Das kleine Wunder von Tobsdorf

Johannes Reychmuts Nachlass / Tischlerkunst des 16. Jahrhunderts

Ausgabe Nr. 2620

Projektleiter Dr. Ralf Buchholz bei seiner Präsentation. Foto: Fred NUSS

Die Eröffnung der Ausstellung „Das Tobsdorfer Chorgestühl und seine Restaurierung“ fand am 1. April, im Hermannstädter Friedrich Teutsch-Kultur- und Begegnungszentrum statt. Der Projektleiter der Restaurations-Gruppe, Dr. Ralf Buchholz, war zugegen und bot den Besuchern eine Einführung in das Projekt. Die als Wanderausstellung konzipierte Schau ist noch bis zum 15. Juni geöffnet und bietet auch eine originalgetreue Replik der eigentlichen Konstruktion.

 

Das 16. Jahrhundert. Eine bewegte Zeit, und das in jeglicher Hinsicht. Während Kolonialmächte wie Portugal und Spanien sich daran machen, die neuen Gefilde jenseits des Atlantiks zu unterwerfen, tut sich auch in den Gesellschaften Europas einiges. Die Reformationsbewegung ist in vollem Gange, und zu allem Überfluss hat man auch in Siebenbürgen und überhaupt auf dem Gebiet des heutigen Rumänien zu jener Zeit alle Hände voll zu tun mit dem expandierenden Osmanischen Reich.

Um so erstaunlicher war doch der Zufallsfund der Hildesheimer Forscher und Studierenden der Studienrichtung Konservierung und Restaurierung von Möbeln und Kunstobjekten der Fakultät Bauen und Erhalten an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Götzingen (HAWK). 2009 entdeckten sie in Großau/Cristian die eher schlecht als recht gelagerten Überreste des ausgelagerten Chorgestühls aus der evangelischen Wehrkirche in Tobsdorf/Dupuș. Die Restauratoren-Gruppe entschied sich dazu, die Einzelteile zu ihrem Institut nach Hildesheim zu bringen, um es wieder in Schuss zu bringen. Nach rund acht Jahren Arbeit ist das rundum restaurierte Gestühl nun im Chorraum der Margarethenkirche in Mediasch aufgestellt, wo es im Beisein von Bischof Reinhart Guib am 4. November 2018 eingeweiht wurde.

Erstaunlich ist das Gestühl, welches der in Siebenbürgen bekannte Meister Johannes Reychmut aus Schäßburg 1537 baute, auf mehrere Arten.

Reychmut baute nicht nur dieses Stück, es scheinen eine ganze Reihe von Gestühlen, Pulten und Türen von ihm hergestellt worden zu sein. Und das in jener Zeit, als Invasoren aus dem Süden das damalige Siebenbürgen gehörig unter Druck setzten. Ob nun der Reichtum aus dem Weinanbau der Gemeinde die Mittel gab, das kunstvolle Chorgestühl in Auftrag zu geben und zu erwerben, oder ein unbekannter Spender dahinter stand, ist nicht geklärt.

Aufmerksamkeit erregte der Fund auch, da er damals nicht als fertig zusammengebaute Konstruktion nach Tobsdorf gebracht wurde, wo er dann beinahe 500 Jahre verblieb, sondern vor Ort zusammengesetzt wurde. Das lässt sich beispielsweise daran erkennen, dass die Verbindungszapfen anfangs ebenso behandelt wurden wie die restliche Oberfläche, und auch die Spuren des „letzten Schliffs“ lassen darauf schließen.

Entdeckte Tischlermarkierungen geben zudem Grund zu der Annahme, dass Reychmut nicht alleine daran gearbeitet hat, sondern mit mehreren Handwerkern. Möglich ist auch, dass eine ganze Serienproduktion vorliegt. Jedenfalls ist das Tobsdorfer Chorgestühl die bislang jüngste entdeckte Arbeit Reychmuts.

Grundsätzlich ist es natürlich auch schon ein kleines Wunder, ein derart altes und zuvor ungünstig gelagertes Holzobjekt auffinden und restaurieren zu können. Feuchtigkeit, Fäule und Insekten zum Trotz hat das Gestühl in der Tobsdorfer Kirche überdauert, bis es 2002 nach Großau transportiert wurde. Dr. Buchholz sagte in seiner Präsentation, dass Tischlermeister Reychmut mit seinen bekannten Arbeiten einzigartig in Europa sei und man wolle in dieser Richtung weiter recherchieren. Werke des Tischlermeisters stehen u. a. in Schäßburg, Stein, Bogeschdorf, Hetzeldorf, Birthälm und Reichesdorf.

Wer mehr zu diesem Thema wissen möchte, dem steht eine Broschüre zur Verfügung, die in der Ausstellung zu erwerben ist.

Jan-Christian BREWER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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