,,Pionierregion der Religionsfreiheit“

Zur Konferenz ,,Grenzen überschreiten. 500 Jahre Reformation in Siebenbürgen“

Ausgabe Nr. 2648

Dr. Ulrich A. Wien (am Rednerpult) und Dr. Renate Klein bei der Eröffnung der Konferenz.                                                        Foto: Roger PÂRVU

Luther oder Melanchthon? Wittenbergisch oder nicht? Confesia Augustana invariata oder variata? Evangelisch, reformiert oder unitarisch? Die verschiedenen Wege und Weisen der Reformation in Siebenbürgen im 16. Jahrhundert werfen noch immer viele Fragen auf.  Vor 500 Jahren kam es zur Verbreitung der reformatorischen Schriften und des dazugehörenden Gedankenguts im siebenbürgischen Raum. Unter dem Titel „Grenzen überschreiten“ fand zwischen dem 31. Oktober und dem 3. November d. J. im Hans Bernd von Haeften-Tagungshaus der Evangelischen Akademie Siebenbürgen eine internationale Konferenz statt, welche sich mit der Reformation in Siebenbürgen, dieser „Pionierregion der Religionsfreiheit“ wie sie Dr. Ulrich A. Wien von der Universität Koblenz-Landau so trefflich nannte, auseinandersetzte.

Die Konferenz war ein gemeinsames Projekt der Lucian Blaga-Universität Hermannstadt, der Universität Koblenz-Landau, der Evangelischen Akademie Siebenbürgen, der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde und des Forschungsinstituts für Geisteswissenschaften der Rumänischen Akademie in Hermannstadt. Die Tagung wurde durch die Hasso Plattner-Stiftung, dem Departement für interethnische Beziehungen der Rumänischen Regierung, dem Bundesland Kärnten, dem Evangelischen Freundeskreis Siebenbürgen und der Konrad Adenauer-Stiftung gefördert. Zu den Förderern gehörten auch vier Kirchenbezirke (Kronstadt, Mühlbach, Mediasch und Hermannstadt) und zehn Kirchengemeinden (Bukarest, Hermannstadt, Heltau, Mediasch, Bistriz, Kronstadt, Zeiden, Schäßburg und Neppendorf) der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien.

Der erste Konferenztag war nicht der Reformation sondern einem anderen Jubiläum gewidmet. In diesem Jahr feiert das Protestantisch-Theologische Institut siebzig Jahre seit seiner Gründung. Dass Reformation und theologische Ausbildung zusammengehören, kann durch den großen Wert, welchen die Reformatoren der Bildung zuteilten, erklärt werden.

Das Theologische Institut wurde in einer Sitzung zwischen dem 3. und dem 6. September 1948  in Klausenburg gegründet. An der Sitzung nahmen drei protestantischen Bischöfe: Janos Vásárhelyi, Friedrich Müller und Kiss Elek, sowie Rektor Dr. Maksay Albert, Prof. Dr. Juház István und Pfarrer Opfermann Ernö teil. Das neue Kultusgesetz aus dem Sommer des gleichen Jahres hatte den gesetzlichen Rahmen geschaffen. Über die Herausforderungen der Anfangsjahre berichtete Dr. Wolfgang Rehner (Hermannstadt) in seinem Vortrag. Die folgenden Jahrzehnte mit den verschiedenen Entwicklungen wurden in verschiedenen Abschnitten vorgestellt: die Festigung der Ausbildung nach dem Umzug von Klausenburg nach Hermannstadt (Dr. Hermann Pitters), die Aufbrüche und Abbrüche der schwierigen 80-er Jahre (Dr. Christoph Klein), die Transformationsphase bis zur Eingliederung in die Lucian Blaga-Universität nach der Wende (Dr. Hans Klein).  Ein vergleichender Blick über die rumänischen Grenzen hinweg war dank des Vortrages von Bischof em. Dr. Christoph Kaehler (Leipzig) möglich, welcher die Problematik der theologischen Ausbildung in der DDR darstellte.

Unter dem Titel „Und jetzt? Die Vergangenheit in die Zukunft ziehen. Das Theologische Institut 2011 – 2019“ versuchte Dr. Renate Klein, Leiterin des Instituts, eine Zukunftsperspektive zu skizzieren.  Einleitend erklärte Klein: „In Bezug auf das Theologische Institut – heute richtiger: Studiengang Protestantische Theologie – ist das Brückenbauen das Bestreben, das Erbe der Vergangenheit sinnvoll in die Zukunft hinüberzuziehen. Das bedeutet einen ständigen Abbau von Begrenzungsmauern und Bau von Verbindungsbrücken“, um dann zu schlussfolgern: „Wir sind der Studiengang Protestantische Pastoraltheologie (…) und was wir am besten können, weil wir es schon seit 70 Jahren tun, ist Brücken bauen, die aus der Vergangenheit in die Zukunft führen.“

Nach dem Reformationsgottesdienst, der in der Neppendorfer Kirche gefeiert wurde, kamen die jungen Forscher zu Wort, welche die Ergebnisse ihrer Forschungen dem interessierten Publikum vorstellten.

Die folgenden drei Veranstaltungstage waren dem reformatorischen Geschehen in Siebenbürgen gewidmet und waren in mehrere Themenblöcke gegliedert: „Umfeld, Anfänge, Korrespondenzen“, „Wirkungen der Reformation“ und „Ausstrahlung der Reformation“.

