Erinnerung als Form der Wirklichkeit

Das Festival ,,Jung in Hermannstadt“ ist dem Thema Kommunismus gewidmet

Ausgabe Nr. 2648

Szenenfoto aus „Cultul personalității“ (Der Personenkult): Gheorghe Gheorghiu Dej (links, gespielt von Andrei Șerban), möchte nicht, dass Nicolae Ceaușescu (gespielt von Raj Alexandru Udrea) die Wahrheit sagt. Foto: Cynthia PINTER

Jung musste man sich am Wochenende und auch diese Woche im  Hermannstädter „Gong“-Theater für Kinder- und Jugendliche fühlen. Denn hier hat seit dem 1. November die fünfte Auflage des Festivals „Jung in Hermannstadt“ (Festivalul Tânăr de la Sibiu) begonnen. Die Veranstaltung dauert ganze zehn Tage und endet am Sonntag, dem 10. November, mit einem Konzert der Musikgruppe „The Motans“, um 20 Uhr, im Gong-Theater.

 

Die meisten Theaterstücke bei der fünften Auflage drehen sich um das Thema „Kommunismus“, da in Rumänien 30 Jahre seit dem Fall des kommunistischen Regimes gefeiert werden.

„Das Programm, das wir für diese Auflage gewählt haben, dient dazu, nicht zu vergessen. Es sind 30 Jahre seit der Revolution vergangen und wir sprechen viel zu selten darüber. Die Erinnerung ist eine Form der Wirklichkeit, ohne die wir keine starke Gesellschaft bilden können. Wir möchten in Hermannstadt einen Dialog zwischen Generationen eröffnen,“ gab Adrian Tibu, Festivalleiter und Manager des „Gong“-Theaters für Kinder und Jugendliche in einer Pressemitteilung bekannt. Und tatsächlich ergaben sich nach jedem Theaterstück zum Thema „Kommunismus“ sehr interessante Dialoge zwischen den Zuschauern und den Schauspielern.

Zur Botschafterin des Festivals gekürt wurde zum Auftakt die beliebte Schauspielerin Margareta Pâslaru (rechts). Ihr überreichte Theaterdirektor Adrian Tibu (links) den Preis ,,Platina Valorii“. Foto: Dragoș DUMITRU

Begonnen hat das Festival offiziell am Abend des 1. November mit der Ausstrahlung des rumänischen Kinderspielfilms „Veronica“ (Regie Elisabeta Bostan) aus dem Jahr 1972, der immer noch zu den beliebtesten rumänischen Spielfilmen gehört. Als Ehrengast des Festivals wurde Margareta Pâslaru, die in dem Film die gute Fee spielt, auf die Bühne gebeten und ihr wurde der Preis „Platina Valorii“ sowie der Titel Botschafterin des Festivals erteilt.

Am gleichen Abend händigte Margareta Pâslaru einen „Preis für Originalität“ im Wert von 1.000 Dollar an den jungen Künstler Paul Mureșan aus. Mit dem Preis unterstützt die 76-jährige Schauspielerin jedes Jahr einen anderen jungen Künstler.

Im Programm des Festivals gab es zweierlei Veranstaltungen: jene für Kinder und jene für Jugendliche. Während Kinder jeden Morgen an Theater-, Gärtnerei-, Tanz-  und Kochworkshops teilnehmen durften, waren die Abende für junge Erwachsene reserviert.

So zum Beispiel wurde am Montagabend, dem 4. November, das Theaterstück „Cultul Personalității“ (Der Personenkult) von Mihai Lukacs gezeigt. Das Stück wurde wie eine Talkshow gestaltet, in der Nicolae Ceaușescu als Talkshow-Moderator seine Genossen Ana Pauker und Gheorghe Gheorghiu Dej als Gäste begrüßen durfte. Das Stück führte durch die ganze kommunistische Geschichte Rumäniens mit besonderem Blick auf die so wenig mediatisierte Politik der 1950-er Jahre. Für die vielen Jugendlichen im Saal wären ein paar kurze Hintergrundinformationen über die drei Persönlichkeiten nützlich gewesen, da nur wenig über Ana Pauker und Gheorghe Gheorghiu Dej in der Schule unterrichtet wird. Das Stück wurde von den Schauspielern der Theatergruppe „Giuvlipen“ aufgeführt, der ersten Theatergruppe für Roma-Feministinnen in Rumänien. Entstanden ist ein politisches Kabarett mit viel schwarzem Humor, das sowohl informativ als auch lustig war.

Valentino Rosso kann wie kein anderer sein Gesicht zu Grimassen verziehen.    Foto: Cynthia PINTER

Lustig war auch die Pantomime-Vorstellung „Furor“ von Luciano Rosso aus Argentinien am Dienstagabend. Zusammen mit Miguel Israilevich schaffte er es, das Publikum nur durch seine verrückten Fratzen zum Lachen zu bringen. Eine schier akrobatische Augen-Arbeit gepaart mit Verzerrungen des Mundes, die manchmal durch eine Lupe vergrößert wurden, waren die Waffen, mit denen der Komiker arbeitete. Ein Teil der Show war dem Playback bekannter Songs gewidmet. Zum Beispiel gelang ihm eine sehr witzige mimische Interpretation des Liedes „Emotions“ von Mariah Carey. Luciano Rosso ist als Youtuber sehr bekannt und einige seiner Filmchen haben schon Millionen von Zuschauer. Die Vorstellung in Hermannstadt war seit Wochen ausverkauft und das Publikum zollte dem Künstler minutenlangen Stehapplaus.

Zurück zum ernsten Thema „Kommunismus“ wurde ebenfalls am Dienstagabend Gianina Cărbunarius Stück „Tipografic majuscul“ von der Odeon Theatergruppe aus Bukarest aufgeführt. Der Fall des 17-jährigen Schülers Mugur Călinescu aus Botoșani, der 1981 ins Visier der Securitate gelangte, nachdem er mit Kreide regimefeindliche Slogans auf verschiedene Mauern in der Stadt schrieb, wurde filmisch wie auch schauspielerisch dargestellt. Das Bühnenbild war karg, gefüllt nur durch eine riesige Matratze, zwei Filmkameras, Stühle und fünf Schauspieler. Mehr brauchte es nicht, um die bedrückende Atmosphäre im Verhörzimmer der Securitate wiederzugeben. Auch diese Vorstellung belohnte das Hermannstädter Publikum mit Stehapplaus.

„Festivalul Tânăr de la Sibiu“ dauert bis Sonntag, den 10. November. Das Programm ist an den Anschlagtafeln beim Gong-Theater oder online auf www.festivalultanar.ro zu finden.

Cynthia PINTER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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