Die Schreibmaschine als roter Faden

Streiflichter von der 29. Auflage der Deutschen Literaturtage in Reschitza

Ausgabe Nr. 2621

 

Edith Ottschofski, Horst Samson und Traian Pop (v. l. n. r.)
Foto: Privat

Wer drei volle Tage mit Lesungen, Buchvorstellungen, einer Vernissage und einem Theaterstück erleben darf, sucht beim Berichten natürlich nach dem sprichwörtlichen roten Faden… Diesen stellte bei den 29. Deutschen Literaturtagen in Reschitza die gute alte Schreibmaschine dar. Der in Reps geborene und heute in Backnang lebende Schriftsteller Hellmut Seiler erzählte, wie er – wie vor 1990 alle Besitzer einer Schreibmaschine – mit seiner Schreibmaschine zur Miliz wandern und eine Schriftprobe abtippen musste, wie er dann seine neue Schreibmaschine in der freien Welt in Deutschland kurz nach dem Ankauf in den Sondermüll wandern ließ… Sein Gedicht „Die Schreibmaschine“ bezeichnet er als „Undinggedicht“…. In der als „collagierte Reminiszenz“  inszenierten Erzählung „Hades“ von Joachim Wittstock, ließ die Spielleiterin Carmen Elisabeth Puchianu im Prolog Maschinengeknatter ertönen und die Grande Dame der rumänischen Gegenwartsliteratur Nora Iuga las ein in deutscher Sprache verfasstes Gedicht, auf der Schreibmaschine geschrieben. Sie schreibe immer noch so, verriet sie den zahlreichen Gästen.

Nora Iuga nimmt schon seit Jahren an diesem regelrechten Event teil, das nach und nach zu internationalem Rang gefunden hat. Initiator Erwin Josef Țigla kann ruhig stolz darauf sein. Und es ist vor allem bewundernswert, wie er es Jahr für Jahr schafft, den Gästen Überraschungen zu präsentieren. In diesem Jahr war es die 1968 in Reschitza geborene Yvonne Hergane, die heute in Brunsbüttel/Deutschland lebt und dort hauptsächlich als Kinderbuchautorin bekannt ist. In Reschitza las sie unveröffentlichte Fragmente aus ihrem Roman Mutter-Miniaturen“ und erntete Lob von Nora Iuga, die sich auch sonst während der Veranstaltung, die vom 12. bis 14. April in der Alexander Tietz-Bibliothek stattfand, immer wieder überaus begeisterungsfähig und begeisternd (mit)wirkte.

NZ-Chefredakteur und VUdAK-Vorsitzender Johann Schuth, Kurator und Vorsitzender der VUdAK-Künstlersektion Ákos Matzon, Ombudsfrau Erzsébet Szalay-Sándor und der Maler Csaba Szegedi bei der Vernissage der VUdAK-Ausstellung im „Frédéric Ozanam“-Sozialzentrum. (v. l. n. r.).         
Foto: Privat

Zum ersten Mal dabei war auch die 1964 in Temeswar geborene Journalistin und Dichterin Edith Ottschofski, die heute in Berlin lebt und die den Sammelband Kulturelles Gedächntnis – ästhetisches Erinnern“ vorstellte, den Michéle Mattusch 2018 zur Leipziger Buchmesse herausgegeben hatte, als Rumänien Schwerpunktland gewesen ist.

In diesem Jahr war der Pop-Verlag Ludwigsburg ein Protagonist bei der Leipziger Buchmesse. Er feierte 15 Jahre seit der Gründung. Dies wurde auch in Reschitza entsprechend gewürdigt. Verlagsgründer und -leiter Traian Pop war persönlich dabei, ließ aber den Autor Horst Samson Einblick in die Tätigkeit des Verlags gewähren. Samson ehrte Pop mit folgenden Worten: Als Menschenfänger, der mit dem Kopf durch die Wand geht und als Nichtkenner der deutschen Sprache hat Pop eine Bühne geschaffen, um internationale Schriftsteller in deutscher Sprache zu veröffentlichen“. Heute können die Hermannstädter Samson und Pop bei einer gemeinsamen Lesung mit Eginald Schlattner im Erasmus-Büchercafé erleben.

