„Die Kirche wandert nicht aus!“

Vor 50 Jahren wurde Bischof Albert Klein feierlich ins Amt eingeführt

Ausgabe Nr. 2628

Landeskirchenkurator Albert von Hochmeister, Bischof Albert Klein und  Bischofsvikar Dr. Hermann Binder an der Spitze des Zuges auf dem Weg zur Kirche, vor dem Bischofspalais am 15. Juni 1969 (v. l. n. r.).
Foto: Landeskirchliches Archiv

Morgen sind es genau fünfzig Jahre: Der 15. Juni 1969 war für die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien und die damals noch zahlreiche sächsische Bevölkerung in Siebenbürgen ein wahrer Festtag, da Bischof Albert Klein feierlich in sein Amt eingeführt wurde. Sogar die unter strenger kommunistischer Kontrolle stehende deutsche Tageszeitung Neuer Wegberichtete zwei Tage danach auf der ersten Seite, wenn auch nur in einer kurzen Notiz rechts unten im Eck, über die „Feierliche Amtseinführung des neuen evangelischen Bischofs in Hermannstadt.“ Gleichfalls auf der ersten Seite und sogar etwas besser sichtbar erwähnte die Hermannstädter Zeitungdas Ereignis. Beide Zeitungen zählten die erschienenen Ehrengäste namentlich auf, es waren Bischöfe aus dem In- und Ausland, dazu Dr. Paul Hansen als Vertreter des Lutherischen Weltbundes, Professoren und andere Würdenträger. Auch von politischer Seite waren Ehrengäste anwesend, voran Prof. Dumitru Dogaru, der Generalsekretär des Kultusdepartements in Bukarest; auch der stellvertretende Vorsitzende des Hermannstädter Munizipalvolkrates, Constantin Buzdughină,  war dabei.

 

Es war ein erhebender Anblick, als sich vor 9 Uhr morgens der Festzug aus dem Bischofspalais über den Großen Ring zur evangelischen Stadtpfarrkirche auf dem Huetplatz bewegte. Voran schritt der Bischof mit dem Landeskirchenkurator und dem Bischofsvikar, es folgten das Landeskonsistorium, Delegierte der Kirchenbezirke, eine stattliche Anzahl evangelischer Pfarrer im Ornat und zahlreiche Bauern und Bäuerinnen in Kirchentracht. Im Chor der Stadtpfarrkirche hatten die Vertreter des Staates und die Gäste aus anderen Kirchen des Landes und der Ökumene bereits Platz genommen, voran Dr. Nicolae Mladin, der Metropolit von Siebenbürgen. Als der Festzug bei feierlichem Orgelspiel in die Kirche einzog, erhoben sich alle. Die Kirche war dicht besetzt. Es erklang das Lied  von Zinzendorf „Herz und Herz vereint zusammen“ und der große Wechselgesang „Herr Gott, Dich loben wir…“

Die Einführungshandlung eröffnete der Landeskirchenkurator, Albert von Hochmeister, mit einer Ansprache, die in den Worten gipfelte: „Hochwürdiger Herr Bischof! [Es] ist der Augenblick gekommen, in welchem Du Dein hohes Amt antrittst… Möge Gott unsere alte Volkskirche segnen und möge der Allmächtige Dir reiche Kräfte des Geistes und des Gemütes schenken, auf dass Du unsere Kirche mit sicherer Hand führst und leitest.“ – Die feierliche Handlung vollzog Bischofsvikar Dr. Hermann Binder, unterstützt von den Assistenten Dr. Hellmut Klima und Gustav Barthmes.  An der Einsegnung mit Handauflegung beteiligten sich vier evangelische Bischöfe. Anschließend predigte Bischof Albert Klein über die Epistel des Sonntags, 1. Johannesbrief 3, 13-18, und führte aus: „… wenn wir uns in den Dienst der Liebe Gottes nehmen lassen, dann sind wir in der Kirche, dann brauchen wir uns auch keine Sorgen zu machen, wie es mit der Kirche weitergehen soll, denn Gott ist der Herr der Kirche…“– Nach dem Gottesdienst schlossen sich die Gäste dem Bischof an, wodurch der Festzug noch länger und eindrucksvoller wurde. Man begab sich zu einem Empfang im Bischofshaus. Viele Menschen standen auf dem Großen Ring und waren beeindruckt. Nach dem Empfang gab es im Hotel „Zum Römischen Kaiser“ eine Festtafel, an der rund 300 Gäste teilnahmen.

An diesen Festtag knüpften sich mancherlei Hoffnungen. Einerseits stand man noch unter dem erfreulichen Eindruck des politischen Tauwetters nach dem Prager Frühling, wobei Rumänien seine Teilnahme an der militärischen Unterdrückung des Aufstandes in der Tschechoslowakei verweigert hatte, andererseits war man innerkirchlich froh über den Generationswechsel im Bischofsamt. Aus beiden Gründen wurde dieser Tag als ein Stück Selbstbestätigung empfunden, die man brauchte, gerade weil die politische Lage immer noch durchaus schwierig war und die Zukunft dieser Kirche in diesem Land mehrfach bezweifelt wurde. – Eine kleine Erinnerung beleuchtet die Atmosphäre jenes Tages: Nach dem Empfang im Bischofshaus sprach Oberkirchenrat Fischer aus Wien auf dem Großen Ring den Kurator von Großpold an, der ihm wegen seiner österreichischen Tracht aufgefallen war, und fragte ihn, wo er herkomme. Der selbstbewusste und auch belesene Mann reckte sich stolz auf und antwortete: „Aus Dorff an der Enns, aber wir sind schon vor 200 Jahren unter Maria Theresia nach Siebenbürgen gekommen.“ Dem österreichischen Kirchenmann klang diese Antwort wohl zu sehr nach Selbstdarstellung, darum sagte er mit tadelndem Unterton: „Damals sind Sie sicher nicht dabei gewesen!“ Die Behauptung des Großpolders aber entsprach durchaus der gehobenen Stimmung jenes Tages und einem gesunden Identitätsbewusstsein.

