Zerrissen zwischen Aktion und Reaktion

Betrachtungen zu Radu Țuculescus Roman „Stalin, mit dem Spaten voran“
Ausgabe Nr. 2607

Radu Țuculescu: Stalin, mit dem Spaten voran (Originaltitel: Stalin, cu sapa-nainte). Roman. Deutsche Fassung: Peter Groth.  Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale). 256 Seiten. ISBN 978-3-95462-994-7

„Einen der ‚Pulp Fiction‘, der amerikanischen Pop-Kultur, nahekommenden Stil“ nutze Radu Țuculescu in seinem „lakonischen“ Roman „Stalin, mit dem Spaten voran” (Originaltitel: „Stalin, cu sapa-nainte“, Cartea Românească, 2009),  schrieb NZZ-Redakteur Markus Bauer am 14. März 2018 über das Buch, das in der Übersetzung von Peter Groth im Mitteldeutschen Verlag  Halle (Saale) pünktlich zur Leipziger Buchmesse 2018 erschienen war und daselbst vorgestellt wurde. Bauer stellte fest, Țuculescu nutze diesen Stil „um einerseits eine Kindheit in Siebenbürgen und gleichzeitig eine meist sexuell aufgeladene Gegenwart des mit einer Narbe unter dem Auge in Form einer Eidechse auffallenden Helden darzubieten. Gewalt und Sex erscheinen als die Realität unterlaufende oder formende Begehren.“ Diese Einschätzung wird dem Buch nicht gerecht, das übrigens das zweite Buch des 1949 in Neumarkt am Mieresch/Târgu Mureş/Marosvásárhely geborenen Autors darstellt, das in deutscher Übersetzung erschienen ist. Das erste erschien 2008 im Wiener Johann Lehner Verlag in der deutschen Fassung von Zorin Diaconescu unter dem Titel „Der Mikrowellenherd: Der Roman eines Plattenbaus in 10 Aufzügen“.

 

Schon der Vergleich mit dem Pulp Fiction“-Stil hinkt gewaltig, denn Țuculescu schreibt mitnichten leichte Unterhaltungsliteratur geschweige denn Makulatur“. Ganz im Gegenteil: Das Buch, das übrigens  sehr gut in der deutschen Übersetzung zu lesen ist, hält auf jeder Seite Überraschungen parat.

Köstlich absurd wirkt die Schilderung des Versuchs von Adrian Loga als Kind, seinem Vater, dem Direktor des Krankenhauses, in einem Henkelmann Essen zu bringen. Der  Junge scheitert an einem klassenbewussten“ Pförtner. Eine Leseprobe:  „Du hast dich an mir vorbeischleichen wollen, aber ich bin immer aufmerksam!“ „Ich bin nicht geschlichen!“ widersprach ich ihm. „Ich bin durch das Tor gegangen… so normal wie möglich.“ „Normal, von wegen! Da fahren nur die Autos durch!“ „Es war offen…“ „Willst du etwa behaupten, dass ich ein nachlässiger Pförtner bin, du, Grünschnabel?“ „Falsch… Ich mein doch nur…“ „Du hättest durch die Tür für Fußgänger eintreten müssen! Du hast wohl gedacht, dass ich dich für ein Auto halte und dass du so einfach unkontrolliert hereinkommen kannst!“

Und kaum hat man sich so richtig hineingelesen in eine der Begebenheiten aus der Kindheit des Ich-Erzählers wird man regelrecht ausgebremst: Kursiv gesetzte, ohne Punkt und Komma geschriebene Sätze wie ein innerer Monolog versetzen einen in die Gegenwart. Überspringen gilt nicht, schließlich handelt es sich um die gleiche Person, wenn auch zeitversetzt.

Zuweilen legt der Autor durch seinen Ich-Erzähler eine brutale Ehrlichkeit an den Tag. Der Pförtner, dem der Junge aus lauter Verzweiflung einen Tritt zwischen die Beine versetzt hatte, rächt sich durch einen Schlägertrupp, der nicht nur Adrian Loga krankenhausreif prügelt und ihm zwei Finger bricht (und damit seiner Karriere als Geiger   ein jähes Ende setzt) sondern auch dessen damalige Freundin Lina vergewaltigt. Lakonisch schreibt er:Lina habe ich nie wieder getroffen. Vielleicht war sie aus der Stadt geflüchtet. Ich war nicht neugierig darauf, Einzelheiten zu erfahren“.

Diese Aussage könnte man als symptomatisch für den Bruch in dem Leben des Ich-Erzählers betrachten. Sie stellt gewissermaßen die Verbindung zwischen den beiden Zeitebenen her und weist auf die Zerrissenheit hin, die ab diesem brutalen Erlebnis das Leben von Adrian Loga bestimmt. In seiner Kindheit agierte der Ich-Erzähler, er hatte Hoffnungen, Träume, Pläne usw., als Erwachsener reagiert er nur noch, er hat Alpträume oder er beschränkt sich auf das Beobachten, er lässt etwas mit sich geschehen und kommentiert es. Manchmal eiskalt aber nie zynisch. Sein Humor ist einfach weg.

Zu kurz greift auch der Titel der Rezension von Albrecht Franke, auf der Homepage von Ossietzky, einer Zweiwochenschrift für Politik, Kultur und Gesellschaft. Logas Geschichte: Stalin und Sex“ tönt zwar äußerst griffig, reduziert aber schon ein wenig den Inhalt des Romans. Stalin spielt nämlich eine unterschwellig spürbare Rolle, Sex natürlich auch, vielleicht ein zuweilen übertriebene Rolle, doch Țuculescu gelingt es vor allem, eine  Zeit heraufzubeschwören und erzählbar zu machen, in der eigentlich nichts so lief, wie man es sich normalerweise vorstellt. Die Zeit der Diktatur in Rumänien hat Spuren hinterlassen, diese sind nicht so einfach abzutun, nur über das Erzählen und keinesfalls über das (Ver)Schweigen kann man sich dieser Epoche nähern. Das schafft Radu Țuculescu in besonderer Weise, wenn auch nicht explizit.

Desgleichen wird man dem Autor nicht gerecht, wenn man ihn auf einen Romanschriftsteller reduziert. Țuculescu hat zahlreiche Theaterstücke geschrieben, und vor allem hat er viel aus dem Deutschen ins Rumänische übersetzt. Unübertroffen sind z. B. die beiden 2015 in dem Verlag Biblioteca Revistei Familia in Großwardein veröffentlichten   Anthologien mit erstmalig in rumänischer Sprache übersetzten Gedichten bzw. Prosa von Schweizer deutschsprachigen Autorinnen und Autoren: America nu există“ (Prosa) und De-a lungul străzii fluieră o mierlă“ (Gedichte).

Übrigens wird der nächste Roman von Radu Țuculescu in der Schweiz spielen, dafür dokumentiert er sich in den Baseler Polizei-Archiven aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Mehr wollte er nicht verraten. Man darf gespannt sein.

Beatrice UNGAR

 

 

 

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