Ein weltberühmtes Dichterleben

Zum 50. Todestag von Paul Celan (1920-1970)

Ausgabe Nr. 2669

Paul Celan 1963 in Paris.                                              Foto: Lütfi ÖZKÖK

Der Filmemacher Frieder Schuller, Pfarrerssohn aus Katzendorf/Cața in Siebenbürgen, drehte 1988 unter schwierigen Bedingungen mit westlichen Schauspielern in Bukarest einen umwerfenden, großartigen Spielfilm über die zwei Bukarester Jahre Paul Celans (1945-1947). Am 18. April 2020 sollte dieser Film – „Im Süden meiner Seele“ – in Berlin gezeigt werden, doch die Kinos sind für uns geschlossen, der Virus verschiebt unser aller Leben. Der Filmtermin wurde auf den 5. September 2020 verschoben. Dr. Ingeborg Szöllösi vom Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam und das Bundesplatz-Kino in Berlin werden zusammen diesen Film- und Gesprächsnachmittag veranstalten. Die Erinnerung an Paul Celan ist in diesem Jahr bedeutungsvoll, seinen 100. Geburtstag würde der weltbekannte deutschsprachige jüdische Lyriker aus Czernowitz in diesem Jahr feiern und am 20. April 2020 war sein 50. Todestag.

 

Vor acht Jahren habe ich bereits diesen großartigen Film, eine gelungene Hommage an die beiden Bukarester Jahre Celans im Rumänischen Kulturinstitut in Berlin-Grunewald gesehen. Mit einem siebenbürgischen Bauernjungen floh Paul Celan von Bukarest nach Wien im Jahr 1947. Der Bauernjunge wusste nicht, mit welchem Genie er auf der Flucht war, mit wem er unterwegs in Kuhställen auf Stroh schlief. In Wien kamen sie beide an, doch der Bauernjunge hatte Heimweh und ging zurück nach Siebenbürgen. Paul Celan hingegen blieb und begann sein großes literarisches Leben im Westen Europas. Frieder Schuller, der Siebenbürger aus Katzendorf, zeigte seinen genialen Film „Im Süden meiner Seele“, ließ die beiden Jahre 1945 bis 1947, in denen Paul Celan in Bukarest lebte, vorbeiziehen.

Der Abend sollte eine Suche nach Paul Celan sein mit Filmvorführungen, Musik und kurzer Lesung und Erzählung über ihn, den Lyriker. Zweiundneunzig Jahre alt wäre Paul Celan, in jenem November 2012 geworden, doch bereits mit fünfzig Jahren war sein Leben in Paris mit einem gewollten Sturz in die Seine beendet.

Das Geburtshaus von Paul Celan in Czernowitz in der ehemaligen Wassilko-Gasse (Heute: vul. Saksahanskoho). Hier wurde 1992 eine Gedenktafel enthüllt, die von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur gestiftet worden ist.                                  Foto: Christel WOLLMANN-FIEDLER

1920 wurde er als Paul Anchel, später rumänisiert zu Ancel, woraus Celan wurde, in Czernowitz am Pruth, der Hauptstadt der Bukowina, geboren. Nach Beendigung der Jüdischen Schule und des Gymnasiums entschied er sich kurzfristig für ein Medizinstudium in Tours, kehrte zurück in die Bukowina und begann mit dem Studium der Anglistik und Romanistik. 1940 kamen die Sowjets in die Nordbukowina, transportierten willkürlich Juden, Intellektuelle und Geschäftsleute nach Sibirien. Danach, 1941, besetzte die Deutsche Wehrmacht das Buchenland. Die jüdische Bevölkerung wurde in das rasch installierte Ghetto getrieben, für andere begannen bereits die Deportationen in die Lager nach Transnistrien.

Paul Celan kam zur Zwangsarbeit in die Südmoldau, seine Mutter wurde jenseits des Bug erschossen, sein Vater starb an Typhus. Celan überlebte, kam 1944 zurück nach Czernowitz. 1945 besetzten die Sowjets die Nordbukowina und er floh vor den Besetzern nach Bukarest, wie so viele Einwohner der Nordbukowina damals. In Bukarest studierte er weiter und arbeitete als Übersetzer und Lektor.

Noch in den beiden Bukarester Nachkriegsjahren bejahte Paul Celan das Leben, hatte die Judenverfolgung überlebt, war jung, verehrte Ruth und andere schöne Frauen, befreite sich die Seele mit seiner Dichtkunst, führte Dialoge mit der Dichterin Rose Ausländer aus Czernowitz.

Die kommunistische Zeit begann in Rumänien, der König musste das Land verlassen und täglich wuchs der Wunsch des jungen Dichters, in einem freien westlichen Land zu leben. Die Mitglieder der Gruppe 47 verstanden seine Gedichte nicht, fanden sein Vortragen zu pathetisch, die Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann war kurz. Von Wien zog er weiter nach Paris, heiratete die katholische Adelige Gisele de l’Estrange und bekam zwei Söhne. Depressionen und Lebenszweifel verfolgten ihn und mit fünfzig Jahren beendete er sein inzwischen weltberühmtes Dichterleben.

Christel WOLLMANN-FIEDLER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted in Literatur, Aktuelle Ausgabe.