Fassbare Form gewordenen Glaubens

Gespräch mit dem Hermannstädter Stadtpfarrer Kilian Dörr

Ausgabe Nr. 2613

Stadtpfarrer Kilian Dörr.            
Foto: Rareș HELICI

Der Hermannstädter Stadtpfarrer Kilian Dörr ist 1966 in Hermannstadt geboren, hat 1985 die Brukenthalschule absolviert und studierte danach Theologie in Hermannstadt, Jena und Berlin.  Nach dem Abschluss 1993 machte er sein Lehrvikariat 1993-1994 in Mediasch, wo er 1994 als Pfarrer ordiniert worden ist und bis 1999 diente. 1999 wählte ihn die Gemeindevertretung der evangelischen Kirchengemeinde A. B. Hermannstadt zum Stadtpfarrer.   Im Gespräch mit der HZ-Redakteurin Cynthia P i n t e r lässt Kilian Dörr die zwanzig Jahre Revue passieren.

 

„Sie mögen Zugang zu den Herzen der Gemeindeglieder finden, und Gott möge Sie in Ihrem Amt reichlich segnen.“ Mit diesen Worten überreichte Ihnen am 21. Februar 1999, also vor genau 20 Jahren, Presbyterin Helga Pitters den Kirchenschlüssel der evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt.

Der Wunsch von Helga Pitters hat mir damals gut getan und mich in meiner Arbeit bestärkt. Natürlich ist man in so einem Moment selber aufgeregt und neugierig auf das, was da auf einen zukommt, und fragt sich ja beklommen, wie man das alles schaffen soll. Ein solches Wort ist ein Segen, der einen durch Hoch und Tief begleitet.

Wie haben Sie diesen Moment in Erinnerung?

Der Einführungsgottesdienst, der auf die Schlüsselübergabe folgte, war herzerwärmend mit all seinen freundlichen Willkommensworten und der schönen Kirchenmusik; zugleich war er für meine Frau und mich, die wir aus Mediasch kamen, bei gefühlten Minusgraden der kälteste, den wir bis dahin erlebt hatten. Vielleicht kommt von dort her das stetige Bemühen, diesen „evangelischen Eiskeller“, wie Presbyter Kurt Philippi unsere Stadtpfarrkirche vorstellte, etwas menschenfreundlicher zu gestalten.

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich im neuen Amt als Stadtpfarrer von Hermannstadt einzuleben?

Durch das Wohlwollen der Presbyter fühlten meine Frau und ich uns gut aufgehoben. Meine beiden Kollegen, Pfr. Siegfried Schullerus und Pfr. Frieder Stein führten mich mit väterlicher Großzügigkeit und humorvoller Toleranz in das Hermannstädter Gemeindeleben ein. Und dann hatte ich das Glück, in das gut eingespielte Team des Stadtpfarramtes zu kommen: Sekretärin Marianne Stanciu machte mich mit der Korrespondenz, den Matrikeln und Archiven vertraut, Bauleiter Victor Drăgan stieg mit mir durch die Keller der Kirchenhäuser bis hinauf auf das Kirchendach; Kassierin Anca Budai erklärte mir die Eigenheiten kirchlicher Kontenführung, mit Annemarie Fazakas lernte ich die vielfältigen diakonischen Tätigkeiten unserer Kirchengemeinde kennen. Die Erfahrung dieser Mitarbeiter hat mir das Einleben leicht gemacht, nicht zuletzt auch die Unterstützung der ehrenamtlichen Gemeindeleiter von damals bis heute, wie Kirchenvater Wieland Köber und Kirchenmutter Hildegard Dahinten.

Welche Projekte, die Sie in den letzten 20 Jahren entwickelt haben, liegen Ihnen am meisten am Herzen?

