Von der Schwierigkeit, Außenseiter zu sein

Künstlerische und literarische Darstellungen vom 19. bis 21. Jahrhundert

Ausgabe Nr. 2642

Sidonia Bauer/Pascale Auraix-Jonchière (Hrsg.): Bohémiens und Marginalität. Künstlerische und literarische Darstellungen vom 19. bis 21. Jahrhundert. Frank&Timme-Verlag für wissenschaftliche Literatur Berlin, 508 Seiten, ISBN 978-3-7329-0499-0.

 

Als Bohémiens gelten heutzutage zumeist intellektuelle Randgruppen, welche nicht zuletzt durch ihre recht unbekümmerte Lebensweise auffallen. Bohéme steht zugleich für eine sozialgeschichtliche Kategorie, in der viele vom gradlinigen Strömungswind abgekommene Maler, Dichter, Literaten und andere Überlebenskünstler eine Art Unterschlupf fanden und noch immer finden. Gesellschaftliche Normen verursachen innerhalb dieser Szene gähnende Langeweile  und werden selbstverständlich abgelehnt. Banale Gepflogenheiten sind den Outlaws sowieso suspekt. Eigene Identitäten suchen und finden sie mit Hilfe praktizierter Individualität und einem oft genug stoisch gelebten Eigensinn.

 

In einem Sammelband wurden jetzt sogenannte „Zigeuner“ als schillernde Marginalien plus Bohémiens der Gesellschaft und deren vielfältige Bezüge zum Alltagsdasein untersucht. Bereiche wie Politik und Philosophie, literarische und poetische Darstellungen sowie Kunst und Medien boten dafür ausreichend Projektionsflächen. Nachzulesende Betrachtungen reichen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert und bringen oftmals extreme Tiefenanalysen an die Öffentlichkeit. So beschäftigte sich Klaus-Michael Bogdal mit den Hinterlassenschaften  von Franz Liszt (1811-1886) und entdeckte bei ihm ein ganz spezielles „Zigeunergefühl“ im positiven Sinn. Astou Fall wiederum thematisierte in der hier vorliegenden Konstruktion „Ethik, Politik und Philosophie“ die Benachteiligungen und fehlende Anerkennung der speziellen Lebensweise jener Menschen, die offiziell als Sinti und Roma bezeichnet werden. Andere, mit reichhaltigen Informationen ausgestattete Buchseiten, untersuchen Darstellungen im Themenbereich „Kunst und Medien“ über die „Zigeuner“ und die dabei bei der Mehrheitsbevölkerung entstehende Faszination bei einer trotzdem immer spürbar bleibenden sowie weit verbreiteten Ablehnung dieser Ethnie.

Auf besonderes Interesse bei Lesern dieser Zeitung dürfte ein Beitrag von Daniel Eiwen stoßen. Sein Beitrag „Das Bild des Zigeuners in der Literatur vom Leibeigenen in den Fürstentümern zum Thron Moldaus“ lebt von vielschichtigen Einschätzungen und facettenreichen Draufsichten. Der Leser erfährt notwendigerweise viel Historisches und die von ihm verwendeten Worte von der „bunten Gesellschaft“ dienen keinesfalls nur als aufhübschende Begleitfolklore. Der Notierende meint damit die schon immer vorhandene multiethnische Vielfalt im jetzigen Rumänien. Da die Fremden von weither einst kaum etwas zu bieten hatten als ihr Anderssein, blieben ihre Kontakte zu anderen Bevölkerungsgruppen jahrhundertelang eher beschränkt. Für die im Alltag zu spürende Abneigung steht die von Eiwen ausgegrabene, recht unappetitliche Aussage: „So wenig wie die Weide ein Obstbaum, so wenig ist der `Zigeuner´ ein Mensch“.

Insgesamt schätzte der aus Galatz stammende und lange Zeit in Kronstadt lebende und danach in Köln gelandete sowie mittlerweile pensionierte Lehrer und Literaturwissenschaftler die ganze Sachlage recht nüchtern ein. Rumänien verfügt bekanntlich in Europa über die größte Romaminderheit. Diese ist extrem heterogen und stolz auf einen eigenen König und Kaiser. Sie lebten immer randständig, wurden nie „rumänisiert“. Aufgrund der tradierten Vorurteile verschweigen viele bewusst ihr Herkunft. Einige davon tauchen zuweilen ab oder treten ihrem Lebensumfeld provokant gegenüber. Ein Satz von Eiwen, der einst als Doru Chirică auf die Welt kam, bringt es besonders auf den Punkt: „Sie alle aber vervollständigen das Bild eines interessanten Volkes, manchmal gehasst, manchmal beneidet. Eine Melange aus Exotik, Abenteuer, Leidenschaft, Bohémien und Kunst.“

Roland BARWINSKY

 

 

 

 

 

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