„Das Leben schreibt die grausamsten Geschichten”

Gespräch mit Journalist und Autor Ulrich Behmann im Deutschen Kulturzentrum Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2605

Ulrich Behmann (2. v. r.) nach der Lesung, zusammen mit Moderatorin Beatrice Ungar (1. v. r.) und einigen Lesern.       
Foto: Claudia Behmann

Ulrich Behmann, Chefreporter bei der Deister- und Weserzeitung (Dewezet.de) in Hameln, hat vergangenen Freitag im Deutschen Kulturzentrum Hermannstadt aus seinem ersten Roman „Novemberwut: Der Fall Kader K. – ein Verbrechen, das die Welt erschüttert hat” gelesen. Bei der Lesung dabei war auch Ehefrau Claudia Behmann, die zusammen mit dem Journalisten seit über zehn Jahren den gemeinnützigen und mildtätigen Verein „Interhelp – Deutsche Gesellschaft für internationale Hilfe e. V.” leitet. Der Abend im Kulturzentrum wurde sehr interessant, da die Lesung eher ein tolles Gespräch zwischen Autor und Zuhörern wurde; spannend und sehr genau berichtete der Autor im Buch und live über diesen Fall: Kader K., eine Frau aus Deutschland mit kurdischen Wurzeln, überlebt die grausame Attacke ihres Ex-Mannes – ebenfalls mit kurdischen Wurzeln -, der mehrmals mit dem Messer auf sie einsticht, mit einer Axt schlägt und dann an sein Auto bindet und durch die Straßen von Hameln schleift, während ihr gemeinsamer Sohn im Kinderstuhl im Auto sitzt.

Das Buch kann in Hermannstadt in der Schiller-Buchhandlung und im Erasmus-Büchercafé gekauft werden, zur Zeit wird es vom Schiller-Verlag auch ins Rumänische übersetzt. Über den dramatischen Fall, der im Jahr 2016 Schlagzeilen gemacht hat, aber auch über seinen ersten Aufenthalt in Rumänien im Januar 1990 sprach Ulrich Behman mit Ruxandra S t ă n e s c u.

 

Als Journalist haben Sie über viele Fälle berichtet. Warum haben sie gerade über diesen Fall ein Buch geschrieben?

Das war ein Zufall. Ich habe über diesen Fall von Anfang an bis zum Ende berichtet, das bedeutet vom Tatort bis zum Gerichtsverfahren. Am zweiten Prozesstag kam das Opfer mit seinem Anwalt auf mich zu, ich saß in der Gerichtskantine und schrieb gerade an einem Bericht für die online-Ausgabe unserer Zeitung. Sie hatten mich ausgewählt und fragten mich, ob ich bereit wäre, ein Buch darüber zu schreiben. Das hat mich sehr stolz gemacht und ich habe mich auch sehr geehrt gefühlt und wollte diesem Wunsch keine Absage erteilen. Ich wollte aber auch ein Buch schreiben, das gelesen wird, denn ein reines Sachbuch wäre schnell eine Wiederholung  der Berichte gewesen, die es bundes- und weltweit gegeben hat. Über diesen Fall wurde in Europa berichtet, aber auch in Neuseeland und überall auf der Welt, eben weil er so extrem grausam war. Wie ich aber immer gern schreibe, hat dieser grausame Fall auch gezeigt, dass Wunder geschehen, weil Kader K. überlebt hat.

Sie sind nicht zum ersten Mal in Rumänien.

Nein, ich kam Anfang Januar 1990 nach Rumänien, wenige Tage nach der Revolution 1989. Ein guter Freund, der aus Rumänien kam und Oberarzt in Hameln war,  hat mich gefragt, ob ich etwas tun kann und ob wir den Menschen in Rumänien helfen können. Wir haben zusammen ein Team gebildet, unterstützt auch von unserem damaligen Ministerpräsidenten und haben sehr viel Hilfe organisieren können. Diese Hilfe ist dann in Kronstadt gelandet, das lag vor allem daran, dass das Land zu diesem Zeitpunkt schwer erreichbar war. Flughäfen und Grenzen waren geschlossen, doch der Orient Express fuhr durch Rumänien. Wir haben die Waggons mit Hilfsgütern beladen und diese an den Orient Express in Wien gehängt. Daraus ist eine jahrelange Hilfe geworden für die Menschen dort, ich erinnere mich noch an die ganz witzigen Namen von Dörfern, wie  z. B. Katzendorf, aber auch an den Bürgermeister da, einen ganz exzellenten Mann.

