Ein Buch als Kollateralschaden

Ausstellung, Gedenktafel und Denkmalsanierung zur Revolution von 1989

Ausgabe Nr. 2655

 

Die verirrte Kugel traf einen Band der Kollektion der Literaturzeitschrift Convorbiri literare aus dem Jahr 1899. In der Ausstellung ist der Band so geöffnet, dass man den Anfang eines von Ioan C. Negruzzi gezeichneten Beitrag über Mihai Eminescu vom 15. Januar lesen kann.Foto: Beatrice UNGAR

Ein dickes Buch habe dem damaligen Direktor der Astra-Bibliothek, Ion Mariș das Leben gerettet, kolportierten einige Zeitungen im Dezember 1989 die Nachricht, dass eine verirrte Kugel einen Band in dem Lagerraum in der Mansarde der Astra-Bibliothek getroffen habe und in dem Umschlag stecken geblieben sei. Der inzwischen pensionierte Mariș erinnert sich noch lebhaft an diese Auswüchse der Fabulierkunst und erklärt, dass es sich bei dem Band um die Kollektion des Jahres 1899 der in Jassy herausgegebenen Literaturzeitschrift Convorbiri literare handelt und dass die Kugel vermutlich aus dem Innenhof des benachbarten Volksbades abgeschossen worden sei. Wie dem auch sei, wer das angeschossene Buch sehen möchte, kann es derzeit im Festsaal der Astra-Bibliothek tun, wo kurz vor Jahreswechsel eine dem 30. Jahrestag der Rumänischen Revolution von 1989 gewidmete Ausstellung eröffnet wurde und noch bis zum 15. Januar zu besichtigen ist.

Das sanierte Denkmal der Helden der Revolution auf dem städtischen Friedhof Hermannstadts.                                   Foto: Presseamt der Stadt

In der Ausstellung sind auch Fotos von den Dezemberereignissen 1989 in Hermannstadt zu sehen sowie verschiedene Zeitungen aus jener Zeit, Bücher, die diesen Ereignissen gewidmet sind sowie Dokumente, die von Vereinen der Revolutionsteilnehmer zur Verfügung gestellt worden sind.  Bei der Ausstellungseröffnung sprachen Silviu Borș, der Direktor der Astrabibliothek und seine Mitarbeiter, die Historiker Dan Nanu und Răzvan Pop, Tiberiu Drăgan, einer von Hermannstadts Vizebürgermeister. Seitens der Revolutionsteilnehmer waren Mircea Bucur und Dan Toader eingeladen, die an die Ereignisse erinnerten und auch eine Gedenkminute für die 98 Todesopfer anmahnten. Auf deren Hinweis, dass sie wichtige Dokumente besitzen und die Geschichte der Revolution von 1989 in Hermannstadt geschrieben werden sollte, wies Dan Nanu darauf hin, dass in diesem Fall unbedingt ein Historiker mit ins Boot geholt werden müsse.

Die Gedenktafel an der Fassade des Brukenthalpalais am Großen Ring.Foto: Beatrice UNGAR

Die Vereine der Revolutionsteilnehmer hatten sich übrigens verärgert geäußert über die späte Initiative des Brukenthalmuseums, den 30 Jahre zurückliegenden Ereignissen Aufmerksamkeit zu schenken. Sie wiesen darauf hin, dass die im Multimediasaal im Blauen Stadthaus eröffnete Ausstellung ein ,,kläglicher“ Versuch sei. Trotzdem hatten sie es mit Unterstützung des Brukenthalmuseums geschafft, am 21. Dezember 2019 an der Fassade des Brukenthalpalais am Großen Ring eine Gedenktafel anzubringen, auf der zu lesen ist: ,,Am Morgen des 21. Dezember 1989 wurde vor diesem Museum die Flamme der antikommunistischen Revolution in Hermannstadt entzündet.“

An die Opfer der Revolution gedacht hatte auch das Hermannstädter Bürgermeisteramt. Von August bis Dezember 2019 hat die Stadt das den Helden der Revolution gewidmete Denkmal (die genaue Bezeichnung lautet: ,,Monumentul Eroilor Martiri ai Revoluției din Decembrie 1989″) auf dem Städtischen Friedhof für insgesamt  190.000 Lei sanieren lassen.

Bei der leider sehr schlecht besuchten Eröffnung der Ausstellung mit dem Titel ,,Cărți împușcate“ (Angeschossene Bücher) im Festsaal der Astra-Bibliothek sprachen  seitens der Veranstalter Răzvan Pop, der Generaldirektor Silviu Borș und Dan Nanu (v. l. n. r.).          Foto: Beatrice UNGAR

Erneuert wurde die Struktur des Denkmals, die Granitplatten ersetzt und die Tafeln mit den Namen der Opfer erneuert.  Saniert und gereinigt wurden auch die Grabplatten.

Bürgermeisterin Astrid Fodor erklärte dazu: ,,Es ist unsere Pflicht, diese Denkmale in gutem Zustand zu erhalten und damit den Helden jener Tage unseren Respekt zu erweisen. Wir wollen den Familien der Gefallenen damit zeigen, dass wir die nicht vergessen, die für die Freiheit gekämpft haben, an der wir uns heute alle erfreuen dürfen.“

Beatrice UNGAR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted in Aktuelle Ausgabe, Geschichte.