Die schönen Gottesdienste zu feiern – das ist jedesmal ein „Projekt“, das mir sehr am Herzen liegt.  Jedes zweite Jahr freue ich mich an den Projekten, die ich mit den Konfirmanden entwickeln kann. Ein Akzent in aller geistlichen Arbeit ist die Bewahrung der Schöpfung – das gehört zu unserem täglich‘ Brot und wurde mit dem europäischen EMAS-Zertifikat seit 2008 dreimal bestätigt – als erste Kirchengemeinde in Rumänien. Einige Projekte lagen einfach auf der Hand oder klopften an die Tür des Pfarrhauses: teils lustig wie die Wandergesellen, aus deren gemeinsamer Arbeit mit der Kirchengemeinde nun eine Gesellenherberge entstanden ist, die sich pittoresk in unser Stadtbild einfügt; teils nahrhaft, wie das „Essen auf Rädern“, das wir übernommen haben, oder der Bio-Bauernmarkt am Huetplatz, der aus unserer Umweltarbeit erwachsen ist; teils erschreckend wie die beiden Gutachten, die uns Einsturzgefährdung des Kirchendachs bescheinigten.

Daraus ist dann das größte unserer Projekte entstanden, die Renovierung der Stadtpfarrkirche. Das ist ja kein gewöhnliches Haus, sondern fassbare Form gewordenen Glaubens, voller Spuren, die die Menschen, die vor uns gelebt haben, auf ihrem Weg mit Gott hinterlassen haben. Dass man so ein Gebäude nicht einfach von der Baubehörde schließen lassen konnte, war klar. Doch als wir die ersten Kostenschätzungen sahen, ist uns im Presbyterium das Herz ziemlich in die Hosen gefallen, denn sie überstiegen den gesamten Jahreshaushalt der Kirchengemeinde um ein Vielfaches. Aber dann machten wir die großartige Erfahrung, dass unserer Kirchengemeinde Hilfe aus und durch den Gottesdienst erwachsen ist. Es war jener Gottesdienst 2007, den wir in der Not feierten: mit der Einsturzgefahr wegen abgesperrtem Mittelschiff, im dem wir uns vom Evangelium von der Samaritanischen Frau am Brunnen bewegen ließen, die Grenzen überwindet.

Und das haben wir dann auch wirklich erlebt: weil dieser Gottesdienst vom ZDF ausgestrahlt wurde, schalteten viele ausgewanderte Hermannstädter den Fernseher ein, stellten siebenbürgische Küster quer durch Deutschland einen Bildschirm in den Gemeindesaal und legten Gesangbücher auf den Tisch, luden Bekannte und Freunde ein und feierten den Gottesdienst in der Heimatkirche mit. Für Spenden werben durften wir nicht, aber immerhin erklären, warum auf den besten Plätzen niemand sitzt. Und so konnten wir aus den Kollekten, die zum Teil von der Heimatgemeinschaft der Hermannstädter in Heilbronn gesammelt und geschickt wurden, das aufwändige Schutzgerüst einbauen lassen. Und von den Zuwendungen des evangelischen Fabrikanten Helmut Kreutz, der mit seiner Frau Elfriede ebenfalls die Übertragung gesehen hatte, konnten wir die Planungsarbeiten in Auftrag geben und ein EU-Projekt zur Sanierung des Kirchendachs beantragen, dessen Eigenanteil der Kirchengemeinde nun gesichert war.

Diesen ersten Teil konnten wir erfolgreich abschließen und uns an manchen Entdeckungen freuen: die dendrochronologische Untersuchung ergab z. B., dass auf unserem Kirchendach der älteste bekannte Dachstuhl Siebenbürgens steht – nun in fachgerecht restaurierter Form. Die Mauerkronen sind erdbebengesichert und die Gewölbe befestigt.

Der zweite Teil, für den wir eine weitere EU-Finanzierung erwirken konnten, ist nun in vollem Gange. Verschiedene Statik-Arbeiten müssen durchgeführt werden, die ausgebeulten Butzenscheiben und Vitralien werden restauriert, der beschädigte Verputz wie auch der Fußboden wird erneuert, Heizung, Beleuchtung und Beschallung eingebaut, wie auch das Mobiliar behutsam der heutigen Nutzung angepasst.

Ich freue mich schon darauf, mit der Gemeinde nach der Baustelle wieder einzuziehen: dieses schöne Gotteshaus mit seinen vielfältig nutzbaren Räumen bietet uns die Chance, lebendige Gemeindearbeit zu beherbergen: natürlich die Gottesdienste und die verschiedenen Varianten der Kirchenmusik, aber auch kleinere Formen wie Vespern, Taizeandachten, Mittagsgebete oder das Abendgebet nach der Ordnung der Komplet, womit wir seit 20 Jahren jeden Freitag abschließen – auch in dieser Baustellensituation.

