Wo man in Schokolade baden kann

Zu Besuch bei Johann Taierling in Szekler-Neumarkt und Bálványos

Ausgabe Nr. 2638

Hier kann man in ,,Schokolade“ baden, zeigt Johann Taierling stolz.
Foto:  Werner FINK

Wer in dem Kurort Bálványos baden geht, kommt an dem Bad „Csiszár Fürdő” nicht vorbei. Für die Bewohner von Szekler-Neumarkt/Târgu Secuiesc und Umgebung gilt das Bad laut einem Internetportal als „der beliebteste Ausflugsort der letzten 100 Jahre”. Den Namen hat das Bad von Csiszár Dénes, der auf der Jagd seinen einbeinigen Jagdstuhl in die Erde gestochen, dabei eine Mineralwasserquelle entdeckt und so das Csiszár-Bad am Ende des 19. Jahrhunderts gestartet hatte.

Gegenwärtig kümmern sich um das Csiszár-Bad die Taierling-Brüder, Johann und Péter Ferenc, die es sich zum Ziel gesetzt haben das Csiszár-Bad wieder aufblühen zu lassen und in den touristischen Kreislauf zu bringen. Wie es dazu gekommen ist, dass Brüder mit diesem Namen sich in dieser Gegend daheim fühlen und sich auch für die Belange der Gemeinschaft vor Ort einsetzen, erfuhren wir auf einem Besuch in Szekler-Neumarkt und Bálványos.

Etwa 20 Kilometer nordwestlich von Szekler-Neumarkt liegt der Badeort „Bálványos”, was auf Deutsch übersetzt, etwa „Götzenstätte” bedeutet. Man könnte sagen, ohne ein bisschen zu übertreiben: Es ist da ,wo Mensch und Bär sich die Küche teilen. Zur linken Hand befinden sich auf dem Berg die Trümmer der ehemaligen Burg der Apor-Baronen. Deren Vorfahren sollen hier noch den alten heidnischen Glauben behalten haben, als man im damaligen Königreich Ungarn schon überall längst zum Christentum übertreten war. Zur rechten Hand, befindet sich irgendwo mitten im Walde nun das Bad „Csiszár Fürdő”. Es war schon Spätnachmittag, vereinzelt gingen aber noch immer noch Besucher von dem einen Mineralwasserbad zum anderen. Am ersten Becken, das nach seiner Farbe „Csokoládés” oder „mit Schokolade” benannt wurde, erzählte ein Familienvater, begeistert von seinem jüngsten Treffen mit einem Bären. „Das ist das Lieblingsbecken der Kézdivásárhelyer (der Bewohner aus Szekler-Neumarkt) und ist auch eines der ältesten Becken hier”, erklärte Johann Taierling, einer der beiden Brüder die sich um das Bad kümmern. „Derjenige der dort badet ist mein Ururgroßvater Csiszár Dénes” zeigte Taierling stolz das Foto auf der Informationstafel. Das Mineralwasser im Becken hier soll vor allem gegen Herz und Kreislaufprobleme, für Rheumatismus und andere Krankheiten helfen. Jedes Becken hat hier eine andere Farbe, eine andere Zusammensetzung und hilft gegen andere Krankheiten.

„Zur einen Hälfte bin ich Sathmarer Schwabe, zur anderen Hälfte bin ich Szekler aus Kovászna Megye (Kreis Covasna)”, sagte Johann Taierling, der Ururenkel von jenem Csiszár Dénes, nach dem das Csiszár Bad in Bálványos benannt ist. „Dieser Teil der Familie mit der ich mich hier beschäftige ist natürlich eine szekler-ungarische Familie. Hier in Kézdivásárhely haben wir früher dem Adelsstand angehört, dem Klein-
adel, der im Szeklerland sehr verbreitet war.”

Für die Holzschnitzwerkstatt haben die Taierling-Brüder in einem ihrer Häuser in Szekler-Neumarkt die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt.
Foto: Privat

Das Haus auf dem Marktplatz in Szekler-Neumarkt, wo früher einmal Csiszár Dénes gewohnt hatte, wohnt heute auch Johann Taierling. Ein Wappen mit dem Schwert und dem abgeschlagenen Türkenkopf ziert heute das  Haus als Zeichen, dass die Familie zurückgekehrt ist. Die Geschichte der Vorfahren von Taierling in Szekler-Neumarkt kann er bis in die Zeit von König Matthias zurückführen, als ja viel gegen die Türken gekämpft wurde. „Aufzeichnungen nach lebt diese Familie in dieser Gegend seit 1466. Damals haben sie den Adelstitel bekommen. Das war damals die Familie Török, das heißt auf Deutsch „Türke”.

