Preisträgergala war Doku an sich

Die Jury des 20. Astra Film Festivals hat die besten fünf Filme gekürt

Ausgabe Nr. 2646

Regisseur Alex Brendea (links) und der originelle und entspannte Mathe-Lehrer zeigten, dass die Schule mehr sein kann und sollte.             
Foto: AFF

Bei der diesjährigen 20. Auflage des Astra Film Festivals, konnte das Publikum unterschiedliche Dokumentarfilme sehen: von jungen Regisseuren, die zum Teil eine schöne Karriere versprechen, von großen Meistern, die weltweit ihre Filme zeigen und von mehr oder weniger berühmten Regisseuren, die in den vier verschiedenen Kategorien des Wettbewerbs Filme eingereicht haben: International, Zentral- und Südosteuropa, Rumänien und DocSchool. 46 Filme wurden dieses Jahr von einer internationalen Jury bewertet, die Preise gingen nach Frankreich, Belgien, Israel, Estland und Rumänien. Viele freuten sich, dass ihre Favoriten gewonnen hatten, manche waren traurig, dass bewegende Filme es nicht geschafft hatten, einen Preis zu ergattern.

 

Erwartet wurden die Zuschauer bei der Preisverleihung am Samstag von „Crăciuns Fanfare“ aus dem Dorf Zece Prăjini, inzwischen weltweit für seine Musiker bekannt. Die Gala war fast ein Dokumentarfilm an sich, denn es wurden kurze Filme für jede der vier Kategorien gezeigt.

Der Preis für den besten internationalen Film ging an „Immortal“ (Unsterblich), bei dem die Jury-Mitglieder es schätzten, dass der Film gegen die sehr gefährlichen nationalistischen Bewegungen in der ganzen Welt kämpft. Die russische Regisseurin Ksenia Okhapkina erzählt in dieser estnisch-lettischen Koproduktion über die strikten Strukturen, die das Leben der Menschen in einer kleinen russischen Stadt beeinflussen. Es geht um die Staatspropaganda, die unmerklich das Alltagsleben beeinflusst, von Schülerinnen, die Disziplin an einer Ballettschule erlernen oder um die Jungen, die sich für den Wehrdienst vorbereiten. Der Film hat sich gegen neun weitere Filme durchgesetzt.

Politisch rot angehauchte Menschen hat Bojina Panayatova aus Bulgarien in „I See Red People“ in ihrer eigenen Familie entdeckt und somit den Preis für den besten Film im Wettbewerb für Ost- und Zentraleuropa gewonnen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1998 hat sie als Achtjährige Bulgarien verlassen und ist mit ihrem Vater nach Frankreich ausgewandert. 20 Jahre später stellt sich die Frage, warum ihre Familie während des kommunistischen Regimes so einfach ins Ausland reisen durfte, es zieht sie in ihre alte Heimat für die Antworten zurück. Hier entdeckt sie ungemütliche Wahrheiten. Ihr Vater, ein Maler, hat seine Werke der Geheimpolizei verkauft, ihre Mutter war ohne ihr Wissen als Geheimagentin registriert, weil sie Kontakt zu ausländischen Studenten hatte. Ein Freund der Familie nutzte das aus, um in ihrem Namen Berichte für die Geheimpolizei zu verfassen. Elf Filme waren in dieser Kategorie eingeschrieben.

„Crăciuns Fanfare“ im Freilichtmuseum.                 
Foto: Ruxandra STĂNESCU

Von den ebenfalls elf Filmen in der Kategorie Rumänien wurden ausnahmsweise zwei preisgekrönt. Der beste Film in der Kategorie war „Profu“ (Teach/Der Lehrer) aus Rumänien, den Preis für die beste Regie erhielten Charlotte Grégoire und Anne Schiltz (Belgien) für ihren Dokumentarfilm „Pastures New“ (Die, die bleiben).

