Keineswegs eine leise Zeit in Siebenbürgen

Fünfte Dorfschreiberin von Katzendorf blickt zurück /Von Roland BARWINSKY

Ausgabe Nr. 2618

Die Vorstellung des Dorfschreiberbuches von Dagmar Dusil (links) übernahm Gert Weisskirchen.                                           
Foto: Roland BARWINSKY

Dagmar Dusil, eine aus Hermannstadt stammende und jetzt in Bamberg lebende Literatin, war die fünfte Dorfschreiberin von Katzendorf/Cața. Einem Ort in Siebenbürgen/Rumänien, der sich vielleicht irgendwo, aber auf jeden Fall in der Nähe von Kronstadt/Brașov in ihrem Heimatland befindet. Über ihre dortige Zeit, berichtet sie nun in einem Buch, das unter dem Titel „Auf leisen Sohlen“ im Pop-Verlag Ludwigsburg erschienen ist.

Sie habe Begegnungen gesucht und oftmals auch gefunden. Der Leser lernt viele Leute, unterschiedlichste Mentalitäten, die Schönheiten der Natur, manche Tücken des Alltags und vor allem tiefgründige Draufsichten kennen. Vorzüglich verstand es die Autorin, ihre Tage fernab pulsierender Metropolen recht anschaulich zu reflektieren.

Nur wenige Seiten genügen, und der Leser befindet sich auch mental mittendrin in einer Region, die nur einige Flugstunden von Zentraleuropa entfernt ist. Aber wo die Uhren trotz fortschreitender Digitalisierung noch immer völlig anders ticken. In dem Dorf ohne Kanalisation treffen unterschiedlichste Lebenswege brachial aufeinander. Jeden Sommer erscheint beispielsweise eine Mitbewohnerin, die nicht nur die Schlüsselgewalt über die evangelische Dorfkirche besitzt und vor Urzeiten nach Deutschland auswanderte. Sie vertritt recht offensiv ganz eigenen Ansichten über die jetzige Mehrheitsbevölkerung im Ort. Gemeint sind natürlich die Roma, die in Katzendorf nichts mit dieser Bezeichnung anfangen können und sich selbst Zigeuner nennen. Wie sich Dagmar Dusil dieser Volksgruppe mithilfe der Bekanntschaft zu einem Mädchen nähert,  wie sie ganz nüchtern und zugleich voller emotionaler Wärme deren Mentalität beschreibt, ist Treibsand für das vorliegende Werk. Immer wird kehrt die Aufschreibende zu diesen inhaltlichen Wurzelwerk gedanklich zurück. Eigentlich lässt sie dieses Thema nie los. Ohne Berührungsängste wird die Dorfschreiberin zu einer Vertrauten. Eine, die sich mit viel Herzblut näherte.

Dagmar Dusil: Auf leisen Sohlen. Annäherungen an Katzendorf. Pop-Verlag, Ludiwgsburg, 2019, 282 Seiten, ISBN 978-3-86356-262-5.
Das Buch kann direkt beim Pop-Verlag, über jede Buchhandlung oder bis am 8. Juni 2019 signiert direkt bei Dagmar Dusil (Tel. 0049-(0)-9178483, E-Mail: dagmar.dusil@t-online.de) bestellt werden.

Das vorliegende Werk fällt durch viele weitere Details auf. Pittoresk wird öffentlich wie sich eine Dorfbibliothek nach einer vor Urzeiten erfolgten Schließung zum zweiten Mal öffnet. Und was eine Belgierin in diese vermeintliche Einöde führte, wurde ebenfalls festgehalten. Hochzeiten und das Alltagsleben finden genauso Beachtung, wie detaillierte Beschreibungen des Zusammenlebens auf dem Pfarrhof mit Menschen und Tieren. Immer wieder fand die zunächst Suchende und anschließend Notierende neue Fluchtpunkte und Sehnsuchtsorte auch außerhalb dieser Gemeinde. Manch Überraschendes ist bei diesen Exkursionen zu entdecken. Oder es gibt lebendige Rückblicke auf spannungsbeladene historische Begebenheiten. Alles zusammen ergibt ein in sich schlüssiges Gesamtbild. Die noch rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse druckfertig gewordenen Momentaufnahmen mutieren zu einem literarischen Schatz. Fazit: Siebenbürgen ist weit mehr als nur ein geografisches Gebiet in Südosteuropa. Es ist die Faszination der dort schlummernden kulturellen Sprengsätze, die diesen Landstrich so unverwechselbar machen.

 

 

 

 

 

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