Es gehört dieser Tage zum guten Ton

Streiflichter vom 26. Internationalen Hermannstädter Theaterfestival
Ausgabe Nr. 2629

 

Radelnde Blaskapelle aus Holland: Der Auftritt der Crescendo Opende Bicycle Band sorgte am Wochenende in der Heltauergasse und auf dem Großen Ring für Aufsehen.                                
Foto: Beatrice UNGAR

Das Besondere am Theaterfestival in Hermannstadt: Jeder will dabei sein. Zu sagen, man hat dieses Theaterstück oder jene Straßenperformance gesehen, gehört zum guten Ton diese Tage. Wenn man nachmittags durch die Heltauergasse gehen muss, so ist das fast unmöglich nicht wenigstens ein paar bunte Sambatänzerinnen oder eine laute Blaskapelle angetroffen zu haben. So ist das jeden Sommer in Hermannstadt, ständig etwas los. Das Theaterfestival feiert dieses Jahr seine 26. Auflage:  540 Veranstaltungen mit 3.300 Künstlern aus 73 Ländern. 70.000 Zuschauer sollen auch heuer die Theatersäle, Hallen, Straßen und Plätze füllen. Das Theaterfestival, das unter dem Motto „Die Kunst zu schenken“ läuft, hat am 14. Juni begonnen und dauert noch bis Sonntag.

 

  Wu Hsing-kuo aus Taiwan spielte am ersten Tag des Theaterfestivals  in der Hauptrolle den Faust. Foto: Sebastian MARCOVICI

Ausgerechnet mit Goethes „Faust“ begann der Theatermarathon in diesem Jahr. Gewohnt mit Silviu Purcăretes grandioser Inszenierung mit Ofelia Popii als Mephisto, waren die Erwartungen groß. Doch die chinesische Inszenierung des Contemporary Legend Theatre aus Taiwan war ganz anders, als man sich das vorstellte. Es wurde viel in der asiatischen Eigenart gesungen, die für europäische Ohren sehr schrill klang und dadurch viel von der Dramatik verloren ging. Man konnte den Teufel nicht so wirklich fürchten und Faust kam auch ziemlich lächerlich rüber, während Gretchen mit einer extra piepsigen Stimme recht übertrieben wirkte. Dass  es dem Hermannstädter Publikum nicht gefiel, merkte man nach der Pause, als der Saal nur noch halb so voll war, wie zu Beginn.

Ihre Saltos ließen das Publikum in der Redal Expo-Halle den Atem anhalten.
Die Kanadier von der Kompanie „Machine de Cirque“ begeisterten alle Zuschauer.
Foto: Cynthia PINTER

Viel spannender ging es bei der Veranstaltung „La Galerie“, die verwirrenderweise auf rumänisch „Stelele circului contemporan“ übersetzt wurde. Zirkus stimmte und Galerie auch, denn die sieben Akrobaten aus Kanada beeindruckten durch ihre atemraubenden Saltos und Sprünge. Zwischendurch amüsierten sie das Publikum, das zahlreich in die Redal Expo Halle gekommen waren, durch lustige Sketches in einer Kunstgalerie. Musikalisch untermalt wurde die Akrobatik durch eine Saxophonspielerin, die Teil der Performance war, aber keine gefährlichen Stunts durchführte.

