Zum Nachdenken animiert

Streiflichter von der Wintervortragsreihe 2020 im Teutschhaus

Ausgabe Nr. 2660

Auf die Buchvorstellungen am Montag folgte eine Autogrammstunde mit Wolfgang Rehner (links) und Gerhild Rudolf.                  Foto: Fred NUSS

Die Wintervortragsreihe des Friedrich Teutsch-Kultur- und Begegnungszentrums geht am Dienstag, den 18. Februar, 17 Uhr, mit einem Vortrag der Historikerin Dr. Raluca Maria Frîncu, Abteilungsleiterin im Altembergerhaus des Brukenthalmuseums, über die Nachbarschaften der Siebenbürger Sachsen zu Ende. Die Veranstaltung stand unter dem Motto ,,Grenzen überwinden“, das auch die Jahreslosung 2020 der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien ist. Alle Vorträge wurden diesem Motto gerecht, das Interesse war groß und die Anwesenden unterhielten sich auch im Anschluss daran lebhaft. Stellvertretend veröffentlichen wir im Folgenden den Bericht von Lothar Schelenz über die Veranstaltung am Montag.

 

Im Rahmen der Wintervortragsreihe „Grenzen überwinden“ des Friedrich-Teutsch-Begegnungs- und Kulturzentrums hat am Montag ein Doppelvortrag mit zwei Buchvorstellungen stattgefunden. Der ehemalige, sich im Ruhestand befindende Hermannstädter Stadtpfarrer Wolfgang H. Rehner stellte seinen Aufsatzband „Zwischen Gestern und Morgen“ und Dr. Gerhild Rudolf ihre Dissertation, herausgegeben als Buch mit dem Titel „Wurzeln und Wege“, vor.

Das Interesse war groß, so dass die aufgestellten Stühle bei weitem nicht ausreichten, um der Zuhörerschaft Platz zu bieten, eilig wurden noch weitere Stühle dazugestellt. Nachdem das Publikum Platz genommen hatte, konnte Dr. Gerhild Rudolf in ihrer Funktion als Leiterin des Friedrich – Teutsch –  Begegnungs- und Kulturzentrums alle Gäste begrüßen und die Veranstaltung eröffnen.

Stadtpfarrer i.R.  Wolfgang H. Rehner erläuterte, dass sein heute vorzustellendes Buch „Zwischen Gestern und Morgen“ eigentlich schon 2018 erschienen ist. Der Inhalt des Buches enthält Berichte und Vorträge  aus  dem Leben der Siebenbürgisch – Sächsischen Gemeinschaft in den vergangenen Jahren. Das wird auch deutlich auf dem sehr gut gestalteten Umschlag des Buches, welches Friedrich Teutsch und ein Bild vom Sachsentreffen 2016 in Sächsisch-Regen zeigt, das macht die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart deutlich. Wolfgang H. Rehner führte weiter aus, das seine Berichte und Vorträge, gesammelt in diesem vorliegenden Buch, Fragen nach der Zukunft offenlasse – wer kennt sie schon? –  aber implizieren soll, dass in der Vergangenheit die Lehre für die Zukunft liegt.  Der Buchautor verdeutlichte durch das Vorlesen zweier sich zu Weihnachten zugetragenen Geschichten, eine aus den 1960-er Jahren  und eine aus den 2000-er Jahren, wie sehr sich das Leben der Siebenbürger Sachsen verändert hat. Beide Geschichten unterstrichen die Absicht des  Autors, einen Bogen der Reflektion zu spannen „Zwischen Gestern und Morgen“! Das Publikum honorierte die Buchvorstellung mit verdientem Applaus.

Dr. Gerhild Rudolf, die Leiterin des Friedrich Teutsch-Kultur- und Begegnungszentrums, präsentierte ihre Dissertationsarbeit als Buch mit dem Titel „Wurzeln und Wege“. Sie bedankte sich eingangs, genau wie ihr Vorredner, herzlichst für die Unterstützung des Deutschen Forums der Deutschen in Hermannstadt und Rumänien, sowie beim Departement für Interethnischen Beziehungen der rumänischen Regierung, für die gewährte Unterstützung beim Realisieren der Buchveröffentlichung. Frau Dr. Gerhild Rudolf begann die inhaltliche Vorstellung ihres Buches mit einer kurzen Erklärung zur Bedeutung des sozialen Aspektes der Sprache in der Gesellschaft. Das Individuum braucht zur Wahrung seiner Existenz und zwecks Integration seine Sprache. Es soll, so Gerhild Rudolf, seine kognitiven Strukturen und Denkmuster denen seiner Umwelt anpassen, emotionale Gefühle für die kulturspezifischen Belange und die Bereitschaft entwickeln,  sich den Regeln der Gesellschaft anzupassen. Sprache ist der Transporter der Lehre Gottes, damit kommt Frau Dr. Gerhild Rudolf zum Grund ihrer Studie, der Sprachenfrage in der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, „Soziolinguistische Perspektive auf die Transformation einer Kommmunikationsgesellschaft in sprachlicher und konfessioneller Minderheitensituation“.

