Ein surrealer (Alb-)Traum

„Camino Real“ ist die erste Theaterpremiere des Jahres

Ausgabe Nr. 2657

Die erste Premiere des Jahres am Radu Stanca-Nationaltheater Hermannstadt ist die Inszenierung von Tennessee Williams‘ Stück ,,Camino Real“ in der Regie von Cosmin Chivu. Alle drei Vorstellungen am vergangenen Wochenende waren ausverkauft. Foto: Carol HRUBY

Kreditschwindler, Diebe, Prostituierte, Wahrsagerinnen und ein korrupter Bürgermeister. Es gibt kaum etwas, was es nicht gibt, denn wie Autor Tennessee Williams bekennt, ist das Stück „nicht mehr und nicht weniger als meine Vorstellung von der Zeit und der Welt, in der ich lebe“. „Camino Real“ (der Königsweg, eine Bezeichnung für Straßen, die von den Spaniern in ihren Kolonien in Südamerika gebaut worden sind, oder frei deutsch: „Hauptstraße des Lebens“) ist ein Schauspiel in drei Akten und 16 Szenen von Tennessee Williams und wurde als erste Premiere des Jahres am Radu Stanca- Nationaltheater Hermannstadt von der rumänischen Schauspielabteilung am Freitag, Samstag und Sonntag (17., 18., 19. Januar) aufgeführt. Regie führte Cosmin Chivu.

 

Der in Rumänien geborene Cosmin Chivu ist Programmdirektor der Studiengänge Schauspiel und Regie an der Pace-Universität in New York  und hat schon einmal in Hermannstadt inszeniert, und zwar das Musical ,,Rocky Horror Show“. Zumindest Bühnenbild und zahlreiche Musikeinlagen weisen in dieser neuen Inszenierung darauf hin, dass Chivu den Broadway, wo das Stück erstmals aufgeführt worden ist, durchaus kennt.

Das Publikum wird dauernd mit Bildern berieselt und oft weiß man gar nicht, wohin man gerade blicken soll. So fängt das Stück also an: Ein halb nackter Mann kommt auf die Bühne. Ein maskierter Polizist tritt aus einer Ecke hervor und schießt den Mann grundlos nieder. Der fällt langsam genug, um von einem Pferd zu erzählen, das ihm einst gehörte. Kaum ist er tot, wird er von zwei in weiße Schutzanzüge gekleideten Müllmännern aufgelesen, die ihn in einem Wäschewagen abtransportieren.

Don Quijote (Adrian Matioc) lässt sich in einem futuristischen Streitwagen von Sancho Panza (Viorel Rață) auf dem Fahrrad über die Bühne ziehen.         Foto: Carol HRUBY

Jetzt kommt Kilroy, ein amerikanischer Boxer, der das Zeichen seiner Amateurmeisterschaft, die „Goldenen Handschuhe“, umhängen hat. Er musste, wie man erfährt, seinen Sport wegen seines schwachen Herzens aufgeben. Dieses Herz ist naiv und groß wie ein Kinderkopf. Kilroy kommt nämlich, um an diesem Ort einen „normalen Amerikaner“ zu suchen. Der erste „normale Amerikaner“, dem er begegnet, entpuppt sich als ein französischer Homosexueller.

Der zweite ist Casanova persönlich, ein alter Mann im Rollstuhl, der nicht mehr so kann, wie er möchte. Kilroy gibt seine goldenen Handschuhe einem Pfandleiher. Von dem Geld möchte er den Schleier der Prostituierten Esmeralda lüften, die jeden Monat ihre Unschuld zurückgewinnt. Dann muss Kilroy sterben, ihm wird ein goldenes Herz aus der Brust amputiert.

Lord Byron, der Dichter, tritt gleich in doppelter Besetzung auf und beklagt die Asche seines Freundes Shelley.

Don Quijote de la Mancha tritt auf und Kilroy wird zum Leben erweckt und hält sein goldenes Herz in den Händen.

Und dann sind da noch die Kameliendame, Marcel Prousts Baron de Charlus und der Bürgermeister Gutman, die in den 16 Szenen vorkommen, parallel zum Handlungsstrang.

Nichts scheint von wirklicher Bedeutung zu sein. Der Zuschauer wird in einen surrealen (Alb-)Traum entführt. Dem setzt Williams seine Figuren aus, zeigt ihren seelisch-moralischen Verfall.

Dem Hermannstädter Publikum gefiel das Stück, auch wenn es von den meisten nicht verstanden wurde. War das bewirkt nur durch die Faszination der Dramaturgie, durch das schauspielerische Talent? Dazu beigetragen haben sicher die insgesamt 19 Schauspieler/innen, die viel Dynamik auf die Bühne brachten und keine Langeweile zuließen. Es spielten: Adrian Matioc, Viorel Rață, Liviu Vlad, Marius Turdeanu, Dana Taloș, Pali Vecsei, Oana Marin, Iustinian Turcu, Diana Văcaru-Lazăr, Cristina Ragos, Codruța Vasiu, Ioan Paraschiv, Ali Deac, Ștefan Tunsoiu, Mariana Mihu, Cendana   Trifan,   Cezara   Crețu,   Andrada   Oltean,   Andrei   Suveică.

„Camino Real“ sollte auf jeden Fall einmal gesehen werden. Ehrlich ist die „Gebrauchsanweisung“, die der Autor Tennessee Williams 1953 vor der Premiere auf dem Broadway gab: Der Zuschauer solle sich zurücklehnen und das Spiel auf sich zukommen lassen. „Sie dürfen nicht den Fehler machen, mit Gewalt etwas zu verstehen.“

Cynthia PINTER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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