Die entscheidende Rolle des Patriziats thematisierte Dr. Konrad Gündisch (München) anhand der Entwicklungen in Kronstadt, Hermannstadt, Klausenburg und Bistritz. Das Thema wurde von Dr. August Schuller (Brühl) aufgenommen, welcher über die „Stadtreformation in Schäßburg und ihre sozialgeschichtlichen Folgenwirkungen“ referierte.

Inhalt mehrerer Vorträge waren die Bekenntnisschriften und deren Verbreitung. Die Frage nach dem rechtmäßigen Bekenntnis im Sinne des wahren Glaubens beschäftigte die siebenbürgischen Reformatoren in entscheidendem Maße, wie dem regen Briefwechsel zwischen Siebenbürgen und den verschiedenen Orten und Persönlichkeiten der Reformation außerhalb der Grenzen entnommen werden kann. So erläuterte  Dr. Zsoltan Csepregi (Budapest), dass allein in Siebenbürgen während der Reformation acht Bekenntnisschriften im Umlauf waren, wobei im gesamten ungarischen Königreich 25 zu zählen sind. Dazu erklärte der Referent: „Inhaltlich gesehen finden sich unter den 25 Konfessionen sowohl Apologien wie auch Konsensdokumente oder frühe Kirchenordnungen.“ Im Zusammenhang der Bekenntnisschriften bot der Vortrag von Dr. Dorothea Wendebourg (Berlin) eine besondere Perspektive. Wendebourg analysierte die Kontaktaufnahme und den Briefwechsel zwischen Wittenberg (hauptsächlich Philipp Melanchthon) und der ostkirchlichen Orthodoxie, wobei unter Ostkirche das damalige ökumenische Patriarchat verstanden werden muss. Zwar kann der Confessio Augustana Graeca eine gewisse „ökumenische Naivität“ vorgeworfen werden, doch muss die „Pionierarbeit“ Melanchthons in diesem Bereich gewürdigt werden. „Melanchthon war der erste evangelische Theologe, der mit einem Bewusstsein von den Differenzen der geschichtlichen Voraussetzungen und der theologischen Denkweisen versuchte, die Aussagen seiner Kirche Vertretern einer anderen zu vermitteln, mit der es noch nie Berührungen gegeben hatte,“ so Wendebourg.

Bildung spielte in der Zeit der Reformation eine zentrale Rolle. Dieses konnte den Beiträgen von Dr. Attila Verok (Eger) zu „Buch und Lesegeschichte in Siebenbürgen im 16. Jahrhundert“ und Dr. Adinel Dincă (Klausenburg) zu „Bildung und Schriftlichkeit der siebenbürgisch-sächsischen Pfarrer”, entnommen werden. Aus der Analyse der bis jetzt erschlossenen Bibliotheken des 16. Jahrhunderts, wobei sich der Vortrag auf das deutschsprachige Element in Siebenbürgen beschränkt, schlussfolgerte Verok: „Dabei wird eindeutig, dass die Präsenz der Luther-Werke und der so genannten orthodoxen Lutheraner in Siebenbürgen viel kleiner als erwartet war. Demgegenüber stehen Melanchthon und sein Mitgesinntenkreis an der ersten Stelle der virtuellen Beliebtheitsliste der gelesenen Bücher unter den Siebenbürger Sachsen.“

Einen besonderen Moment im Ablauf der Tagung brachte der Vortrag von Dr. Johannes Schilling (Kiel) zum Thema „Johannes Honterus und die protestantische Musikkultur“. Schilling hob die Hörerschaft regelrecht von den Stühlen, indem er mit allen Anwesenden ein Lied aus den „Odae cum harmonis“ von Johannes Honterus einübte. So konnten sich die Teilnehmer ein konkretes Bild davon machen, wie Honterus Musik als pädagogisches Mittel einsetzte, um seinen Schülern das lateinische Versmaß in allen seinen  Formen zu vermitteln.

Die Tagung wurde durch einen Ausflug nach Holzmengen, Alzen, Meschen und Mediasch abgeschlossen. Dieser bot nicht nur Gelegenheit sich der Kultur und Geschichte der Sachsen in Siebenbürgen im direkten Kontakt zu nähern, sondern durch die Teilnahme der Sprachkursanten des Theologischen Instituts auch die Chance eines unerwarteten Austausches mit jungen Theologen aus Rumänien, Russland, Ukraine oder sogar Indien.

In seiner Abschlussrede dankte Dr. Ulrich A. Wien (Landau) allen Referenten. Er dankte nicht nur für die interessanten Beiträge, sondern auch für die Tatsache, dass alle seine etwas „unorthodoxe“ Vorgehensweise angenommen haben; er hatte unüblicher Weise den Referenten die Forschungsthemen vorgegeben. Dies hatte aber zur Folge, dass neue Perspektiven und unerwartete Impulse möglich wurden.  Der Rahmen dieses Berichts kann die Vielschichtigkeit, die Komplexität und die Vielfalt der Themen nicht aufgreifen, doch es ist geplant alle Vorträge (teilweise in erweiterter Fassung) bis Ende des nächsten Jahres als Sammelband zu veröffentlichen.

Roger PÂRVU

 

 

 

 

 

 

 

 

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