Unfassbar innovative Sounds

Streiflichter vom 49. Internationalen Jazz-Festival in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2625

Der hervorragende Trompeter Lázaro Amauri Oviedo Dilout von der Band „Conexion cubana“, die zum Abschluss des Festivals am Sonntag aufgetreten ist, zog alle Jazzliebhaber in seinen Bann.
Foto: Fred NUSS

Von Donnerstag bis Sonntag Abend hielt das riesige Projekt die Stadt auf den Beinen. Es war das 49. seiner Art und lud erneut Interpreten aus aller Welt nach Hermannstadt ein. Besonders einige von ihnen, wie etwa „Shalosh“ aus Israel und „Electrocutango“ aus Skandinavien lieferten unfassbar innovative Sounds, die den Zuhörer wahrlich in ihren Bann zogen, während andere wie das „Marcin Pater Trio“ aus Polen dem klassischen Jazz die Ehre gaben.

 

Donnerstag Abend um 20. Uhr ging es bereits los, allerdings nicht am Großen Ring, wo die anderen Bands auftraten, sondern in der Mango Bar, südwestlich der Altstadt. In den Rundgewölben der Räumlichkeiten legte die belgische Gruppe „Broes“ aus Belgien mit einer stark von Roma-Musik inspirierten Jazz-Variante vor. Die Sounds waren schnell, lebhaft und beinhalteten auch einige Elemente aus dem französisch-belgischen Folk. „Broes“ spielte zu fünft mit einem Akkordeon, einer Violine, einer akustischen Gitarre, einem Kontrabass und Schlagzeug.

Drei von „jazzodrom“ (v. l. n. r.): Andreas See (Saxophon), Gerd Rahstorfer (Trompete), Christian Wendt (Bass).
Foto: Fred NUSS

Am Freitag ging es dann im riesigen Zelt auf dem Großen Ring weiter. Die Gewinner des Jazz-Wettbewerbes vom letzten Jahr, das „Marcin Pater Trio“ aus Polen, gab Hermannstadt erneut die Ehre. Ab fünf Uhr Nachmittags verzückten sie die Zuhörer mit dem Schlagzeug, einem Kontrabass und einem Vibraphon von der Größe eines Tisches. Die Band wartete mit klassischem Jazz auf, in dem jedoch auch die frischen Beats, eine interessante Konstellation und viele feinen Nuancen auffielen. Das Trio zauberte eine Musik, die ebenso jung-energetisch wie auch verspielt und verträumt war.

Ab 19 Uhr ging es dann mit der „Jeff Herr Corporation“ (Luxemburg) weiter, die von dem gleichnamigen Schlagzeuger aufgebaut wurde. Das Arrangement bot neben den rhythmischen Drums auch einen spritzigen Kontrabass und ein fetziges Saxophon, von denen jeder einzelne ohne Probleme auch Solo hätte auftreten können. Der Sound der drei Musiker erzeugte beim Zuhörer, bildlich gesprochen, das Gefühl, im Traum eine Nacht in einer pulsierenden, glitzernden Großstadt zu verbringen. Einige Stücke waren übrigens von Legenden wie David Bowie und Jimmy Hendrix inspiriert.

Die letzte Band des Abends kam aus Spanien und nennt sich „Sergio de Lope Quintet“. Als sie gegen 21 Uhr begann, war das Zelt am großen Ring vollkommen gefüllt. Die Spanier kamen zu Fünft; der Frontmann spielte die Querflöte hervorragend, die passend schräge Töne von sich gab, unterstützt von der Akustik-Gitarre, dem Bass, einem Schlagzeug/Kachon und einem äußerst eleganten Piano-Spiel. Aus dieser Mischung ergab sich ein Flamenco-Jazz, der von heißer, mitreißender Stimmung bis zu leisen, hypnotischen Klängen verschiedenste Spektren des Wohlgefallens zu bedienen wusste.

Vier von „electrocutango“ (v. l. n. r.) Steinar Haugerud (Bass), Schlagzeug: Antonio Torner Mikael Augusstsson (Ziehharmonika) und Odd Hannisdal (Geige).
Foto: Fred NUSS

Samstag ertönten von mittags an bis abends permanent Soundchecks und Proben in der Altstadt, die zu einer ausgelassenen Stimmung der Passanten am stark frequentierten Großen Ring beitrugen. Ab fünf Uhr trat die „Adi Bărar Band“ auf die Bühne, die zwar keinen Jazz spielte, dafür aber andere amerikanisch-stämmige Musikrichtungen bediente wie etwa klassischen Rock, Country Musik und teils sogar Blues. Der Leadsänger wirkte wie ein Biker von der berühmten „Route 66“ in seiner Lederweste, dem Cowboyhut und der rauen Stimme, mit der er den Mix aus Gitarre, Bass und Schlagzeug untermalte.

Die musikalische Atmosphäre des Nachmittags konnte jedoch kaum auf das vorbereiten, was den Zuhörern dann ab sieben Uhr abends geboten wurde: Die Gruppe „Shalosh“ wartete mit einem schier unvergleichlichen Klang auf, der mir persönlich am meisten imponiert hat. Es ist schwerlich in wenige Worte zu fassen, was da auf der Bühne geschah, als die drei Lockenköpfe aus Israel, die optisch auch Brüder hätten sein können, auftraten. Mit einem Piano, einem Kontrabass und dem Schlagzeug entfaltete sich ein mitreißender, kristallgleicher Klang, der mit feinen, entspannten Noten begann, sich dann zu einem wahren Sturm aus ebenso chaotischen wie auch wilden Geräuschen entwickelte, einem Gezeiten-Spiel, von Melancholie bis zur Grenze des Wahnsinns wurde jedes Extrem bedient. Die einzigartige Musik von Shalosh begeisterte das Publikum so sehr, dass sie erst eine, dann eine zweite Zugabe geben mussten – oder durften; je nachdem, wie man es sieht.

