Emotional und eindringlich

Heinz Bretz beim Seniorentreffen im Spiegelsaal

Ausgabe Nr. 2657

Heinz Bretz (links, stehend) hatte ein sehr interessiertes Publikum.Foto: Fred NUSS

Das erste Seniorentreffen des neuen Jahres hat am 14. Januar  im schön renovierten Spiegelsaal des Forumshauses stattgefunden. So wie es schon lange Zeit gute Tradition ist, konnte die Organisatorin, die Biologielehrerin i. R. Marga Grau, einen Vortragenden zu einem selbst gewählten Thema gewinnen. Der Deutschlehrer Heinz Bretz, ein „arbeitender Pensionär“ wie er sich selbst bezeichnet, war es dieses Mal. Bretz ist in Deutschland Rentner und unterrichtet in dem laufenden Schuljahr als Freiwilliger an dem Pädagogischen Lyzeum in Hermannstadt.

 

Sein Thema hätte aktueller nicht sein können: Die Deportation der Siebenbürger Sachsen nach Russland. 75 Jahre sind vergangen seit dem denkwürdigen 15. Januar 1945, als die Züge mit den Waggonladungen von Kindern, Männern und Frauen vom Hermannstädter Bahnhof abgefahren sind. Herta Müller beschreibt das in ihrem Buch die „Atemschaukel“ so:  ,,Alles was ich hatte, trage ich bei mir. Alles meinige trage ich nicht bei mir. Getragen habe ich alles, was ich hatte. Das meinige war es nicht!“

Heinz Bretz stellte die Situation in Hermannstadt um den 15. Januar 1945 anhand der aufgeschriebenen Lebensgeschichte seiner Mutter, Augustine Bretz geborene Schuster (1925-2013), vor. Bevor Herr Bretz seinen Vortrag hielt, beschrieb er zur Einführung das Leben seiner Mutter  anhand der Lebensträume und Hoffnungen, welche eine junge Frau zur damaligen Zeit hatte. Mathematik wollte die 1925 geborene Tischlertochter Augustine Schuster aus der Unterstadt  studieren. Die gut behütete Kindheit mit Zukunftsvisionen nahm jedoch am 15. Januar 1945 ein jähes Ende und der Albtraum der Deportation begann für Augustine und viele andere Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und auch unzählige ethnisch Deutsche aus Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und Polen.

Heinz Bretz  trug den Teil der Lebenserinnerungen seiner Mutter vor, in der sie sehr eindrucksvoll die Situation vor dem Abtransport beschreibt.

Dabei hat man sehr leicht   als Zuhörer die Verbindungen zu den oben zitierten Worten aus dem Roman ,,Atemschaukel“ herstellen können.

Während dem Zuhören konnte man auch sehr gut beobachten, wie stark die Erlebnisse emotional auf den vortragenden Sohn Heinz Bretz auch heute noch wirken. Das Thema und der Vortrag waren sehr gut gewählt, das zeigten auch die anschließenden Wortbeiträge vieler Seniorinnen und Senioren, die teilweise sehr emotional und eindringlich aus ihren eigenen Erinnerungen und der ihrer Eltern und Geschwister berichteten.

Bretz hatte seine Mutter, die von 1987 in Köln gelebt hatte, erst 2003 überzeugen können, ihre Erinnerungen an jene Zeit zu Papier zu bringen. Sie tat es unter dem Titel ,,Erinnerungen an eine verlorene Heimat“. Es bleibt zu hoffen, dass ein Buch daraus wird. Wir zitieren aus dem Teil der Aufzeichnungen, den Bretz bei dieser Gelegenheit nicht vorgelesen hat, und der sich auf die Zeit in der Deportation bezieht: ,,Über die erste Zeit im Lager zu erzählen ist schwer. Es war: Kälte, Hunger, Trostlosigkeit, oft Verzweiflung und vor allem Nicht-Begreifen, dass es so etwas gibt.

Auch jetzt nach mehr als einem halben Jahrhundert fällt es mir schwer, all das hervorzuholen, was ich so lange in den Tiefen des Bewusstseins verdrängt habe, weil es mir einfach unmöglich erschien, dass es einmal Wirklichkeit war. Oder hatte ich Angst nur zu träumen?; zu erwachen und noch immer im Lager zu sein?

Wenn ich schlaflos auf der harten Pritsche lag, konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als noch mal die Räder eines Zuges unter mir rollen zu hören. Davon träumte ich und fragte mich, ob es einmal dazu kommen würde. War es möglich, dass auch mich einmal ein Eisenbahnzug zurück in die Heimat bringen würde?

Vielleicht ist die damalige Sehnsucht mit ein Grund dafür, dass ich so gerne mit der Bahn fahre und mir nie eine Reise zu lange dauert.“

Lothar SCHELENZ

Anmerkung der Redaktion: Lothar Schelenz bietet unter dem Titel ,,Bună ziua, Stalin!“ am 12. März d. J., 19.30 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus in Nidda/Deutschland einen Vortrag, einen Film und Bilder zur Deportation der Rumäniendeutschen nach Russland. Anmeldungen in der Stadtbibliothek.

 

 

 

 

 

 

 

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