Ebenfalls am Freitag ging es um die gefährdete Männlichkeit  in „Medea`s Boys“, von Ionuț Sociu und nach „Medea“ von Euripides. Darin treffen sich die sogenannten „Argonauten“ in der Bar von Euphemos, um eine Wiedersehensparty zu feiern. Auf der Bühne ist eine Bar in Schiffsform eingerichtet, im Hintergrund wurde mit Kreide die Karte von Griechenland gezeichnet. Mit seiner Bouzouki im Arm macht Orpheus alle seine Trinkkumpanen verrückt mit seinen Liebeskummer-Geschichten über Eurydike. Euphemos, der von seinem Vater Poseidon die Gabe erlernt hat, über dem Meer zu wandeln, beichtet seine Angst vor dem Wasser.  Und dann ist da noch Tiphys, der Poet, der seit Jahren auf einer verlassenen Insel gelebt hat, um seine Memoiren aufzuschreiben. Nur Äskulap findet, dass alle zu Weicheiern mutiert sind, wo sie doch zum Saufen und Feiern da sind. Parallel zu diesem Geschehen wird die Geschichte von Medea erzählt, die von ihrem Mann Iason, für den sie ihre eigene Familie zurückgelassen und verraten hatte, verstoßen wird und bei dem sie sich rächt, indem sie auch ihre eigenen Kinder tötet. Medea wird hervorragend von einem männlichen Schauspieler, Eduard Trifa, verkörpert, der parallel dazu den sensiblen Tiphys spielt.

Eines der am besten verkauften Vorstellungen des Festivals war am Sonntag „In the Forest, Dark and Deep“ (Im Wald, dunkel und tief) von Neil LaBute, dank dem Schauspieler in der Hauptrolle: Tudor Chirilă. Der rumänische Musiker und Schauspieler, beliebt in den letzten Jahren auch als Jury-Miglied der TV-Show  „Vocea României“ (Voice of Romania), kam diesmal nach Hermannstadt mit der Bukarester Theater-Company „UnTeatru“, zusammen mit seiner Kollegin Mihaela Sîrbu. Das Stück in der Regie von Iarina Demian, Tudor Chirilăs Mutter, Bühnenbild Irina Moscu, wurde im März dieses Jahres in Bukarest in Szene gesetzt und war auch dort ausverkauft. Die zwei Schauspieler bringen ihre Geschichte auf eine schmale Bühne, auf dem ganz eng auch die Schauspieler sitzen, so dass sich beide während des Stückes zwischen Menschen und Kisten bewegen müssen, sich direkt neben ihren Zuschauern setzen. Deswegen bat Chirilă auf seiner eigenen Facebook-Seite die Zuschauer dringend, ihre Handys auszuschalten, nicht zu fotografieren und auch nicht zu sprechen. Tatsächlich war es in Hermannstadt auch ganz ruhig während des Stückes, eine schwarze Komödie, die 2011 uraufgeführt wurde. Betty, eine Hochschullehrerin und auch seit kurzem Dekanin, bittet ihren Bruder Bobby, ein einfacher Zimmermann, ihr beim Ausräumen ihres Ferienhauses in einem Wald zu helfen. Da habe ein Student gewohnt, den sie angeblich nicht gekannt hatte, da ihr Mann sich um dieses Haus kümmere, erklärte sie ihrem Bruder, zu dem sie eine eher schwierige Beziehung hat. Während sie die Sachen in Kisten tun und sich die Zeit mit Streitereien vertun, entdeckt der Bruder ein Foto des Studenten, zusammen mit Betty. Schritt für Schritt wird da die ganze Geschichte aufgedeckt, es stellt sich heraus, dass Betty vor ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern ihre Affäre mit dem Studenten gut versteckt hatte. Die Geschichte wird immer komplizierter, denn der Student, der angeblich weggefahren war, als er erfahren hatte, dass seine Mutter Krebs hatte, war eigentlich tot, und Betty war bemüht, seine Sachen zu verstecken, bevor auch seine Familie hinter diese Affäre kam. Das alles, da ihr Geheimnis eigentlich viel dunkler war, passend zum Titel des Stückes und des Ortes, wo ihr Liebesnest versteckt war.

