„Die Stadt ist wie ein Festival“

Der neue Leiter der deutschen Abteilung heißt Hunor Horváth

Ausgabe Nr. 2620

Hunor Horváth fühlt sich in Hermannstadt (hier auf dem Großen Ring) sehr wohl.                                                                        
Foto:  Jan Christian BREWER

Wenn man ihn zum ersten Mal sieht, mit seinen klaren, blauen Augen, seinem struppigen Bart, der Stoffweste und dem ausgefransten Schal, könnte man ihn glatt für einen Freibeuter oder einen Wandergesellen halten. Im Gespräch dagegen gibt er sich überlegt, drückt sich differenziert aus und man merkt ihm schnell eine sehr progressive Haltung an. Hunor Horváth ist seit kurzer Zeit Leiter der deutschen Abteilung des Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheaters. Er ist 33, kümmert sich hauptsächlich um die Organisation der deutschsprachigen Stücke und um all das, was darüber hinaus für einen reibungslosen Ablauf wichtig ist.

 

Der Siebenbürger vereint alle möglichen ethnischen Einflüsse aus der Region in sich und hat drei Pässe, den rumänischen, den deutschen und den ungarischen. Mit der deutschen und ungarischen Minderheit kann er sich zwar eher identifizieren, jedoch macht der rumänische Einfluss einen ebenso wichtigen Teil von ihm aus, da er hier aufwuchs.

Deshalb kam er letztendlich auch vor wenigen Monaten wieder zurück. Transsylvanien ist Zuhause für ihn. In Deutschland, wo er sich einige Jahre aufgehalten hat, war er fertig. Es gab dort nichts Neues mehr für ihn. Hermannstadt bot ihm dafür andere Chancen.

„Die Stadt ist wie ein Festival“ sagt er, denn in Hermannstadt kommen und gehen dauernd Menschen, Touristen, Geschäftsleute, Neugierige. Unter den Besuchern sind auch viele Deutsche dabei, „Gastarbeiter“, wie er sie schmunzelnd nennt, und meint damit etwa Manager von zugezogenen Firmen und Andere. Auch die Einheimischen sind in seinen Augen ein wichtiger, aktiver Teil des kulturellen Lebens, die das Bild der Stadt mitprägen.

Dass es im Hermannstädter Nationaltheater zwei verschiedensprachige Abteilungen in einem Verband gibt, ist für ihn ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Er sieht darin das Potential, einen noch intensiveren kulturellen Austausch anzuregen. Ein Thema, welches ihm am Herzen liegt. Er betont, dass dies nicht im Widerspruch dazu steht, Theater für eine deutschsprachige Minderheit machen.

Für Horváth ist das Theater selbst vor allem ein Medium der Reflexion. Wenn es gesellschaftliche Streitigkeiten und Zwiste gibt, so wird das auf der Bühne dargestellt, ebenso wie die anschließende Versöhnung. Andersherum kann Theater aber eben auch Anreiz zur Bewältigung solcher Probleme sein. Jeder Einzelne kann dem Medium etwas Eigenes abgewinnen, und dennoch entsteht am Ende ein „gemeinsamer Geist“. Für den Leiter der deutschen Abteilung gehört das deshalb einfach zu einer gesunden Gesellschaft.

Horváth stellt sich scheinbar gerne Mammut-Projekten, hat er sich doch beispielsweise in der Zeit in Süddeutschland um den Umzug der Athanor Akademie von Burgau nach Passau gekümmert und anschließend als Dozent, Studiengangsleiter und Manager verdient gemacht. Auch für Hermannstadt hat er sich schon etwas Bedeutendes vorgenommen.

Er will eine Art Theater-Ampel einführen, die Interessierten suggeriert, auf welche Art Aufführung sie sich einlassen: Grün steht für einen leicht verdaulicheren, kultur- und wertepflegenden Charakter, Gelb für eine diskursive und kommunikative Auseinandersetzung und Wertevermittlung, und Rot für experimentelle, stark konfrontierende und extreme Inhalte.

Der 33-Jährige bereut nicht viel in seinem Leben, Dinge für die er sich schämen müsste, fallen ihm auch nicht ein. Natürlich, erklärt er, gibt es auch Probleme, die man anders hätte lösen können, aber im Nachhinein ist jede Veränderung gut. Stagnation ist für ihn viel schlimmer.

Sein größtes Glück ist seine Familie, da diese ihm jederzeit uneingeschränkt den Rücken gestärkt hat, auch unabhängig vom finanziellen Status. Sie haben aber auch nicht versucht, ihm eine Rolle aufzuzwingen. Vermutlich ist das der wichtigste Grund, weshalb er zu dem Mann werden konnte, der er nun ist. Geld ist für den Freidenker vor Allem Mittel zum Zweck, auch wenn es hilfreich sein kann. Viel wichtiger sind ihm menschliche Beziehungen.

Politisch hält er sich überwiegend bedeckt; Künstlerethos. Er ist jedoch, in seinen Worten, „pro Mensch“ und drückt Anerkennung für diejenigen Länder aus, die liberal und dialogschaffend sind.

Für Hermannstadt wünscht Hunor sich, dass es so weiter macht, wie bisher. Er schätzt die kulturelle Präsenz und das Leben hier, bedauert es aber gleichzeitig, dass so viele Jugendliche ins Ausland gehen, ohne wiederzukommen. Vielleicht würde ein politischer Generationswechsel in Rumänien, gar eine friedliche Revolution im Land, einen Trend-Wechsel bringen.

Ich habe ihn gefragt, warum er eigentlich den Hut trägt: Seit er als Jugendlicher einmal einen aufgesetzt hat, fühlt er sich damit am Wohlsten. Bedeutungsvoll erklärt er, man müsse ja von Oben nicht alles sehen, was er denke. Wer da zuschauen könnte, vermag er zwar nicht zu sagen, da er selbst nicht religiös ist, doch wichtig findet er Spiritualität dennoch.

Auf die Frage, welche Tätigkeit er ausüben würde, wenn sie nicht mit Theater zu tun hätte, überlegt er kurz, grinst breit und antwortet knapp mit: „Kochen.“ Er liebt es im großen Stil Essen zuzubereiten, etwa rumänische und ungarische Gerichte in Kesseln, ist aber auch sehr an der japanischen Küche interessiert. Dieses Interesse ist sogar derart ausgeprägt, dass er sich vorstellen könnte, in der Stadt eine Ramen-Bar zu eröffnen, also ein Lokal für japanische Nudelsuppen. In Hermannstadt werden ohnehin viele Suppen gegessen, meint er. So wie er davon erzählt, könnte man meinen, nächste Woche würde der Laden schon auf machen.

Der Theatermensch Horváth sieht viele Parallelen vom Kochen zum Schauspiel: Die Aromen sind eine Art der Kommunikation, die er dem Publikum vermitteln kann, und es findet hinterher auch hier eine Reflexion statt. Man spricht über das Essen, stellt Noten und Akzente fest. Am Tisch werden zudem alle möglichen Aspekte des sozialen Lebens behandelt, etwa Streit und Liebe. Eben die Dinge, die auch auf der Bühne zentral sind.

Jan Christian BREWER

 

 

 

 

 

 

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