Er erzählt von dem Großen Ganzen

Album mit Porträts des Hermannstädter Fotografen Fred Nuss erschienen

Ausgabe Nr. 2661

Er kann immer mit einem Lächeln und einem warmen Händedruck aufwarten. Fred Nuss begrüßte auch nach der Buchvorstellung im Spiegelsaal viele Freunde und Bekannte und signierte Bücher. Das Erscheinen eines zweiten Porträt-Albums ist nicht ausgeschlossen.                Foto: Cynthia PINTER

„Wenn es stimmt, dass eine Fotografie mehr aussagt als tausend Worte, dann hat Fred Nuss Millionen Worte geschrieben“, sagte Ion Onuc Nemeș über seinen Kollegen und Freund Fred Nuss bei der Vorstellung dessen neuesten Fotografiealbums „Regal de portrete/Porträts“ am Dienstag, dem 18. Februar, im Spiegelsaal des Hermannstädter Forums.

Über Fred Nuss und sein Buch sprachen Benjamin Jozsa, Verlagsleiter des Honterus-Verlags, Beatrice Ungar, Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung, Mircea Bițu, Direktor des Presse- und Verlagshauses Tribuna und Ion Onuc Nemeș, ehemaliger Redakteur bei der Hermannstädter Tageszeitung Tribuna. „Regal de portrete/Porträts“ ist im Honterus Verlag Hermannstadt mit finanzieller Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen der Regierung erschienen und ist kostenlos beim DFDR zu finden.

 

Den Fotografen Fred Nuss kennen viele Hermannstädter als den Hühnen mit der Kamera in der Hand, der meistens aus der Vogelperspektive den Überblick über die verschiedenen Veranstaltungen in Hermannstadt behält. Den Menschen Fred Nuss kennen wir, die Redakteure der Hermannstädter Zeitung, als Freund der immer mit einem Lächeln und einem warmen Händedruck aufwarten kann. Er kann stundenlang über seine Leidenschaften Jazz und Fotografie erzählen und manchmal läuft einem das Wasser im Mund zusammen, wenn er die leckeren Rezepte seiner Gattin Kathi preisgibt. Der Fotograf Fred Nuss ist sehr kritisch, ein Perfektionist, wie es sie nur selten gibt.

Seine Liebe zur Fotografie entstand in seiner Jugendzeit, als er zum ersten Mal die Agfa seines verstorbenen Vaters im Kleiderschrank entdeckte. Bei einem Dorffest wurde er vom Pfarrer gebeten, die in Tracht gekleideten Kinder zu fotografieren. Beim Entwickeln der Fotos stellte der etwa 20-jährige Fred entsetzt fest, dass keine Fotos entstanden sind. Bei einer Tasse Kaffee in der HZ-Redaktion erzählt Fred Nuss was geschehen war: „Den Fotoapparat hatte ein Cousin zweiten Grades geborgt, wollte etwas Gutes tun und die Linse putzen. Hat aber nachher die Linse verkehrt herum montiert, konvex zu konkav und umgekehrt. Wie sollte ich jetzt dem Pfarrer sagen, dass die Fotos von den Kindern nicht geworden sind? Ich hab mich auf ein Motorrad gesetzt, bin zu ihm ins Dorf gefahren und hab ihm gesagt: `Tut mir leid, aber ich kann nicht verantworten, solche Aufnahmen fremden Leuten zu geben. Die Hälfte der Kinder hatten die Augen geschlossen. Sie müssen die Kinder rufen, damit ich die Fotos wiederholen kann.´ Das hat dem Pfarrer überhaupt nicht gepasst, denn es war eine Heidenarbeit, die Kinder wieder in Tracht zu stecken. Er hat es dann aber gemacht und es sind ein paar Aufnahmen daraus geworden … picobello, die Augenbrauen der Kinder konntest du auf den Fotos zählen. Das waren meine ersten Fotos.“

Fred Nuss: Regal de portrete/Porträts. Honterus-Verlag Hermannstadt, 2019, 177 Seiten, ISBN 978-606-008-021-3.In Hermannstadt ist das Buch kostenlos bei dem Sitz des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) erhältlich.

