Buchstäblich für alles verantwortlich

Zu ,,Hermannstadt zwischen zwei Fronten“ von Bürgermeister Albert Dörr

Ausgabe Nr. 2659

Eine Gedenktafel für den ehemaligen Bürgermeister Hermannstadts, Albert Dörr, wurde aus Anlass der Jahrhundertfeier Rumäniens 1918 vom Bürgermeisteramt Hermannstadt am Haus Nr. 28 in der Fleischergasse/Str. Mitropoliei angebracht, wo Dörr gewohnt hat.

Anlässlich der erfüllten 100 Jahre seit dem Ersten Weltkrieg erschien sowohl bei uns, als auch europaweit ein reiches Schrifttum, wobei beobachtet wurde, dass die Siebenbürger Sachsen in der Darstellung ihrer eigenen Haltung während der Kämpfe in ihrer Heimat im Herbst des Jahres 1916 verhältnismäßig zurückhaltend waren und sind. Dieser Umstand ist leicht zu erklären, wenn man bedenkt, dass die sächsischen Männer aus Dörfern und Städten fast durchgehend überzeugt und begeistert in den Krieg gezogen waren und bis zum Kriegsende im Einsatz an verschiedenen Fronten durchgehalten hatten.

 

Die Spannungen, die es vor dem Krieg zwischen der sächsischen Bevölkerung und der ungarischen Obrigkeit gegeben hatte, waren in den Hintergrund gerückt; man diente in der Armee Österreich-Ungarns, das mit Deutschland verbündet war, und stand treu zum Vaterland. Nach dem Kriegsende, das die Zersplitterung Österreich-Ungarns mit sich brachte, sahen sich die führenden Köpfe der Sachsen durch die Umstände genötigt, das neu entstandene Großrumänien als Vaterland anzunehmen. Dieser Wechsel von einem Vaterland zum anderen fiel vor allem der Kriegsgeneration schwer. Frau Liliana Popa hat in ihrem Buch „Neue Zeiten brechen an“ sachverständig ausgewählte Texte  evangelischer Pfarrer jener Zeit veröffentlicht, unter denen auch der Satz von Dr. Albert Amlacher (Rumes) zu finden ist: „Wir trennen uns ohne Hass vom zertrümmerten Ungarn und werden in Treue unsere Pflicht in den neuen Verhältnissen erfüllen.“ In diesem Sinn ist auch die Tätigkeit von Albert Dörr zu beurteilen, der 1907 bis 1918 aktiver Bürgermeister von Hermannstadt war und anschließend unter rumänischer Herrschaft Präfekt des Munizipiums Hermannstadt, bis er 1922 endgültig in den Ruhestand trat.

Im September 1916, während der mehr als dreiwöchigen Belagerung der Stadt durch die rumänische Armee, bewies der Bürgermeister durch seine Tätigkeit eine geradezu musterhafte Haltung. Das kann nicht nur seinem eigenen Bericht entnommen werden, sondern ebenso einer ganzen Reihe gedruckter Zeugnisse und Berichte zur Kriegszeit. Bürgermeister Albert Dörr blieb, nachdem das Militär die Stadt verlassen hatte und 2/3 der Bevölkerung in großer Panik geflohen war, auf seinem Posten und führte die Stadt mit selbstlosem Einsatz und politischem Geschick. Gemeinsam mit dem Polizeihauptmann Simonis organisierte er eine freiwillige Bürgerwehr, der es gelang, die Ordnung  und notdürftige Versorgung unter der zurückgebliebenen Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Auffällig ist es auch, dass sich die rumänischen Bürger der Stadt, die damals rund ¼ der Bevölkerung ausmachten, durchaus loyal verhielten. Der Bürgermeister setzte sich auch mehrmals für Rumänen ein, die seitens des Militärs zu Unrecht verdächtigt und verfolgt wurden, doch hatte er dabei nicht immer Erfolg.

Die Erstausgabe von Albert Dörrs Buch ,,Hermannstadt zwischen zwei Fronten. Kriegserinnerungen nach Tagebuchaufzeichnungen“ von 1926 (links) und die Neuauflage von 2019.

