„Unbedingt lesenswert“

Harry H. Binders Buch „Schreie aus der Vergangenheit”

Ausgabe Nr. 2600

Harry H. Binder und seine Gattin Mary im Hof des Hauses Nr. 1 in der Neustift/Str. Movilei  in Hermannstadt, 2017.                           
Foto: Privat

Schmerzliche Erinnerungen, darauf trifft man beim Lesen des Buches „Schreie aus der Vergangenheit“. Harry H. Binder, der gebürtige Hermannstädter, heute in Deutschland lebend, nennt sein 2013 im Aachener Verlag Shaker Media veröffentlichtes Werk einen Roman.

 

Harry H. Binder beschreibt sein Leben und seine Suche nach der Wahrheit im Zusammenhang der gesellschaftlichen Veränderungen von seiner Kindheit bis zum Alter. So ist das Buch konzipiert, die erlebte Kindheit, beginnend mit der Geburt von Ralf, das Alter Ego von Harry H. Binder, und die Ermordung des Vaters durch deutsche Wehrmachtssoldaten, bilden die Basis des Erinnerungsromanes. Der Autor verwendet einen nicht sehr gehobenen Wortschatz und macht damit den Text leicht verständlich und nachvollziehbar. Damit unterscheidet sich „Schreie aus der Vergangenheit“  von anderen, weiter oben zitierten Autoren der deutschen Minderheit in Rumänien.

Ralfs (Harry H. Binder) Vergangenheit scheint nicht zu vergehen, auf allen im Buch beschriebenen Lebensabschnitten begleiten ihn die Schreie der Vergangenheit. Die Erschießung des desertierten Vaters und zweier Geschwister durch Angehörige der Wehrmacht  und die Vergewaltigung der Mutter durch einen Sowjetsoldaten stehen neben anderen seelischen Verwundungen im Mittelpunkt des Lebens des Hauptprotagonisten! Es sind traumatische Schlüsselerlebnisse, die ihn ein Leben lang begleiten. Die Ausreise oder besser Übersiedlung aus Rumänien 1965 werden im zweiten Teil vom Autor sehr privat beschrieben. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die traumatischen Erlebnisse der Kindheit in den Hintergrund treten. Das Leben in Deutschland, die eigene Familie und die Integration in die Gesellschaft der Bundesrepuplik  können den Leser annehmen lassen, dass die Schreie aus der Vergangenheit“ verstummt sind.

Harry H. Binder: Schreie aus der Vergangenheit. Wiedersehen in Jerusalem. Saker Media Aachen, 2013, 213 S., ISBN 978-3-95631-011-09

Die Freundschaft zu Sami, einem jüdischen Jungen aus der Nachbarschaft, ist eine von der eigentlichen Geschichte losgelöste.  Das will der Autor auch sehr klar so verstanden wissen. Freundschaft zu einem jüdischen Jungen in damaliger Zeit (Sami wird mit Familie im Frühsommer 1943 in ein rumänisches Internierungslager eingeliefert), war gefährlich. Als Junge von 8 Jahren war dies Ralf damals nicht klar. Die Geschichte um den guten Freund Sami mit dem überraschenden Wiedersehen in Jerusalem ist emotional anrührend und gut zu lesen. Natürlich beinhaltet die Geschichte dieser Freundschaft auch den bekannten Spruch: „Das konnten wir nicht wissen“. Wie dem auch sei, es tut der Dramatik der Geschichte keinen Abbruch, nein es passt ausgezeichnet, beschreibt es doch auch das Lebensgefühl durchaus glaubhaft aus der Sicht der Heranwachsenden.

Der Wunsch, mit seiner Frau Mary zusammen nach Hermannstadt zu reisen, ist der Schrei aus der Vergangenheitund steht für den Versuch, die nicht bewältigten traumatischen Erlebnisse jetzt zu bewältigen. Die in der Linde vor seinem Elternhaus gefundene Kugel wird im Buch als die Kugel aus dem Gewehr eines der deutschen Wehrmachtsoldaten, die unzählige Kugeln auf seine Familie abgefeuert haben, beschrieben. Sie tötete nicht –  diese Kugel steht  symbolisch als Zeuge für die Grausamkeit, welche Ralf und seiner Familie widerfahren ist.

Die Monstrosität der Verbrechen, die Ralf erleben musste, waren motiviert durch die Zeit des Faschismus und des Kommunismus. Das im Schlussteil dieses persönlichen Erinnerungsromanes beschriebene dramatische persönliche Aufeinandertreffen mit dem Täter beinhaltet eine vorzügliche Beschreibung  des Lebens der Verbrecher des Hitlerfaschismus  in Westdeutschland als scheinbar brave Familienväter. Sie sind recht selten der Gerechtigkeit zugeführt worden.

Das Buch „Schreie aus der Vergangenheit“ von Harry H. Binder beschreibt die Konsequenzen aus politischen Amokläufen und sollte uns auch als Warnung aus der Vergangenheit dienen. Unbedingt lesenswert!

Lothar SCHELENZ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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