Zwei Stunden später wurde es dann mit dem rumänischen „Christian Soleanu Quintet“ klassischer und auch etwas ruhiger; das Arrangement aus Saxophon, Klavier, Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass streichelten die Seele des Jazz-Liebhabers und luden zum Gedanken-versinken ein. Während Gitarre und Blasinstrument die Tonleitern auf und ab schwankten, konnte man sich gut vorstellen, beispielsweise zu der Musik in San Francisco an der Promenade zu sitzen und dem Sonnenuntergang entgegen zu schauen.

Mit „Jazzodrom“ fand sich die letzte Band des Abends aus Österreich ein. Zunächst wirkte der Sound der fünf Musiker eher gediegen, wurde dann jedoch allmählich spritzig bis funky. Besonders das Saxophon und die Trompeten-Solos hatten etwas Besonderes, und im Ganzen wirkte die Musik ebenso fröhlich wie abenteuerlustig. Etwas in der Art könnte man sich auch gut auf einem dieser Fluss-Dampfer vorstellen, die früher über den Mississippi River in den Südstaaten Amerikas schipperten.

Der Pianist Gadi Stern (Shalosh, Israel).              
Foto: Fred NUSS

Am Sonntag drehte das Festival dann nochmal richtig auf. Ab 19 Uhr trat die Band „Electrocutango“ auf, die sich als wahre Meister auf ihrem Gebiet entpuppten. Die Gruppe kommt zwar aus Norwegen und Schweden, jedoch mutete die Musik keineswegs skandinavisch an, sondern viel mehr latino-artig. So schaffte die vom Altersdurchschnitt etwas erfahrenere Gruppe auf besondere, kreative und experimentale Weise mit einer Ziehharmonika, Drums, dem Kontrabass, dem Piano und einer Geige, die oftmals so stark wie ein guter Espresso war, das Auditorium in Ekstase zu versetzen. Das schillernde, vielfältige und abwechslungsreiche Tango-Jazz Potpourri, welches man sich sowohl auf offener Straße, als auch in einem gefüllten Tanzsaal, als auch in einer Zirkusmanege vorstellen könnte, lockte recht bald die ersten Tänzerinnen und Tänzer auf den Plan, die sich dem Tango hingaben. Auffallend waren auch die Interaktion mit dem Publikum des musikalischen Chefs der Truppe, Sverre Indris Jona, der das Klavier spielte, sehr humorvoll und anstachelnd wirkte und gegen Ende sogar ein Selfie mit dem Publikum und sich selbst schoss. Electrocutango soll mit einer Besucherzahl von 5000 Menschen am meisten frequentiert gewesen sein.

Einen energetischen Abschluss des Abends wie auch des ganzen Festivals lieferte die kubanische Truppe „Conexion cubana“, die mit schwarz-weißen Outfits und karibisch-exotischer, ausgelassener und verführender Tanzmusik glänzten. Zu den Rhythmen von Gitarre, Bass, Trompeten, Conga und Timbales gesellte sich nicht nur der eindringliche, spanische Gesang der ewig lächelnden Frontmänner, sondern auch eine große Menge von Gästen, die erneut das Tanzbein schwangen. Auch wenn hier wieder der Jazz-Anteil eher kurz kam, von dem hervorragenden Trompeter Lázaro Amauri Oviedo Dilout abgesehen, war die Begeisterung der Anwesenden spürbar hoch, was auch daran zu erkennen war, dass das Konzert drei Stunden lang andauerte. Wie auch die Skandinavier zuvor wurden sie johlend dazu aufgefordert, Zugaben zu geben.

Es wurden an dieser Stelle auch nicht alle Musiker einzeln hervorgehoben, wobei aber jeder von ihnen sein Handwerk hervorragend verstand und eine tolle Leistung erbrachte.

Der einzige Punkt, der kritisch hervorgehoben werden kann: Gerade aufgrund der vielen modernen und lateinamerikanischen Einflüsse des Line-ups, die ohne Frage zu einer spannenden Mischung führten, waren einige der langjährigen Festival-Besucher etwas enttäuscht über den geringen Anteil an klassischem Jazz.

Es war das 49. Festival seiner Art in der Stadt. In den zehn Bands spielten insgesamt 44 Musiker, während bis zu 20.000 Zuhörer das Festival an den vier Tagen besuchten und sich nebenbei auch an den verschiedenen Speisen der 14 Food-Trucks rings herum gütlich taten.

Seit man sich vor über einem Jahr dazu entschied, den Wettbewerb gegen Ende des Jahres und das Festival selbst im Frühjahr zu veranstalten, steht beides für sich selbst. Die nächste Competition soll vom 1. bis 3. November veranstaltet werden, während das nächste Festival in seiner 50. Auflage vom 14. bis zum 17. Mai 2020 stattfinden soll.

Erwähnung sollte noch finden, dass der Eintritt für die Besucher kostenlos war. Das ist keinesfalls selbstverständlich. Finanziert werden kann es dank der Unterstützung von dem Kulturministerium, privaten Spendern und besonders durch den Hermannstädter Stadtrat.

Jan-Christian BREWER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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