Aufgeschlossen für Dichtung: Jens Langer

Zum 80. Geburtstag des Pfarrers und Publizisten / Von Joachim WITTSTOCK

Ausgabe Nr. 2630

Jens Langer ist auch leidenschaftlicher Hobbyfotograf.
Foto: Henriette VÁSÁRHELYI

Familiäre Umstände brachten es mit sich, dass der in Rostock beheimatete evangelisch-lutherische Pastor Jens Langer seit mehr als anderthalb Jahrzehnten zum Rumänienreisenden und Siebenbürgenkenner wurde. Durch die Heirat des Sohnes und dessen Zuzug nach Holzmengen/Hosman wurde das Untere Harbachtal für Jens Langer und seine Gattin Mechthild zum Schwerpunkt regelmäßiger Aufenthalte hierzulande.

 

Offenen Sinnes nahm er auf Fahrten durch die Region und angrenzende Gebiete das Kennzeichnende von Natur und Menschenwelt auf, wohl mit einem schärferen Blick für die gegenwärtigen Gegebenheiten als Alteingesessene an Perspektive einbringen können und wollen. Seine Erfahrung im Umgang mit Land und Leuten nahm durch die Teilnahme an gesellschaftlichen, kirchlichen und künstlerischen Veranstaltungen in Hermannstadt und andernorts zu.

Was ihm begegnete, was er aufzunehmen bereit war, gliederte sich seiner reichen Lebenskenntnis ein. Nicht ohne Schwierigkeiten, die von den restriktiven Bestimmungen der DDR-Ideologie, von ihrer religionsunwilligen marxistisch-leninistischen Doktrin bedingt waren, begann er sein Theologiestudium in Leipzig, und der Scheelblick der Behörden begleitete ihn während seiner Studienjahre in Jena und Rostock und dann auch während seiner Tätigkeit als Geistlicher in Rostock und in mecklenburgischen Gemeinden. Eine Doktordissertation (über Paul Tillich, 1969) und eine Habilitationsschrift bekräftigten seinen Anspruch auf Weiterbildung und ebneten ihm den Weg, sein Wissen als Hochschuldozent für Praktische Theologie an jüngere Leute weiterzugeben. Publizistische Beiträge in Zeitschriften und Sammelwerken bezeugten Aufnahmefähigkeit und Diskussionsbereitschaft und ließen sein Anliegen erkennen, Predigtamt und Gemeindeführung mit neuen Erkenntnissen theolgischer Forschung in Einklang zu bringen. Während und nach der politischen Wende in Deutschland war er auch an politischen Aktionen beteiligt, an zeitgemäßen Veränderungen des gesellschaftlichen und kulturellen Klimas.

Seine Hinwendung zum Südosten bereicherte die Thematik seiner publizistischen Bemühungen. Vermehrt äußerte er sich über siebenbürgische Belange in periodischen Schriften Deutschlands, und es ist kein Zufall, dass seine Sammlung von Studien und Aufsätzen, diese „Niederschriften“, in ausgewogenem Verhältnis „Texte zur Theologie in DDR und BRD, Mecklenburg und Siebenbürgen“ vereinen (Hermannstadt–Bonn: Schiller Verlag 2016).

Ein musischer Zug im Charakterbild des Autors lässt sich aus verschiedenen Beiträgen des Bandes herauslesen. Beim Ausformen von Kanzelreden und Vorträgen, beim umsichtigen Rezensieren von Neuerscheinungen erwies er sich als dankbarer Leser, als kundiger Deuter des Dichterworts. Dem Hang zur lyrischen Aussage gab er seit den Studienjahren gelegentlich nach – ab und zu versifizierte er seine Selbstbefragungen und Botschaften (2017 erschien ein Band „Gedichte & Notate, 1958-2017“).

Auf Wegen durchs Harbachtal konnte es nicht fehlen, dass der in Rothberg/Roşia lebende Schriftsteller Eginald Schlattner in seinen Gesichtskreis trat. Jens Langer lernte die urwüchsige Erzählergabe Schlattners schätzen und besprach dessen Romane eingehend. Auch der Lebensstil des Rothberger emeritierten Geistlichen und Gefängnisseelsorgers mag ihn beeindruckt haben, dieses zumindest gestisch ans patriarchalische Landpfarrerdasein und Magnatentum vergangener Zeiten erinnernde Dasein.

Dem Rostocker Besucher war auch noch ein weiterer Autor der Gegend aufgefallen, der aus Thalheim/Daia stammende, dort auch beerdigte Georg Hoprich. Die Verse des im Selbstmord geendeten Dichters hatten es Jens Langer angetan, und er hätte es gerne gesehen, wenn das Werk und das tragische Schicksal dieses Poeten nicht bloß gelegentlich einem kleineren Kreis von Wissenden etwas bedeutet hätten. Im gesprochenen Wort, in schriftlicher Verlautbarung trat er für Georg Hoprich und dessen Lyrik ein (als Befürworter einer Neuausgabe der Hoprichschen Gedichte, „Bäuchlings legt sich der Himmel“, Leipzig: Verlag Reinecke & Voß 2011).

In ein „Protokoll transsilvanischer Entdeckungen“ flocht Jens Langer ein Paul-Celan-Zitat ein: „Es ist Zeit, dass es Zeit wird. Es ist Zeit.“ Indes Zeilen vorher war in dem „Protokoll“ zu lesen: „Noch ist Siebenbürgen nicht verloren…“

 

 

 

 

 

 

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