„Nein, aus Luxemburg!“

Ausgabe Nr. 2630

Julius Henning beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl 2017.
Foto: Herwart LICKER

Die Begleitumstände zu der Veröffentlichung der Denkschrift „Luxemburg und die Siebenbürger Sachsen“ von Julius Henning waren im positiven Sinne recht ungewöhnlich. Nach einem Hinweis, erhielt ich jüngst ein Schreiben von einem Mann. Bemerkenswert daran sollte nicht nur die Tatsache sein, dass der Brief mit Hilfe einer guten alten Schreibmaschine entstand. Der Urheber, Jahrgang 1926, bezeichnete sich selbst als „Siebenbürger Urgestein“ aus Schäßburg. Zugleich übernahm er als integraler Bestandteil seiner Gemeinschaft auch in Deutschland gern Verantwortung als Mittler zwischen den Kulturen. Julius Henning machte zugleich in dem Brief öffentlich, dass vor genau 250 Jahren eine Sprachverwandtschaft zwischen dem siebenbürgisch-sächsischen Dialekt und dem „Letzebuergischen“, welches im Großherzogtum Luxemburg zu den offiziellen Sprachen gehört, festgestellt wurde. Er habe nun darüber eine Festschrift herausgegeben.

Rasch verinnerlichte ich diese Faktenlage. Danach lief bei mir umgehend folgender Film ab: Als ein nicht in Siebenbürgen Geborener, bereise ich seit drei Jahrzehnten regelmäßig jenes, durch den Vertrag von Trianon vor 100 Jahren zu Rumänien gekommenes Gebiet mit einer so stolzen deutschen Minderheit am Fuße der Karpaten. Ende der 1980er Jahre faszinierte mich auch der dort in den Gemeinden gesprochene siebenbürgisch-sächsische Dialekt. Viele Jahre danach hielten wir uns in einem großen Freizeitpark in Baden-Württemberg auf. Plötzlich begegnete ich einer Frau, die nach meiner Meinung genauso wie die Siebenbürger Sachsen sprach. Auf meine mit funkelnden Augen gestellte Frage, ob sie denn aus Rumänien sei, erwiderte die Dame in Tracht postwendend: „Nein, aus Luxemburg!“

Mit diesem Stück persönlicher Erinnerungslyrik sind wir schon mittendrin in der Schrift zur Würdigung der Sprachverwandtschaft und des Gedenkens an Franz Xavier de Feller (1735-1802). Nach einer geografischen Bestandsaufnahme, rückte der Verfasser bereits im Vorwort eine bemerkenswerte Episode in den Mittelpunkt. Im 18. Jahrhundert wurde dieser Franz Xavier de Feller als Militärgeistlicher aus dem luxemburgischen Raum in die nordsiebenbürgische Stadt Bistritz versetzt. Beide Regionen gehörten seinerzeit zur Habsburger Monarchie. Und der dort Angekommene notierte, nachdem er vorab an seiner neuen Wirkungsstätte mit der dort ansässigen siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung kommunizierte, folgendes: „Ihre eigene Sprache ist das Deutsch von Luxemburg, mit einigen Abweichungen. Das Wesen, der Wortklang und die Umgangsformen dieser Sachsen sind genau die Gleichen wie die der Luxemburger.“ Sprach-und Dialektforscher elektrisierte so eine Feststellung.

Julius Henning suchte in seiner Veröffentlichung verbindende Brücken, die diese Fakten bestätigten. Er trifft unterwegs auch auf Georges Calteux aus dem mondänen Großherzogtum sowie aktiv bei der Gründung des Luxemburghauses in Hermannstadt dabei. Dieser machte seine eigenen Sichten über die Besonderheiten zwischen den beiden europäischen Regionen in dem Werk ebenfalls öffentlich. Mit Betrachtungen über die Siedlungsgebiete der Siebenbürger Sachsen, die Geschichte sowie kulturhistorische Leistungen dieser Volksgruppe und die Entstehung von Bezeichnungen sorgte der Verfasser für inhaltliche Klarstellungen und förderte außerdem so manches Detail an die Oberfläche. In einem Abschnitt wurde durch die Tiefblicke auch auf den letzten siebenbürgisch-sächsischen Stuhlrichter Wilhelm Henning – der Vater des Aufschreibenden – hingewiesen. Konkret belichtete der Autor unterschiedlichste Blickwinkel zwischen Luxemburg und Siebenbürgen. Es gibt Vergleiche gemeinsamer Orts- und Flurbezeichnungen in beiden Regionen. Eine Bilderfolge verfestigte außerdem plastisch die vielen Anmerkungen. Auch Brauchtum sowie eine Auswahl von Wortähnlichkeiten als Belege der Sprachverwandtschaft gehören zum wohltuenden Markenkern der Veröffentlichung.

Beigefügt ist dem Ganzen die CD „Heimatliche Klänge – Lëtzebuerg-Siebenbürgen“. Unterstützt hat diese Produktion das Institut für Chorgesang Luxemburg. Abwechselnd sind darauf letzebuergische und siebenbürgische Lieder zu hören. Eben eine Fülle von Titeln, die ein Gesamtkunstwerk des hellwachen und geschichtsbewussten Verfassers noch weiter veredelten.

Das Buch von Julius Henning ist im Eigenverlag erschienen und kann unter Tel. 07231-24864 bzw. E-Mail julhenning@alice-dsl.net bestellt werden.

Roland BARWINSKY

 

 

 

 

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