Mir ist wichtig, dass sich unsere Gemeindeglieder anhand dieses Gotteshauses auch mit Glaubensinhalten auseinandersetzen können. Zur Zeit starten wir, inspiriert von der Honterusgemeinde in Kronstadt, ein Kirchenführer-Volontariatsprogramm, ebenfalls ein Projekt. Indem Jugendliche die einzelnen Teile der Stadtpfarrkirche, ihre Bedeutung und Atmosphäre wie auch das Leben der Kirchengemeinde genauer kennenlernen und sie Besuchern nahebringen, werden sie nicht nur im Evangelisch-sein sondern auch in ihrem eigenen Leben besser beheimatet – das ist meine Hoffnung.

Gastfreundlichkeit ist jedenfalls eines der Stichworte, das ich mit dem Projekt Kirchenrenovierung auch verbinde. Touristen sind Menschen – und wenn ihnen, wie auch allen Hermannstädtern, ein angenehm temperierter Kirchenraum die Möglichkeit bietet, auf ihrer Tour ein wenig innezuhalten und vielleicht einer Begegnung mit Gott oder mit sich selbst etwas näher zu kommen, dann hat sich der Aufwand einer vernünftigen Kirchenheizung längst gelohnt.

 

Die Stadtpfarrkirche im Winter.
Foto: Cynthia PINTER

Wie lange dauern die Renovierungsarbeiten an der Stadtpfarrkirche? Ist die Finanzierung dafür gesichert oder werden noch Sponsoren gesucht?

Obwohl die Bauarbeiten vorangehen, möchten wir einen Teil der Kirche für Besucher und kleine Gottesdienstformen offen halten. Dafür ist es geplant, den Chorraum vom Mittelschiff mit einer provisorischen Wand abzutrennen, ihn möglichst bald fertigzustellen und durch die Sakristei zugänglich zu machen.  Der Vertrag mit der Baufirma endet im März 2021. Bis dahin sollten also die Arbeiten abgeschlossen sein. Für die gesamte Umsetzung des EU-Projektes, also für alle Nacharbeiten und Abrechnungen haben wir bis Februar 2022 Zeit. Für diese bisher veranschlagten Arbeiten ist die Finanzierung gesichert. Durch archäologische Entdeckungen, Verbesserung der Lichttechnik, sowie Änderungen der Arbeitsgesetzgebung sind jedoch Mehrkosten wahrscheinlich, für deren Finanzierung wir uns einiges werden überlegen müssen. Ideen und Mitarbeit aus der Gemeinde werden willkommen sein.

Welche Projekte sind nicht so gut gelaufen, wie Sie erhofft hatten? Warum?

Ich bin dankbar über die vielen gelungenen Projekte, die unser Gemeindeleben gefördert haben – einige sind jetzt noch im Werden.  Eigentlich ist keines der Projekte letztendlich so umgesetzt worden, wie wir uns das in den verschiedenen Arbeitsgruppen gedacht hatten. Das ist ja auch normal, weil sich die Ideen bei der Umsetzung verändern und dann im Alltag zu bewähren haben.

Der Besuchsdienstkreis muss erweitert werden, auch mit jüngeren Leuten; wir könnten noch mehr in unseren Gemeindegruppen ins Gespräch kommen über einen Lebensstil in Einklang mit Gottes Schöpfung – so könnten wir gut etwas mehr Bio-Bauern brauchen, die Gemüse am Freitagsmarkt anbieten. Gerne hätten wir schon vor Jahren der Brukenthalschule mehr Räume im benachbarten Gebäude zur Verfügung gestellt, damit die Gymnasialklassen nicht mehr nachmittags in den Unterricht gehen müssen – vielleicht war ich dort zu ungeduldig; die Entwicklung der „Grünen Kirchenburg“ ist durch unterschiedliche Vorstellungen um einige Jahre ausgebremst worden, schade ist, dass die damit verbundenen Turbulenzen den Zusammenhalt in unserem Gemeindeverband gefährden. Ich hoffe, dass wir nach Abschluss der Prozesse gegen die Kirchengemeinde wieder mehr Zeit und Energie finden werden, Gemeinschaft zu pflegen, den Gemeindebrief weiterzuführen und die Webseite besser zu gestalten.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten…

Ich wünsche mir, dass die Bauzeit unserer Stadtpfarrkirche kürzer wird als im Vertrag vorgesehen.

