Über Liebe, Krieg und Korruption

Astra Film Festival bestimmt auch bei der 20. Auflage den Oktober in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2645

Beim Fulldome auf dem Großen Ring herrscht täglich großer Andrang. Vor allem die Kinder zieht es in die visuell spektakulären Filmvorstellungen.
Foto: Astra Film Festival

Der goldene Herbst hat in Hermannstadt Einzug gehalten. Während manche Bewohner die wunderschönen Oktobertage in den bunten Parks und in der Natur verbringen, zieht es andere in die Kinosäle. Zum 20. Mal findet seit Montag, dem 14. Oktober und bis Sonntag, dem 20. Oktober das Dokumentarfilmfestival „Astra Film Fest“ statt. Eine reiche Auswahl an guten und sehr guten Dokus wartet auf die teilweise von weit hergereisten Filmfans.

Insgesamt 110 Filme aus aller Welt werden in sechs verschiedenen Sälen ausgestrahlt.

Am Montagabend, dem 14. Oktober, wurde das Astra Film Festival im Thaliasaal offiziell eröffnet. Eine Begrüßungsrede hielt wie jedes Jahr Festivaldirektor Dumitru Budrala. Es folgten Ciprian Ștefan, der Leiter des Astra-Museums und die Kreisratsvorsitzenden Daniela Cîmpean. Dieses Jahr erhielt Dumitru Budrala die Ehrenurkunde über die Schirmherrschaft des Staatspräsidenten Rumäniens, die ihm von Nicoleta Nicolae-Ioana ausgehändigt wurde.

Der Festivaldirektor unterstrich in seiner Ansprache, dass binnen der 26 Jahre, seit es das Festival gibt, nur etwa 10 Prozent aller Filme gezeigt wurden. So schwierig sei die Auswahl Jahr für Jahr gewesen. Kein Wunder, dass die Festivalbesucher Jahr für Jahr Schwierigkeiten haben, die besten Filme auszusuchen, vor allem, weil immer mindestens drei parallel laufen. Gezeigt wird auch in diesem Jahr eine Auswahl der besten Dokumentarfilme des vergangenen Jahres. Am Eröffnungsabend wurde der Film „State Funeral“ von Sergej Loznitsa gezeigt, in dem Ausschnitte vom Staatsbegräbnis des Diktators Joseph Stalin zu sehen waren.

Dumitru Budrala (links) nimmt die Ehrenurkunde über die Schirmherrschaft des Staatspräsidenten Rumäniens, Klaus Johannis, von Nicoleta Nicolae-Ioana entgegen.
Foto: Astra Film Festival

Am zweiten Tag, am Dienstag, den 15. Oktober, hatten die Filmfans die Qual der Wahl. Ab 16 Uhr fingen alle Filmvorführungen in den sechs Sälen an. Bis um Mitternacht konnte man, hatte man das nötige Durchhaltevermögen mindestens fünf Filme gesehen haben. Je später am Tag, desto leichter füllten sich die Säle.

Einer der Höhepunkte des Tages war „The Night of All Nights“ (Die Nacht der Nächte) der Regisseurin Yasemin Samdereli (Deutschland), ein Film der im Thaliasaal gezeigt wurde. Im 92-minütigen Film aus dem Jahr 2018 wirft Samdereli einen Blick auf vier Paare, die seit ihrer 50 Jahre oder länger zurückliegenden Hochzeit zusammen sind. Gelungen ist ihr dabei eine wundervoll offene Dokumentation über die Liebe. Interviewt hat sie ein indisches Ehepaar, das entgegen dem Kastensystem geheiratet hat und für ihre Liebe mit ihren Familien brechen musste, ein zwangsverheiratetes japanisches Ehepaar, zwei Liebende aus dem Ruhrgebiet und ein homosexuelles Paar aus den USA, das lange nicht heiraten durfte. Die Paare erzählen offen über ihre Erfahrungen als Langzeitliebende, über die guten wie auch über die schlechten Zeiten. Man fühlt als Zuschauer sofort eine gewisse Sympathie zu den Interviewten, die durch ihre Offenheit punkten. Der Film wird morgen, am Samstag, dem 19. Oktober, um 21 Uhr, im Saal Astra Film Cinema 1 (Franz Binder-Museum) wiederholt.

Um die Liebe in Zeiten des Krieges ging es in „For Sama“ (Für Sama). Und um eine junge Familie, die vier Jahre lang in der syrischen Großstadt Aleppo gegen das autoritäre Regime Baschar-Al-Assads im Zuge des Arabischen Frühlings kämpft und im Krieg überlebt. Die Hauptprotagonistin ist Waad Al-Kateab, die 2011 als Studentin in Aleppo den Bürgerkrieg zu dokumentieren begann. Später filmt sie die Bombenanschläge und die Belagerung der Stadt, in der ihr Mann als Arzt tätig ist. Der Film ist ihrer Tochter Sama  gewidmet und lässt sich wie ein Video-Tagebuch, das in erster Person erzählt wird, sehen. Sie filmt Tote und Verletzte, Trauernde, die zerbombte Stadt, den Kampf ums Überleben und fragt sich: „Warum habe ich dich in diese Welt geboren, Sama?“. Mit Hilfe des Filmemachers und Emmy-Gewinners Edward Watts beschreibt Waad Al-Kateab fünf Jahre aus ihrem Leben in Aleppo, zeigt die Gräuel des Krieges und wozu Menschen fähig sind. In Cannes rührte der Film, der den „Prix L’Œil d’Or“ für den besten Dokumentarfilm dieses Jahr gewonnen hat, hartgesottene Filmprofis zu Tränen und im Gong-Theater erging es vielen Zuschauern ähnlich. Er könnte auch die Jury des Astra Film Festivals überzeugen.  „For Sama“ kann man noch am Samstag, dem 19. Oktober, um 11 Uhr, im Gong-Theater sehen.

Am besten besucht war am Dienstag der rumänische Dokustreifen „Casa cu lacăt“ (Das Haus mit einem Schloss) von Diana Gavra. Vor allem ältere Semester zog die Thematik der Korruption in Rumänien, die in dem Film behandelt wird, an. Von Betrugsfällen beim Abitur bis zum Schmieren des Arztes und zur Korruption unter Politikern ist der Film eine Analyse der Korruption als soziales und historisches Phänomen in Rumänien. Der Journalist Cristian Tudor Popescu spricht in einem Interview zusammenfassend das aus, was viele denken: „Korruption ist in Rumänien Tradition“.

Noch bis Sonntag kann man in Hermannstadt die besten Dokumentarfilme des Jahres sehen. Am Samstag findet um 19 Uhr die Preisverleihung statt und am Sonntag werden ab 16 Uhr die Gewinnerfilme wiederholt. Der Oktober bleibt Dank Astra Film Festival einer der spannendsten Monate im Hermannstädter Jahreslauf.

Cynthia PINTER

 

 

 

 

 

 

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