Seitdem entstanden viele Fotografien, vor allem nachdem sich Fred Nuss als Pressefotograf zuerst bei derFlacăra Sibiului, dann bei Tribuna und bei der Hermannstädter Zeitung anstellte. „1968, in der zweiten Ausgabe unserer Zeitung erscheint schon ein erstes Foto von Fred Nuss. Es zeigt eine Schautafel auf dem Großen Ring auf der die Hermannstädter Zeitung und die Tribuna Sibiului zu sehen sind. Auf der Schautafel steht: Ab dem 18. Februar erscheint Tribuna Sibiului, neue Auflage. Ab dem 25. Februar erscheint die Hermannstädter Zeitung“, erzählte Beatrice Ungar, HZ-Chefredakteurin, bei der Vorstellung des neuen Fotoalbums am Dienstagnachmittag im Spiegelsaal.

Insgesamt 167 Porträts aus der Zeitspanne 1970-2018 nicht nur von Persönlichkeiten aus verschiedensten Bereichen, wie Kunst, Musik, Schule, Folklore, Theater sondern auch zahlreiche Schnappschüsse von Kindern und Passanten sind in dem Album enthalten. „Der Bildband erzählt von der Vergänglichkeit des Moments, von Gedanken, Freude und Einsamkeit. Von dem Großen Ganzen, das sich manchmal in kleinen Details zeigt. Vom Leben. Immer wieder vom Leben wie es ist“, schreibt Verlagsleiter Benjamin Jozsa im Vorwort des Buches, das im Honterus-Verlag Hermannstadt gedruckt wurde.

An eines seiner ersten Porträts erinnert sich Fred Nuss folgendermaßen: „Kathi und ich sind nach Sinaia zur Erholung gefahren. Auf dem Weg von der Kantine zur Herberge fiel mir eine alte Roma-Frau auf, die auf dem Gehsteig saß. Sie hatte schneeweißes Haar, einen einzigen Zahn und drei weiße Barthaare. In ihrem Gesicht waren unzählige Furchen und Falten. Ich war mit der Rolleiflex unterwegs, hielt sie auf dem Bauch, setzte mich neben die Frau und begann mit ihr zu reden. Während des Gesprächs, das etwas eine halbe Stunde gedauert hat, hab ich drei Filme verschossen. Daraus sind zwei oder drei gute Fotos geworden. Das war der Auslöser für mich, Porträts zu machen. Es folgten die Jazzfestivals, 1974 war ich schon bei der ersten Auflage dabei. Es entstanden viele Porträts von bekannten Musikern, mit denen ich auch Preise gewann.“

Unzählige Medaillen und Preise gewann Fred Nuss während seiner etwa 60-jährigen Karriere als Fotograf. Seit 2018 ist er Ehrenbürger von Hermannstadt und wurde am 15. Januar mit dem Verdienstorden für Kultur im Rang eines Kavaliers durch Staatspräsident Klaus Johannis für seine langjährige Tätigkeit als professioneller Fotograf und damit für die Förderung der Kultur ausgezeichnet. Viele Fotografen aus Hermannstadt lernten von Fred Nuss, der auch heute noch bereit ist, auf Fragen über Fotokunst zu antworten. Wenn man fragt, was einen guten Fotografen ausmacht, dann sagt er: „Ein guter Fotograf muss auch Psychologe sein. Auf jedem Antlitz ist immer ein Gesichtsausdruck zu lesen. Das Gesicht des Menschen widerspiegelt den seelischen Zustand des Menschen. Ein guter Fotograf muss den Gemütszustand des Menschen erkennen können, um ein gutes Foto zu machen.“

Wir, die Redakteure der Hermannstädter Zeitung wünschen unserem Kollegen Fred Nuss viel Schaffenskraft, schöne neue Alben und Ausstellungen und gutes Licht.

Cynthia PINTER

 

 

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