Qualvolles Seelenleben

Rebreanus Klassiker neu übersetzt

Ausgabe Nr. 2603

Liviu Rebreanu: Der Wald der Gehenkten (Originaltitel: Pădurea spânzuraților).Aus dem Rumänischen von Georg Aescht, mit einem Nachwort von Ernest Wichner.Paul Zsolnay Verlag Wien, 2018. 352 Seiten. ISBN 978-3-522-05903-0

Irgendwo in Russland zu Zeiten des Ersten Weltkriegs: In der österreichisch-ungarischen Armee wird ein Soldat, der Desertion überführt, hingerichtet. Der rumänische Leutnant Apostol Bologa, der dem Kriegsgericht angehört, hat ohne zu zweifeln für die Hinrichtung gestimmt. In dieser so düsteren ersten Szene glaubt Apostol Bologa noch an den Krieg und daran, dass er das Richtige tut.

 

Doch eines Tages steht Leutnant Bologa seinen rumänischen Landsmännern an der Front gegenüber und der innere Kampf, den er bisher unterdrückt hat, bricht offen hervor. Plötzlich kann er die Gedanken an die Desertion nicht mehr verdrängen, er weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Sein lange verloren geglaubtes Gottvertrauen kehrt zurück, doch steht auf wackligen Beinen. Mithilfe intensiver innerer Monologe lässt Rebreanu die Leserinnen und Leser in das qualvolle Seelenleben des Apostol Bologa, das ihm am Ende keine andere Wahl als die Desertion lässt, eintauchen.

Die Geschichte des Leutnants Apostol Bologa, die Liviu Rebreanu in seinem Roman „Der Wald der Gehenkten“ erzählt, ist gleichzeitig auch die Geschichte seines eigenen Bruders Emil. Dieser war als Offizier für die habsburgische Armee tätig und wurde im Mai 1917 wegen Desertion und Spionage hingerichtet, in Făget, eben dem Ort, an dem auch Apostol Bologa am Ende sein Leben lassen muss.

In seinem Nachwort schreibt Ernest Wichner treffend, Rebreanu sei an Nüchternheit, Klarheit und Gedankenschärfe sowie Mitgefühl für seine Figuren bis heute unübertroffen“.

„Der Wald der Gehenkten“ erschien im Original  – Pădurea spânzuraților“ – bereits 1922 und ist somit einer der ersten europäischen Romane über den Ersten Weltkrieg. In deutscher Sprache lag bisher nur eine Übersetzung von Valentin Lupescu aus dem Jahr 1966 vor, die im Verlag Volk und Welt Berlin erschienen war; um den Roman auch dem heutigen Publikum wieder zugänglich zu machen, ist es nun zur Neu-Übersetzung gekommen.

Übersetzt wurde der Roman von Georg Aescht, der schon öfter Bücher aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzt hat. Die Neu-Übersetzung erschien im August im Wiener Paul Zsolnay Verlag mit Unterstützung des Rumänischen Kulturinstituts in Bukarest.

Katharina BAUM

 

 

 

 

 

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