Im Laufe der Jahrhunderte hatte die Familie in Szekler-Neumarkt mit den anderen Familien ähnlichen Standes eine Heiratspolitik betrieben und so brachten sie es schließlich auf ungefähr 1.000 Hektar Grund und ungefähr 100 Gebäuden, darunter Wirtschaftsgebäuden, Alkoholfabriken u. a. 1949 bei der Verstaatlichung wurden die Familienmitglieder nicht nur aus ihren Häusern hinausgeworfen, sondern auch deportiert, einige in das Donaudelta, andere in die Bărăgan-Steppe, andere sind nach dem Krieg erst gar nicht zurückgekehrt. Ein Teil der Familie, die Großeltern von Taierling wurden nach Baraolt deportiert, wo der Großvater, als der einzige Chirurg in der Gegend, Chefarzt des Krankenhauses wurde. Ab 1963 wurde es ihnen erlaubt eine Stadt in Rumänien auszusuchen wo sie leben wollten mit einer Ausnahme: Szekler-Neumarkt. So zog die Familie nach Temeswar, wo Vater Taierling, ein Sathmarer Schwabe, ebenfalls Johann genannt, ins Spiel kam. Als Student wohnte dieser bei der Großmutter in Untermiete und lernte seine Mutter kennen. So wurde Johann Taierling in Temeswar geboren und wurde nach seinem Vater auch „Johann” getauft. „Seit 1720 haben alle Taierlings in Urziceni gelebt. Alle Erstgeborenen hießen bei uns Johann seit 1720. So heiße ich auch Johann.”, erklärte Johann Taierling stolz, der scheinbar diese Tradition weiterführen möchte. Auf die Frage, ob auch sein Sohn so heißen werde, antwortete Johann: „Auf jeden Fall”. In Temeswar besuchte Johann den deutschen Kindergarten und ging hinterher in die ungarische Schule. „Meinen Eltern war es wichtig, dass ich beide Kulturen mitbekomme”, unterstrich Taierling. 1990, als Taierling erst 11 Jahre alt war,  ist die Familie nach Deutschland ausgewandert, wo er dannn auch das Abitur machte und die Universität besuchte. Als er dann erfuhr, dass 2005 ein Gesetz erschien, dass in Rumänien, verstaatlichtes Gut rückerstattet wird, überlegte er nicht lange und zog nach Szekler-Neumarkt und begann die Behördengänge zu machen und macht es seitdem mit mehr oder weniger Erfolg immer noch.

Taierlings Ziel ist es, das rückerstattete Gut wieder aufblühen zu lassen und einem guten Zweck zu widmen. „Was wir erwirtschaften aus den Ländereien, Wiesen, Wäldern, investieren wir wieder in die Wirtschaft hinein. Die Landwirtschaftssubventionen helfen uns natürlich sehr. Wir freuen uns natürlich, dass Rumänien Teil der EU geworden ist, weil dadurch ganz andere Möglichkeiten gekommen sind. Wir nutzen alle Möglichkeiten, die wir nutzen können um das Gut wieder aufblühen zu lassen”, sagte Taierling. Gegründet wurden u.a. gemeinnützige Vereine für bestimmte Themenbereiche, die in den rückerstatteten Räumlichkeiten ihre Tätigkeit ausüben. Dabei wird nach Möglichkeiten gesucht verschiedene Förderungen zu beantragen. „Das, was wir tun, tun wir in unseren Gebäuden, auf unserem Land, mit unseren Möglichkeiten, aber sehr oft für die Gemeinschaft, alles kostenlos”, sagte Taierling.

Im Rahmen vom Agrarverein wird geholfen lokalen Produzenten Förderungen zu beantragen oder Geschäftskontakte zu knüpfen. „Ich war beispielsweise für den Agrarverein letzlich in Ungarn auf einer Agrarausstellung. Ich habe die hiesigen Agrarprodukte aus Szekler-Neumarkt, dem Publikum vorgestellt und versucht einen Kontakt zwischen den hiesigen Produzenten und dortigen Verkäufern zu schaffen. Das ist die Hauptaufgabe die ich mir mit dem Agrarverein vorgenommen habe.”

In der einen der rückerstatteten Räumlichkeiten richtete er gemeinsam mit seinem Bruder zusammen eine Schnitzwerkstatt ein, wo Jugendliche aber auch Erwachsene die Holzschnitzkunst, aber auch Möbel zu bemalen und andere Handwerke lernen können. „Wir freuen uns, dass die Jugendlichen hier Verschiedenes lernen können und wir freuen uns auch, dass wir eines unserer Gebäude einem schönen Zweck widmen konnten”, unterstrich Taierling.

In Bálványos wurde das neuste Becken mit Hilfe einer elfköpfigen Gruppe von Schwaben aus Ungarn gebaut, die von einer befreundete Ärztin, mitgebracht wurden. Rundum wurde in Anlehnung auf die Bedeutung des Begriffs „Bálványos” gleich auch drei Götzen in origineller Manier aufgestellt. Vorher wurde ein Betrag für eine kleine Waldsauna wo die Gäste selber einheizen dürfen, von Ari Tahvanainen dem Präsidenten eines finnischen Saunavereins und ehemaligem Gast von Csiszár Fürdő gestiftet. Alte Pensions- und Restaurantsgebäude wurden erst jüngst zurückgekauft. Ein weiteres Ziel ist nun, diese mittels Förderungen zu renovieren und das Gut und die Bäder hier wieder in den touristischen Kreislauf zu bringen.

Werner FINK

 

 

 

 

 

 

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