„Diejenigen, die Brücken schaffen“

50 Jahre seit der Wiederaufnahme des Urzellaufes im Jahr 1969

Ausgabe Nr. 2610

 

50 Jahre seit der Wiederaufnahme des Urzellaufes im Jahr 1969 in Agnetheln feierten mehr als 270 Urzeln beim 13. Urzellauf nach 2006. 
Foto: Werner FINK

Insgesamt 261 Urzeln nahmen am vergangenen Sonntag am Urzellauf in Agnetheln teil, dem in diesem Jahr eine besondere Bedeutung zukam. 50 Jahre sind es her, seit der Brauch 1969 wieder aufgenommen wurde. „50 Jahre sind es nun her, seit in Agnetheln ein neuer politischer Wind wehte”, erinnerte Doris Hutter in ihrer Urzeln-Ansprache. Hutter begüßte die Anwesenden im Namen der Heimatsortsgemeinschaft Agnetheln sowie der Urzeln aus Nürnberg.

 

Doris Hutter (am Mikrophon) bei ihrer Ansprache vor dem Rathaus, mit Bogdan Pătru und Urzelvater Radu Curcean.
Foto: Werner FINK

Am Sonntagmorgen hatte sich auf dem Platz vor dem Bürgermeisteramt in Agnetheln eine neugierige Menschenmenge versammelt. Vom oberen Teil der Straße hörte man Peitschengeknall und Kuhglockengeläut. In Agnetheln war wieder Urzelntag. Die furchterregenden Fratzen müssten eigentlich einen Schreck einjagen, wer sie aber oft genug erlebt hat, wird sich eher fragen, wer hinter der einen oder anderen Larve stecken mag, vor allem wenn der eine oder andere Urzel einem freundlich zunickt oder gar grüßt oder einem die Quetsche mit den Krapfen entgegen hält um zuzugreifen.

Teil der Parade waren natürlich auch dieses Mal der Paradehauptmann mit den beiden „Engelchen”, die Zunftlade oder Gesellenlade, die von zwei Männern getragen wurde, das Schneiderrösschen und das Mummerl, der aufrecht schreitende Bär und der Bärentreiber der Kürschnerzunft, zwei Reifenschwinger der Fassbinderzunft, sowie das Ringelspiel mit den Füchsen, die je einen Marder im Maul tragen, und diese ihrerseits je ein Ei als Symbol der Kürschnerzunft sowie das Pferdchen mit dem Jungen darauf, das Wahrzeichen der Riemenmacher, das erst seit 1969 Teil der Parade ist. Für die musikalische Untermalung  sorgte die Neppendorfer Blaskapelle. Die zwei Wägelchen, die Urzeln hinter sich her zogen, waren vermutlich mit Krapfen vollbeladen.

Der Bär und der Bärentreiber der Kürschnerzunft bei der Vorstellung vor dem Rathaus.
Foto: Werner FINK

1911 hatten sich die Agnethler Handwerker für ein gemeinsames Ladeforttragen der Schuster, Schneider, Kürschner und Fassbinder geeinigt. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Urzel die Hauptgestalt des Brauches, der vorher nur als „Ordungshüter” bei dem Forttragen der Bruderschaftladen von dem alten zum neuen Gesellenvater eingesetzt wurde und beim Forttragen der Zunftladen vom alten zum neuen Zunftmeister nicht in Aktion trat. Nach 1911 wurde die Ausübung des Brauches mehrmals unterbrochen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er bereits 1919 wieder aufgenommen und bis 1941 ausgeübt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ausübung verboten und wurde erst 1969 wieder gestattet, im Kontext des zeitweiligen politischen Tauwetters. 1990 wurde in Agnetheln angesichts der massiven Auswanderung der Siebenbürger Sachsen die Ausübung des Brauches wieder aufgegeben.  Der Brauch wird parallel auch in Deutschland von den ausgewanderten Sachsen weitergeführt, wobei er dort erstmals 1965 in Sachsenheim gezeigt wurde. 2006 hatte der Lehrer Bogdan Pătru mit Schülern ein Projekt zum Thema Urzellauf in Agnetheln durchgeführt, das nun dazu führte, dass der Brauch auch in Agnetheln wieder aufgenommen wurde und auch heute hier weitergeführt wird.

2011 wurde das 100. Jubiläum der Urzelparade gefeiert und in diesem Jahr feierten die Urzeln in Agnetheln nun 50 Jahre seit der Wiederaufnahme im Jahr 1969. Mehrmals waren auch ehemalige Agnethler dabei, um den Brauch in ihrer alten Heimat wiederzuerleben. Hinter der einen oder anderen Larve sollen sich dieses Mal nun auch Horst Graef oder Hans Walter Zinz befunden haben, Vorstandsmitglieder der Heimatortsgemeinschaft Agnetheln, so auch Doris Hutter. Extra für den Urzellauf soll aber auch Adrian Duță aus Deutschland heimgereist sein, der kunstvoll den Reifen mit den vollen Gläsern schwang und auch viele andere Agnethler, die inzwischen in anderen Städten leben.