Um ihre Arbeit dem Publikum darzustellen, was anhand vom reinen Vorlesen eher kompliziert wäre, brachte die Autorin Wahlzettel ins Publikum mit Fragen, die den Gebrauch von deutscher und/oder rumänischer Sprache im Gottesdienst betreffen. Da konnte das Publikum über seine Präferenz abstimmen. Die Ergebnisse machten deutlich, wie unterschiedlich die Meinungen über die Sprachenpräferenz im Gottesdienst ist. „Sprache ist die eigentliche Heimat“ wird Wilhelm von Humboldt auf der Titelseite des Buches zitiert, sie ist auch identitätsstiftend, sie ist das Haus des Seins, darin wohnt der Mensch, wie Martin Heidegger ebenfalls auf der Eingangsseite zitiert wird. Die beiden Zitate machen auch die Dimension der Sprachenfrage im Gottesdienst als Minderheitenkirche deutlich. Eine ebenfalls sehr gelungene Buchpräsentation, die auch zum Nachdenken animierte.

 Dr. Alexandru Marius Crișa

Am Dienstag hielt Dr. Alexandru Marius Crișan, Mitarbeiter am Institut für Ökumenische Forschung Hermannstadt, einen umfangreich dokumentierten Vortrag in rumänischer Sprache über Taizé und die Verbindungen hiesiger Christen mit der Kommunität. Crișan hatte bei seinen Besuchen in Taizé Einsicht erhalten in die Tagebücher der fréres und dabei festgestellt, dass schon 1967 frére Rudolf in Hermannstadt zu Besuch gewesen ist, die Einladung hatte der damalige Kleinscheuerner Pfarrer Hans-Dieter Schullerus ausgesprochen. Crișan hatte im Vorfeld seines Vortrags folgenden Brief aus Taizé empfangen:

Liebe Freunde in Hermannstadt,

der Vortrag heute Abend im Teutsch-Haus ist ein weiterer Anlass, der die große Verbundenheit der Communauté von Taizé mit den Menschen in Rumänien insgesamt und besonderes auch mit den Siebenbürger Sachsen zum Ausdruck bringt. Diese Verbundenheit besteht inzwischen seit einigen Jahrzehnten und es freut mich, im Mai diesen Jahres auch persönlich wieder einmal in Hermannstadt zu Gast sein zu dürfen.

Die Vorträge im Teutsch-Haus stehen unter dem Motto ,,Grenzen überwinden. Tradition und Transformation in Kirche, Gesellschaft und Kultur“. Diesem Motto kommen auch die Vorschläge für das Jahr 2020 von frère Alois, dem Prior unserer Communauté, sehr nahe, die uns das ganze Jahr hindurch in Taizé und auch bei Treffen anderswo begleiten werden; sie haben als Titel ,,Unterwegs und doch verwurzelt bleiben“. Darin schreibt frère Alois in Bezug auf ein Jugendtreffen, das letztes Jahr in Kapstadt stattgefunden hat: ,,Die Jugendlichen hatten sich auf den Weg gemacht, um Christen anderer ethnischer oder konfessioneller Herkunft kennenzulernen. Haben auch wir den Mut, auf andere zuzugehen? Nehmen wir, wo immer wir auch leben, andere auf? Sich auf den Weg machen: Darin besteht ein Ruf für unsere Zeit. Lassen wir uns nicht entmutigen, sondern versuchen wir, in unserer Umgebung die vielen Zeichen eines neuen Lebens zu entdecken.“

Es ist uns eine Freude, gemeinsam mit Ihnen auf diesem Weg unterwegs zu sein, auf dem wir eingeladen sind, verwurzelt im Vertrauen auf Gott Grenzen zu überwinden und das Neue und Unerwartete zu entdecken, das Gott uns eröffnet.

Mit herzlichen Grüßen aus Taizé,

frère Kilian

Communauté de Taizé

 

 

 

 

 

 

 

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