Das waren sehr spannende Zeiten, ich habe damals sogar bei der Karpatenrundschauein Praktikum machen dürfen, was auch für mich sehr spannend gewesen ist. Wir haben auch Fernsehen aus dem Schuhkarton gemacht, wie man so lustig sagt, in das Gebäude der ehemaligen Securitate haben wir Baustellen-Scheinwerfer gebracht und mit kleinen Videokameras Nachrichten gemacht und vorgelesen. Wir haben auch Interviews mit Politikern in Bukarest geführt, unter anderem mit dem damaligen Verteidigungsminister Victor Stănculescu. Wir haben auch sehr viel Hilfe organisieren können. Natürlich ist bei solchen Hilfsaktionen immer irgend jemand der Motor, aber die große Ehre und Dankbarkeit gebührt natürlich den Menschen, die uns das Geld geben, denn das sind die eigentlichen Helden. Wir haben viele Menschen retten können, auch in Bukarest eine Kinderkrebsstation verbessern können. Hierher haben wir auch Experten aus Hannover gebracht, so dass es einen Wissenstransfer gegeben hat.

Sie haben viele schöne Erinnerungen…

Ja, eine sehr schöne Erinnerung habe ich auch an eine Reise zum Peleş-Schloss in Sinaia, denn zu meiner Überraschung wurde ich zum Ehrenbürger von Sinaia ernannt.

Sie haben inzwischen eine Hilfsorganisation gegründet?

Ja, Interhelp – Deutsche Gesellschaft für internationale Hilfe, wir sind eine kleine Organisation, die versucht, Großes zu leisten, mit großem Engagement der Einzelnen. Ärzte, Krankenschwestern, Rettungsassistenten, Logistiker, das sind Menschen, die ihr Wissen einbringen, in ihrer Freizeit und ohne Bezahlung, wenn irgend wo auf der Welt die Erde bebt, ein Tsunami ausbricht oder Kriegszustand ist und das Land, in dem Not herrscht, unsere Hilfe benötigt und auch haben möchte. Das ist nämlich sehr wichtig, wir fragen erst, ob unsere Hilfe willkommen ist und fahren nur dann hin, wenn wir erwünscht sind.  Geholfen haben wir in Nepal, nach dem Erdbeben, aber auch in Haiti und Sri Lanka, wir hatten verschiedene Projekte auch in der Ukraine, in Bulgarien an der rumänischen Grenze – wo immer es ein Projekt gibt, das sinnvoll ist und wo wir auch gewollt werden. Wenn die Menschen uns ihr Geld anvertrauen, können wir Vieles damit anfangen und Gutes tun und wir versuchen, von jedem Euro 100 Cent im Zielgebiet anzubringen. Auf interhelp.info kann man das alles finden.

Waren Sie auch in Hermannstadt?

Ja, ich bin 2015 zum ersten Mal in Hermannstadt gewesen, mit dem Innenausschuss des Niedersächsischen Landtages, ich habe diese Delegation von Politikern aller Parteien begleitet, weil ich als Experte für humanitäre Hilfe auf dem Balkan galt und den Politikern Projekte gezeigt habe, die wir in Bulgarien gemacht haben und immer noch machen. Das sind Projekte, die darauf zielen, dass Menschen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, wieder in die Gesellschaft zurück geführt werden, integriert werden, so dass sie sich selbst mit der Arbeit ihrer Hände ernähren können und Zukunftsperspektiven haben.

Schreiben Sie ein neues Buch?

Ich bin gebeten worden, noch ein Buch zu schreiben, mit den dort handelnden Personen, also die gleichen Kommissare und es ist geplant, dass dieses neue Buch 2019 auf den Markt kommt.

Was ist grausamer, die Fiktion oder die Realität?

Man kann sagen, dass die Realität sehr häufig ein Lehrmeister ist. Ich glaube, dass es viele Verbrechen gibt, von einer solchen Tragweise und von einem solchen Maß, dass wir gar nicht in der Lage wären, uns diese Grausamkeiten vorzustellen. Zumindest  nicht, wenn wir keine seelischen Störungen haben. Ich glaube, das reale Leben schreibt die grausamsten Geschichten.

Vielen Dank.

Ulrich Behmann: Novemberwut. Der Fall Kader K. – ein Verbrechen, das die Welt erschüttert hat. Kriminalroman. CW Niemeyer Buchverlage, Hameln 2017. 423 Seiten. ISBN 978-3-8271-9479

 

 

 

 

 

 

 

 

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