Gleichfalls auf ihrem Posten waren der evangelische Stadtpfarrer Dr. Adolf Schullerus und der römisch-katholische Kaplan Dr. Tiborc Rejöd verblieben, die beide aufschlussreiche Berichte als Augenzeugen der Septemberereignisse veröffentlichten. Der bekannte Chronist Emil Sigerus befand sich zur Zeit der Kriegserklärung Rumäniens im Norden des Landes unter der Tatra, reiste aber sofort nach Hermannstadt, dem Flüchtlingsstrom entgegen, und verfasste eine tagebuchartige Chronik dieser Zeit. Vom militärischen Standpunkt sehr aufschlussreich ist der Bericht des Hauptmanns Wenzel Petriček, der die abenteuerliche Verteidigung der Stadt leitete. Wer diese vier Berichte aufmerksam liest, die alle unmittelbar nach den dargestellten Ereignissen veröffentlicht wurden, hat bereits ein umfassendes Bild derselben  und mag sich fragen, weshalb zehn Jahre später noch ein Bericht über dieselben Ereignisse erschien. Dazu kann gesagt werden:

Das Büchlein von Albert Dörr übertrifft die anderen Berichte vor allem als Darstellung des Lebens innerhalb der Stadt während der dreiwöchigen Belagerung im September 1916. Weder die Politik, noch die Truppenbewegungen stehen im Vordergrund, sondern allein das Leben der Bürger in der belagerten Stadt. Dazu sagt Martin Bottesch in den Vorbemerkungen zur Neuausgabe: „Man wird in die Atmosphäre der belagerten Stadt eingeführt und erfährt über die Sorgen des Bürgermeisters auch von den Nöten der Einwohner.“  Neben dieser Besonderheit steht als eindeutiges Zeugnis für die Qualität des Büchleins die Kompetenz des Autors: niemand hat wie er die Ereignisse in der belagerten Stadt so deutlich überblickt und sich dabei buchstäblich für alles verantwortlich gewusst. Hat er doch die ganze Zeit nicht nur in der Stadt verbracht, sondern vielfach auf den Straßen der Stadt und nicht nur bei Tag, sondern auch bei Nacht. Darüber hinaus sind Stil und Erzählweise des Büchleins übersichtlich und flüssig, so dass es spannend und leicht zu lesen ist.

Der Titel „Hermannstadt zwischen zwei Fronten“ bezieht sich zunächst deutlich auf die militärische Lage der Stadt, die von ihren Verteidigern verlassen, aber von den Belagerern nicht eingenommen wird. Wer aber die politischen Spannungen zwischen Ungarn und Rumänien vor Augen hat, kann den Titel durchaus auch im übertragenen Sinn verstehen. Fragt man, weshalb Albert Dörr das Büchlein nicht früher veröffentlicht hat, so ist wohl daran zu denken, dass er als Bürgermeister so sehr in Anspruch genommen war, dass er weder Zeit noch Muße dazu fand. Nach zehn Jahren hatte  er nicht nur Zeit, sondern auch inneren Abstand von den Dingen und konnte anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen das Büchlein in gelungener Weise formulieren. Es ist trotz des zeitlichen Abstandes ein Geschichtsdokument, wie auch Martin Bottesch betont. Elfriede Dörr hat es mit biografischen Daten und historischen Fotos aus dem Familienarchiv in dankenswerter Weise vervollständigt und dem Leser dadurch näher gebracht.

Besonders erfreulich ist die Tatsache,  dass das Büchlein im Klausenburger Curs-Verlag zugleich auch in rumänischer Fassung erschien, so dass es einer breiten Leserschaft zugänglich ist. Die gekonnte Übersetzung besorgte Liliana Popa. Der Dank der Leser gilt vor allem dem Demokratischen Forum der Deutschen in Siebenbürgen, welches die Neuausgabe betreute.

Eine angenehme Lektüre wünscht

Wolfgang H. REHNER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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