„Der Lehrer“ von Alex Brendea, entstanden im Rahmen des Programms „Romanian Docs in Progress“, war einer der wenigen Filme im Festival, der bei den Zuschauern keinen bitteren  Nachgeschmack hinterließ. Der Film begleitet einen Lehrer im Laufe eines Schuljahres. Der in Brăila geborene Mathelehrer Dorin Ioniță lebt in Bistritz von Privatstunden – auf das Lehramt hat er aus Zeitmangel verzichtet, denn er kann sich besser im Privaten auf seine Schüler konzentrieren. Privatstunden erteilt er nicht nur den Reichen, sondern auch Jugendlichen aus sozial schwachen Familien, die er zum Teil wie ein Vater begleitet, an die er glaubt und denen er sogar Unterstützung für die Einschreibung an der Hochschule bietet. Er gibt dabei nicht nur Mathestunden, sondern er gibt ihnen zum Teil das Gefühl, zu einer Familie, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Deswegen widmet ihm ein ehemaliger Schüler seine Doktorarbeit. Der Film ist durch den ungewöhnlichen Lehrer sehr entspannt, die Hauptperson trifft aber mit einer Aussage den Nagel auf den Kopf: „Alles, was seit 30 Jahren in diesem Land schief läuft, hat eine einzige gemeinsame Ursache: Das immer schwächere Schulsystem in Rumänien“. Der Regisseur bedankte sich bei der Preisverleihung für diese Ehrung und gab zu, in den letzten Jahren bei keinem Astra Film Festival gefehlt zu haben, denn da gab es sehr viel zu lernen. Auch der Protagonist kam auf die Bühne und sagte ein paar Worte. Der Film könnte vielen Lehrern in Rumänien – und nicht nur – zu denken geben.

Im Mittelpunkt des Films „Pastures New“ standen Menschen aus dem siebenbürgischen Dorf Malmkrog, das allerdings nicht genannt wird. Bei der Weltpremiere am Donnerstag der Vorwoche im Gong-Theater waren außer den beiden Filmemacherinnen auch einige der Protagonisten dabei. Hier ist immer einer oder eine, den oder die es in den Westen zieht, wo er oder sie sich ein besseres Leben erhofft. Es geht um Portraits, starke Frauen, junge Menschen, die noch keine Sorgen haben,  um die letzten Schäfer aus der Gegend, die für ihren Boden und ihre Schafe kämpfen. Alle werden von dem Hin und Her beeinflusst, denn immer ist die ganze Familie betroffen, nicht nur die Person, die wegzieht oder zurückkehrt. Für die Filmemacherinnen aus Brüssel, die beide Anthropologie studiert haben, war es der zweite Dokumentarstreifen, den sie in Malmkrog gedreht haben. Der erste trug den Titel „STĂM – nous restons là/wir bleiben hier“  und hatte im Dezember 2006  in Luxemburg, der Heimat von Anne Schiltz, Premiere.

Die meisten Filme im Wettbewerb, 15, gab es in der DocSchool-Kategorie. „My Father’s Son“ (Der Sohn meines Vaters) aus Israel erhielt den Preis für den besten Film dieser Kategorie. Der junge Regisseur Hillel Rate porträtiert Gershon und Moshe, die vor 15 Jahren Russland verlassen haben und nach Israel gezogen sind. Gershon ist ein starker, charismatischer Leader, sein Sohn Moshe will in dessen Fußstapfen treten, aber auch seinen eigenen Weg in dieser Welt entdecken.

Der Sonntag war, wie immer, den Gewinner-Filmen gewidmet. Leider musste man sich für den einen oder den anderen Film entscheiden, denn sie liefen teilweise zeitgleich. Auch die Säle waren zu klein für die vielen Zuschauer, da durften nur diejenigen rein, die einen Platz reserviert hatten – auch wenn man Abo hatte. Das ist halb so schlimm für die Hermannstädter, denn die Filme bleiben beim Astrafilm-Studio und werden im Laufe des Jahres – bis zum nächsten Festival – gezeigt.

Ruxandra STĂNESCU

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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