Das Schneiderrösschen und das Mummerl, die bei der Parade die Schneiderzunft vertreten, führten vor dem zahlreichen Publikum einen Tanz auf.
Foto: Werner FINK

„Auch damals und auch heute sind die Urzeln diejenigen, die Brücken geschaffen haben, die Menschen zusammengebracht haben, ihnen die Möglichkeit gegeben haben, sich einander anzunähern, einen Augenblick des Glücks in den Wirren des  Alltags zu erleben“, erinnerte Radu Curcean, ehemaliger Bürgermeister und gegenwärtiger „Urzelvater“ sowie Vorsitzender des Vereins „Breasla Lolelor Agnita“ in seiner Ansprache.  Die gegenwärtige Gemeinschaft sei es, die es ermöglicht habe, den Brauch wieder aufzunehmen, so wie diejenige vor 50 Jahren, dieses Mal nach dem 1991 mit dem massiven Exodus der Sachsen unterbrochenen Brauches. Der Verein „Breasla Lolelor Agnita“ habe sich vorgenommen, diesen Brauch lebendig zu erhalten, so wie man alle Bräuche und Traditionen erhalten wolle, die einen als Rumänen, als Siebenbürger oder als Agnethler definieren.

Begrüßt wurden die Anwesenden auch von Bogdan Pătru, der Urzel mit der Nummer 1 und von dem Vizebürgermeister Costel Murgoci. Am Schluss der Ansprachen und der Vorführungen wurde das Siebenbürgenlied gesungen.

Was ich gelesen und entdeckt habe, war, dass 1969 das Wiederbeleben des Urzelnlaufes eine Lehrerinitiative war, ein wunderschöner Zufall”, sagte in einem Interview, Bogdan Pătru, der selber Lehrer ist.

Einer der beiden Reifenschwinger bietet Urzel Nr. 1, Bogdan Pătru, ein Glas Wein an.
Foto: Werner FINK

„Ich kann mich so genau nicht erinnern, weil ich doch noch relativ jung war”, antwortete Doris Hutter in einem Inteview auf die Frage, wie es damals, 1969 gewesen sei. „Ich weiß nur, dass es bei den Erwachsenen große Aufregung gab, und Erika Berger, die sehr viel dafür getan hat, dass wir diesen Brauch ausüben können, wohnte bei uns im Haus. Sie hat mit meinem Vater sehr viel darüber gesprochen, weil es darum ging, ein richtiges Maß zu finden und es ging auch um das Siebenbürgenlied.” Erika Berger war Chemielehrerin und von 1965 bis 1969 stellvertretende Direktorin des Agnethler Lyzeums. Das Siebenbürgenlied zu singen habe Erika Berger vorgeschlagen. Dies sei etwas sehr Emotionales gewesen und die anderen Lehrer und Kollegen ihres Vaters sollen der Meinung gewesen sein, dass es nicht akzeptiert werde. Erst als ihr Vater nachgewiesen habe, dass das Siebenbürgenlied von dem Deutschen Leopold Maximilian Moltke geschrieben worden sei und dass dieser ein Revolutionär gewesen sei und dass das Lied auch in ungarischer und rumänischer Sprache existiere, sei es genehmigt worden. „Und seit 50 Jahren singen die Urzeln das Lied ‚Siebenbürgen, süße Heimat’”, schlussfolgerte Hutter.

Doris Hutter ist die Tochter des ehemaligen Urzelsprechers Prof. Heinrich Oczko. Dieser verfasste von 1969 bis 1983 die Reden. Von 1984 bis 1987 übernahm sein Sohn Heinz Oczko die Rolle des Urzelsprechers.

Nach dem Umzug teilte sich die Urzelschar traditionsweise in Parten, in kleinere Urzelgruppen, die Bekannte, Freunde und Familienangehörige besuchten. Zwei der Parten hatten sich im evangelischen Pfarrhaus angemeldet.

Ein aktiver Urzel, der seit der letzten Wiederaufnahme des Brauches fast immer teilnimmt und stets gekonnt die Peitsche schwingt, ist der Kulturreferent des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt (DFDH), Helmut Lerner, ein gebürtiger Agnethler. Das DFDH unterstützt seit 13 Jahren den Urzellauf finanziell mit. In diesem Jahr übernahm das DFDH die Kosten für den Auftritt der Neppendörfer Blaskappelle.

Das Forum lädt übrigens am Donnerstag, dem 7. Februar, 18 Uhr, alle herzlich ins Forumshaus zur Premiere des  Urzelfilms „Fuga Lolelor 2018” von Viorel Andrievici ein.

Werner FINK

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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