Ebenso in unserer Evangelischen Landeskirche. Warum? Weil sie aus einer in Siebenbürgen bekannten Familie von Pfarrern und Lehrern stammt? Nun, vor allem weil sie sich ein Leben lang für die Gemeinschaft eingesetzt hat.

Sie ist eine gebürtige Pfarrerstochter; ihr Vater, Hermann Rehner, der Geschichte und Theologie studiert hatte, war zuerst als Lehrer tätig, übernahm dann aber eine Pfarrstelle in Wolkendorf. Dort verbringt Helga die ersten Jahre ihrer Kindheit unbeschwert, doch unter dem strengen Regiment der aus Österreich stammenden Mutter. 1939 zieht die Familie nach Hermannstadt um.

 

Nach dem Besuch des Lehrerinnenseminars in Schäßburg widmet sich Helga Rehner als Lehrerin den Schellenberger Kindern. Aber auch um die Erwachsenen kümmert sie sich mit allerlei kulturellen Angeboten, – Singabende, Theaterspiel, Handarbeitskurse. Es ist eine gute Vorbereitung für ihr Leben als Pfarrfrau in Zied bei Agnetheln. Denn 1955 heiratet sie den frischgebackenen Pfarrer Hermann Pitters und folgt ihm auf seine erste Pfarrstelle. Es ist ein kleines Dorf und dementsprechend gibt es nur eine Lehrerstelle an der Schule. Gerne würde sie weiter als Lehrerin arbeiten, will aber den einzigen Lehrer des Dorfes nicht verdrängen. So bringt sie sich in die kleine herzliche Dorfgemeinschaft ein, in der sich die junge Pfarrersfamilie gleich zu Hause fühlt. Bis heute empfindet sie jene Zeit als etwas ganz Besonderes. Die junge Familie fühlte sich in Zied zu Hause, gut aufgehoben. Helga Pitters dankt es den Dorfbewohnern durch vielfältige Angebote ihrerseits: Sie bietet Leseabende, studiert Theaterstücke ein, lehrt die jungen Frauen nähen und sticken…

Aber es dauert nicht lange und ihr Mann, Hermann Pitters, wird 1960 erst 28-jährig nach Hermannstadt ans Theologische Institut berufen. Die drei Söhne und der Haushalt fordern zwar viel Zeit, dennoch ist sie auch in der Hermannstädter Gemeinde tätig, denn Anfang der 1960er Jahre herrschte nach den verschiedenen Enteignungen noch in vielen Häusern Armut, die Leute wohnten beengt, auch Helga und Hermann lebten mit den Kindern in einer engen Mansardenwohnung im Haus der Eltern. Ihr Engagement in der Hermannstädter Kirchengemeinde führt bald dazu, dass sie zur Presbyterin gewählt wird und ab 1968 für Jahrzehnte dieses Amt innehatte. Wichtig ist ihre Tätigkeit als sogenannte „Armenmutter“, die Spenden für die Armen sammelt und aufteilt, und auch eine Nähstube gründet, wo abgegebene Kleider umgeändert werden.

Später dann hilft Helga Pitters auch in der Redaktion der Kirchlichen Blätter im Bischofshaus bei deren Herausgabe mit. So kommt es auch zu einem Höhepunkt in ihrer größtenteils ehrenamtlichen Tätigkeit als Pfarrfrau. Denn die Frau des damaligen Bischofs, Maria Klein, die den Weltgebetstag in die Ev. Kirche in Rumänien gebracht hatte, schickt sie im März 1987 zur 100-Jahres-Feier des WGT, die in Stoney Point neben New York stattfindet. In Zeiten der Diktatur war es nicht einfach die Genehmigung für so eine Reise zu erhalten, es klappt aber, denn dank einer in den USA lebenden Verwandten wird das Unterfangen als Familienbesuch getarnt. Dieses Erlebnis stellt die Weichen. Helga Pitters wird mit drei, vier weiteren Frauen zum Motor der WGT-Arbeit in ihrer Heimat. Sie beschaffen auf oft abenteuerlichen Wegen die Materialien, organisieren in einem der kirchlichen Heime die bis 1989 als Freizeiten getarnten WGT-Vorbereitungen mit den Pfarrfrauen als Multiplikatorinnen. Es gab abenteuerliche Treffen, so im Jahr 1988 in Wolkendorf, als gerade der Jahrestag des Arbeiteraufstands in Kronstadt war, und im kirchlichen Erholungsheim sicherheitshalber auch einige Geheimdienstleute einquartiert waren um auf die Pfarrfrauen aufzupassen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Es waren abenteuerliche Fahrten auf vereisten Straßen, mit knapper Benzinration im Tank (dank einiger großherziger Pfarrer bekamen auch die Frauen für ihre WGT-Arbeit manchmal von den begehrten Benzingutscheinen etwas ab). Ab 1990 konnte diese Arbeit dann ganz offiziell stattfinden, es gab Einladungen zu Vorbereitungen nach Deutschland, Österreich, zu Tagungen.

Und so tat sich für Helga Pitters schon wieder ein neuer Tätigkeitsbereich auf. Denn die Frauen, die daran teilnehmen, müssen das immer als Privatpersonen machen. Also ist das nächste große Ziel die Gründung der Frauenarbeit der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Seit dem 19. Jh. hatte es in jedem kleinen Ort einen Frauenverein gegeben, der sich um kulturelle, soziale, kirchliche Belange kümmerte, zwischen 1948, als sie staatlicherseits verboten wurden und bis zur Wende 1990 quasi illegal. Nun ist es an der Zeit, dieser nie unterbrochenen Arbeit wieder einen Namen zu geben. Wieder gründet Helga Pitters eine Initiativgruppe, sie ist ein so genannter Team Player, sie möchte möglichst viele interessierte Frauen einbinden und das Anliegen dadurch auf eine breitere Basis stellen. Was ihr auch hervorragend gelungen ist. Denn dadurch geht die Arbeit, auch nachdem sie sich daraus zurückgezogen hat, weiter: in der Diakonie, in den Handarbeitskreisen, in der WGT-Arbeit, in der Frauenarbeit. Doch es dauert lange, bis auch letzteres Vorhaben in Erfüllung geht. Erst nach mehreren Jahren konnte die evangelische Frauenarbeit ihre Aktivitäten offiziell als Werk der Kirche anbieten. Heute ist sie ein unverzichtbarer Teil des kirchlichen Lebens geworden. Wie auch die alljährlichen Veranstaltungen rund um den Weltgebetstag, bei dem die Spenden von Jahr zu Jahr höher werden. Wie auch die Handarbeitskreise und die von ihnen veranstalteten Basare.

Helga Pitters hat in vielen ehrenamtlichen Bereichen den entscheidenden Anstoß gegeben, aber nie im Alleingang, immer mit anderen und wenn die Sachen liefen, konnte sie sich auch ohne Ansprüche und ohne Bedauern zurücknehmen.

Jetzt, einige Tage vor der Erfüllung des 90. Lebensjahres, ist sie immer noch in den Hermannstädter Frauenkreisen tätig. Sie hatte keine hohen Erwartungen an ihren Status als Pfarrfrau, hat aber jede Einsatzmöglichkeit voll genutzt. Dafür soll ihr bei dieser Gelegenheit von ganzem Herzen gedankt werden! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

 

 

 

 

 

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