Nicht nur Deutschland war vertreten sondern auch Slowenien: Veronika Haring und Aleṧ Tacer präsentierten den 17. Sammelband des Kulturvereins deutschsprachiger Frauen  Brücken“, der unter dem Titel Vezi med ljudmi/Zwischenmenschliche Bindungen“ in Maribor herausgegeben wurde; Und der unverwüstliche Ivan Korponai las aus seinem neuesten Gedichtband, Ein Hauch von Ewigkeit“.

Joachim Wittstock, Dagmar Dusil, Nora Iuga, Beatrice Ungar und Erwin Josef Țigla (v. l. n. r.).                                                                   Foto: Privat

Aus Wien dabei war auch in diesem Jahr Hans Dama, der einen Vortrag hielt zum Thema 120 Jahre Wiener Volksoper. Die Rolle Adam Müller-Guttenbrunns als erster Direktor des ursprünglichen Kaiserjubiläums-Stadttheaters“ und gemeinsam mit seinem kongenialen Übersetzer Simion Danila eine deutsch-rumänische Lesung mit einigen seiner neuesten Gedichte bestritt.

Der Hermannstädter Schriftsteller Joachim Wittstock trat mehrmals in den Mittelpunkt. Zunächst stellte er die Neuauflage seines Prosabandes Ascheregen“ vor, dann die in Hermannstadt geborene und heute in Bamberg lebende Autorin Dagmar Dusil, die als fünfte Dorfschreiberin von Katzendorf unter dem Titel Auf leisen Sohlen“ nicht nur aus ihrer Zeit in diesem Dorf im Haferland berichtet.

Der Reschitzaer Journalist Werner Kremm stellte seine neueste Übersetzung vor: Er hat den Roman Die Peitsche im Antlitz“ des Temeswarer Schriftstellers Franz Xaver Kappus (1883-1966) ins Rumänische übertragen. Ebenfalls eine Übersetzung – die von Alexander Hausvaters Kurzprosa Was wäre wenn“ – stellte die HZ-Chefredakteurin vor.

Der Temeswarer Journalist Balthasar Waitz las aus seinem unveröffentlichten Band Marienfeld. Geschichten aus dem Banat“ und seitens des Literaturkreises Die Stafette“ bestritt deren Vorsitzende Henrike Brădiceanu-Persem eine Lesung. Feministisch, wie es sich gehört“ sei nach eigener Aussage ihr neuestes Buch – Die Professoressa. Ein Erotikon in gebundener und ungebundener Rede“ – verfasst, sagte die Kronstädter Autorin Carmen-Elisabeth Puchianu bei ihrer anschaulichen Lesung. Puchianu trat auch als Spielleiterin und Protagonistin auf in dem Theaterprojekt Hades“, das die Teilnehmenden am Samstag Abend im Reschitzaer Theater in die Zeit der Diktatur in Rumänien zurückführte. Joachim Wittstock als Vorleser war die Überraschung“ des Abends, wie eine Zuschauerin schwärmte.

Am Palmsonntag konnten alle Interessierten einen Gottesdienst in der evangelischen Kirche erleben, Pfarrer Walter Sinn war eigens dafür aus Semlak angereist.

Nach dem Gottesdienst wurde im nahegelegenen Sozialzentrum die Ausstellung Gestern – Heute – Morgen“ des Verbands Ungarndeutscher Autoren und Künstler (VUdAK) eröffnet, die ab dem 5. Juni d. J. im Forumshaus in Hermannstadt zu sehen sein wird.

Beatrice UNGAR

 

 

 

                            

 

 

 

 

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