Szenenfoto mit Marcel Iureș und Ruxandra Maniu, aus der Inszenierung „Moș Nichifor“ nach Ion Creangă, Regie Alexandru Dabija, die im Sportsaal des Octavian Goga-Lyzeum aufgeführt worden ist.
Foto: Sebastian MARCOVICI

Das Bukarester Theater „Act“ brachte am Montag im Sportsaal des Goga-Lyzeums einen Klassiker: „Moş Nichifor“ nach Ion Creangă, in der Regie von Alexandru Dabija. Der berühmte Schauspieler Marcel Iureș trat auf die Bühne zusammen mit seiner jüngeren Kollegin Ruxandra Maniu. Moş Nichifor, ein alter Kutscher aus Târgu Neamţului, ist bekannt in seiner moldauischen Ortschaft für seine geräumige Kutsche und seine weißen Stuten, die er allerdings immer wieder verkauft, weil „junge weiße Stuten seine Leidenschaft“ sind. Er soll Malca, die junge Schwiegertochter des reichen Juden Ştrul, zu ihrem Ehemann Iţic nach Piatra bringen. Das junge Ehepaar hat keine Kinder, auch Moş Nichifor ist traurig, dass seine Ehefrau ihm keine Kinder geschenkt hat. Moş Nichifor erzählt Malca über sein Leben als Kutscher, über seine Stuten und auch über den Weg, den sie gerade gehen und wo angeblich Wölfe sind. Voller Angst kommt die junge Frau dem Kutscher immer näher, als sie im Wald übernachten müssen, bleibt das Stück nicht mehr ganz jugendfrei. Am zweiten Tag kommen sie in Piatra an, Moş Nichifor ist so glücklich, dass sich seine „Alte“ wundert. In den folgenden Jahren kommt Malca regelmäßig zu ihren Schwiegereltern auf Besuch, wird immer von Moş Nichifor nach Hause gebracht und die junge Familie zieht glücklich ihre Söhne auf, wobei der Älteste eine große Leidenschaft für Pferde hat… Die Erzählung „Moş Nichifor Coţcariul“ von Ion Creangă ist am 1. Januar 1877 in „Convorbiri literare” zum ersten Mal gedruckt worden und kann auch online gelesen werden (http://www.povesti-pentru-copii.com/ion-creanga/mos-nichifor-cotcariul.html)

In parallelen Welten leben die Personen in „Before Breakfast“ von Eugene O’Neill in einer Adaption von Andrei und Andreea Grosu beim Theater „Maria Filotti“ aus Brăila. Der Einakter ist eigentlich ein Monolog der Frau Roland, die ihrem Gatten Alfred vorwirft, ein Alkoholiker und Nichtsnutz zu sein. Das Stück ist dadurch, dass Alfred nichts sagt und die meiste Zeit einfach nur zu schlafen scheint, zum Teil langweilig, was man auch an den links und rechts gähnenden Zuschauer erkennen konnte.

Der Hermannstädter Bachchor beteiligte sich unter der Leitung von Jürg Leutert und Brita Falch Leutert mit zwei „Mondscheinkonzerten“ in Hammersdorf und in Holzmengen (hier in Hammersdorf) an dem Theaterfestival.                                                                       Foto: Beatrice UNGAR