Ich wünsche, dass wir miteinander feiern, statt Prozesse zu führen.

Ich wünsche, dass wir Gott mehr Raum schaffen und ihm vertrauen, statt ängstlich auf unser Kleinwerden zu starren.

Wer hat Sie in Ihrem Beruf geprägt?

Ich denke, noch vor der Berufswahl hat mich die Jugendarbeit mit Stadtpfarrer Wolfgang Rehner irgendwie geprägt, der sich die von Gott geschenkte Freiheit nahm, die vom kommunistischen Regime gesetzten Grenzen immer wieder leicht zu überschreiten, bei dessen großen Gebirgsrüstzeiten die Freude an Gottes guter Schöpfung geweckt wurde. Dann haben mich natürlich meine Lehrer angeregt: die Begeisterung des Hermannstädter Alttestamentlers Michael Groß, die Erzählkunst des Jenenser Praktischen Theologen Klaus-Peter Hertzsch, die poetische Sprache in der Theologie von Kurt Marti und die enge Verquickung von Theologie und gesellschaftlichem Engagement im Denken von Dorothee Sölle und Michael Northcott. Und natürlich denke ich an die kühnen Initiativen meines Vorgängers im Amt, Hans Klein, der es verstand, zum richtigen Zeitpunkt die Weichen zu legen für den Weg, auf dem unsere Kirchengemeinde bis heute gut vorangekommen ist. Und dann prägt mich immer wieder die heitere Gelassenheit von Menschen, mit denen ich zuhause das Abendmahl feiern kann, die trotz aller Beschwerden weitermachen und selber noch andere zu trösten vermögen.

Wie hat sich das Gemeindeleben in den letzten 20 Jahren verändert?

Die Gemeinde hat sich verändert und die Gesellschaft hat sich verändert. Es haben sich neue Gruppen gebildet wie z.B. die Teestube oder auch die Gruppe der jungen Mütter, für die wir eine Krabbelgruppe eingerichtet haben.  Für einige Gemeindekreise wie die Bibelstunden gab es um eine Zeit keine Interessenten mehr.

Wir haben die neue Freiheit genutzt und vieles in der Diakonie neu strukturiert, angepasst an die Bedürfnisse der heutigen Zeit: so brauchen unsere Gemeindeglieder z.B. kaum noch Kleider aus der Kleiderkammer, und die vorhandenen Kräfte können in andere Richtungen zielen. Ich bin stolz, dass unsere Gemeinde in der diakonischen Arbeit weit über sich hinaus wirkt.

Die wenig besuchten Nischengottesdienste sind durch die musikalischen Vespern zu kleinen Glanzlichtern geworden und regen andere Teile der Gemeinde an.

Welches sind Ihre Zukunftspläne, Ihr Amt befreffend?

Ich wünsche mir, dass die Gemeinde in der renovierten Stadtpfarrkirche ein neues Zuhause findet, in dem sie gerne Gottesdienste feiert und ihre Gastfreundlichkeit leben kann.

Ich wünsche mir, dass unsere Kirchengemeinde eine profilierte Stimme in Hermannstadt bleibt und durch alle Herausforderungen gestärkt hervorgeht, dass alle Turbulenzen sich in Segen umwandeln.

Ich wünsche mir, dass sich Haupt- wie Ehrenamtliche wieder gerne engagieren und ihrer Arbeit freuen können. Dafür arbeiten viele beherzte Menschen in unserer Gemeinde wie Kuratorin Ilse Philippi bereits mit.

Wie sehen Sie die Zukunft der evangelischen Kirche in Siebenbürgen?

Als Christen stehen wir in einer langen Traditionslinie, die größer ist als die siebenbürgisch-sächsische. Das macht uns frei, gerade in einer Welt, in der alles drunter und drüber geht, die Zukunft auf uns zukommen zu lassen als eine schöne Aufgabe, die uns Freude bereithält.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

 

 

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