Die Frage nach der Zukunft der evangelischen Kirche und des sächsischen Volkes in Rumänien hat Bischof Albert Klein durch seine gesamte Amtszeit begleitet. Schon im Herbst nach seinem Antritt des Bischofsamtes unternahm er deshalb gemeinsam mit Bischofsvikar Dr. Hermann Binder eine fünftägige Visitationsreise in die gefährdeten Gemeinden im Bistritzer Kirchenbezirk, wobei der Wille zur Auswanderung bei mehreren Pfarrern und Gemeindegliedern deutlich aufbrach. Bischof Albert Klein stand in dieser Frage bewusst auf dem Standpunkt, den vor ihm auch Bischof Friederich Müller vertreten hatte: er gab die Hoffnung auf die Zukunft des Kirchenvolkes in der Heimat nicht auf. Gemeindeglieder, welche die Auflösung kommen sahen und fragten „Wer wird uns beerdigen?“, tröstete er mit dem Wort: „Die Kirche wandert nicht aus!“ Dass gerade dieses Wort später missverstanden und missdeutet wurde, hat ihn schwer bedrückt. Sicher war er nicht fehlerfrei, auch seine väterlichen Bemühungen, die Pfarrer gegenüber den staatlichen Aufsichtsorganen in Schutz zu nehmen, waren nicht immer erfolgreich, doch sollte sein ehrliches Ringen um jede Entscheidung rückblickend nicht vergessen werden.

Albert Klein übernahm das Bischofsamt in einer Zeit der inneren Umschichtung des kommunistischen Systems in Rumänien, die eine vorübergehende Auflockerung mit sich brachte. Durch seine geradlinige Haltung gelang es ihm, ein gewisses Vertrauensverhältnis zu den staatlichen Behörden aufzubauen, das er im Interesse der Kirche auszunützen verstand. Die „Kirchlichen Blätter“, deren Erscheinen 1947 abgebrochen worden war, wurden 1973 wieder ins Leben gerufen. Das längst fällige Gesangbuch wurde erarbeitet und herausgebracht, dazu eine neue Agende erstellt, die ebenfalls längst fällig war. Das alles tat er im Blick auf die Zukunft, nicht als Vorbereitung einer etwaigen Auflösung. Unter den damaligen politischen Verhältnissen waren es bedeutende Schritte nach vorne. Sogar staatliche Gelder zur Restaurierung historisch wichtiger Kirchengebäude konnten in begrenztem Maß locker gemacht werden. Besonderen Wert legte Bischof Albert Klein auf die Schulung und geistliche Ausrichtung der Pfarrer. In geistlichen Rüstzeiten nahm er sich dieser Aufgabe selber an. Durch eine gezielte Pflege der ökumenischen Kontakte, insbesondere aber der engen Beziehung zum Lutherischen Weltbund und zu den evangelischen Kirchen in Deutschland, konnte trotz des „Eisernen Vorhangs“ eine gewisse Öffnung zur Welt hin erreicht werden. In dieser schweren Zeit hat sich Albert Klein bis zuletzt bemüht, das geistliche Leben bis hin zu der „Grauzone“ des katechetischen Unterrichtes und der kirchlichen Jugendarbeit zu schützen.

Wenige Wochen vor seinem Tod erlebte er den Zusammenbruch des politischen Zwangssystems als längst ersehnte Befreiung. Als einer, der ihm innerlich nahe stand, kann der Schreiber dieser Zeilen bezeugen, dass dem Bischof dabei deutlich ein Stein vom Herzen fiel. Der politische Druck war gewichen, aber sein Anliegen war das gleiche geblieben. Im Januar 1990, als Pässe problemlos ausgestellt wurden und sich dennoch lange Schlangen vor dem Passamt in Hermannstadt bildeten, weil die sächsischen Bevölkerung sich ganz außergewöhnlich drängte, sagte er in einem Interview: „… wir bitten nach wie vor die Pfarrer, zu bleiben, um [den] Dienst an denen, die hier bleiben, weiterzuführen.“ – Am 8. Februar 1990 starb Albert Klein. Die Beteiligung an seiner feierlichen Beisetzung überstieg alle Erwartungen: Als die Spitze des Trauerzuges auf dem Hermannsplatz schon in bereitstehende Busse einstieg, bogen die letzen Teilnehmer desselben auf dem Großen Ring in die Heltauergasse ein. Es gab Stimmen, die sagten, diese Trauerfeier gelte nicht nur dem Bischof, sondern auch dem sächsischen Volk.

Wir sollten Bischof Albert Klein und sein aufrichtiges Ringen um jede einzelne Entscheidung auch heute, unter ganz anderen Voraussetzungen,  nicht vergessen!

Wolfgang H. REHNER

 

 

 

 

 

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