„Dansul pinguinului imperial“ (Der Tanz des Königspinguins) von Iulian Margu, Regie Vlad Popescu, brachte am Dienstag das „Ariel”-Theater aus Râmnicu Vâlcea auf die Bühne des Gong-Theaters. Ein altes Ehepaar – ehemalige Grundschullehrer – kämpfen mit dem Alter, mit der Armut und mit dem Alzheimer-Beginn des Ehemannes. Leider war das Stück voller Stereotypien und obwohl es als Komödie vorgestellt wurde, ließ es einen bitteren Nachgeschmack. Auch wenn die Beiden über 40 Jahre als Lehrer gearbeitet haben, reicht ihre Rente vorne und hinten nicht, so dass sie einen Second-Hand-Laden eröffnet haben, in dem sie alte Kleider und Möbelstücke verkaufen, die von ihrem Sohn Emil – der nach dem rumänischen Biologen und Botaniker Emil Racoviță getauft worden war – aus Deutschland geschickt werden. Auch so reicht ihr Geld für die Heizung nicht – es ist mitten im Winter, auch den Strom können sie nur bezahlen, wenn sie drastisch sparen. Sie hoffen, dass sie den großen Kühlschrank an ein Restaurant verkaufen können und so wieder heizen können. Weder der Sohn noch die Tochter haben sie lange nicht gesehen, das Paar lernt deutsch, damit sie sich mit ihren Enkelkindern aus Deutschland verständigen können, wenn sie nach Râmnicu Vâlcea kommen. Auf den Sohn sind sie besonders stolz, als sie einen Zeitungsartikel lesen, wie er es geschafft hat, sein Leben zu meistern, vom illegalem Migranten bis zu Firmenbesitzer, der in Deutschland Häuser der Verstorbeben ausräumt. Das Leben der Beiden ist aber traurig, den Sohn erreichen sie seit Tagen nicht, und auch aus der erhofften Liebesnacht – sie finden zwei Viagra-Pillen in einer Schublade – wird nichts, als der besoffene Pfarrer mitten in der Nacht vorbeischaut und erklärt, dass er den Kabel abgeschnitten hat, da die Kabelgesellschaft in der heiligen Weihnachtszeit unanständige Filme gebracht hatte. Regelmäßig nehmen sie ihre Pillen ein, bis es dem Ehemann reicht: Zusammen entscheiden sie sich erst, die Pillen nicht mehr zu nehmen, und so lange zu leben, wie Gott es wolle. Ohne viel zu besprechen, entscheiden sie sich zusammen vom Leben zu verabschieden. In einem Kältedelirium erscheint Emil Racoviță, der von seiner Expedition zum Südpol erzählt, dann lädt er die Beiden zu einer Party ein, die im großen Restaurantkühlschrank stattfinden soll…

Gar nicht langweilig war es am Dienstagabend in der Fabrikhalle „Faust“, wo „Der Belagerungszustand“ von Albert Camus mit einem Großangebot an Schauspielern in der Regie von Emmanuel Demarcy-Mota gespielt wurde. In dem Stück werden die Grausamkeiten gezeigt, die tyrannische, menschenfeindliche Regimes nach sich ziehen. Eines Tages versetzt ein Komet am Himmel eine Stadt in Aufruhr. Ein Säufer namens Nada (spanisch nichts) kündigt an, dass Schlimmes bevorstünde. Ein Herold verkündet, dass es „Befehl des Gouverneurs“ sei, dass man – unter Androhung von Strafe – nicht mehr über den Kometen sprechen darf. Die allegorischen Gestalten Pest und Tod, verkörpert durch die Person der Sekretärin, reißen die Macht in der Stadt an sich und errichten eine Schreckensherrschaft. Die Tore der Stadt werden geschlossen, Männer und Frauen getrennt. Ein Galgen wird aufgestellt und schwarze Sterne werden verteilt. Fast alle Bürger unterwerfen sich den neuen Machthabern, insbesondere der Säufer Nada ist bereit, mit ihnen zu kollaborieren. Nur der junge Arzt Diego widersetzt sich. Er verhandelt mit Pest und Tod über das Schicksal der Stadt und das Schicksal seiner Liebe Viktoria, der Tochter des Richters. Man bietet ihm Freiheit und Liebe für sich selbst an, er aber entscheidet sich schließlich für die Freiheit der Stadt. Um den Preis seines Lebens erringt er einen Sieg. Aber der feige und korrupte Gouverneur reißt nun die Macht wieder an sich. Die Schauspielerinnen und Schauspieler des Theatre de la Ville aus Paris, 14 an der Zahl legten eine atemberaubende Performance an den Tag und bekamen minutenlangen Stehapplaus.

Cynthia PINTER

Ruxandra STĂNESCU

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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