„Mer hun et noch ist geschafft“

2596

Prauseorgel in Reichesdorf/Richiș nach Restaurierungsarbeiten eingeweiht

 

Orgelbauer Hermann Binder und Organistin Liv Müller auf der Orgelempore.

„Unsere Orgel,  Beweis einer uralten sächsischen Kultur hier in Siebenbürgen, gespielt heute wie in alten Zeiten, erklingt in ihrem alten Ton“ bemerkte Kurator Johann Schaas, der ein Dankeswort an alle Beteiligten sprach. Vergangenen Sonntag luden nämlich das Evangelische Bezirkskonsistorium Mediasch und die Kirchengemeinde Reichesdorf zur festlichen Einweihung der neu restaurierten Johannes Prause-Orgel in Reichesdorf ein. Nach dem Gottesdienst hatten die Anwesenden die Möglichkeit, den besonderen Klang der Prause-Orgel im Rahmen eines kleinen Orgelkonzertes von Organistin Liv Müller zu erleben. Im Anschluss ging es in den Gemeindesaal, wo nach dem Festessen Bezirkskirchenkurator Wilhelm Untch durch die Restaurierungsgeschichte der Orgel führte und den Gästen aus England für ihren Beitrag bedankte. Die Aufsicht über die Restaurierungsarbeiten hatte Orgelbauer Hermann Binder.

 

Stellvertretender Bezirksdechant Ulf Ziegler ging in seiner Predigt u. a. auf die Geschichte der Orgel ein: Einst ein Instrument, das die Römer verwendeten, um Darbietungen musikalisch zu untermalen, bei denen auch Christen starben. Die Geschichte zeige, dass aus Jubelinstrumenten für Unterdrücker Verkünder  der Liebe und des Evangeliums werden könnten. Musikalisch untermalt wurde der Gottesdienst vom Mediascher Kirchenchor unter der Leitung von Edith Toth. Im Anschluss stellte Organistin Liv Müller das Registerwerk der im frischen Glanz strahlenden Prause-Orgel vor und es folgte ein Orgelkonzert wobei Müller u. a. Werke von  Franz Tunder, Georg Friedrich Händel, Variationen von Klaus Dieter Untch, drei romantische Stücke gesammelt von Michael Dressler oder ein Trumpet Voluntary von John Stanley aus der Barockzeit zum Besten gab. Die Organistin wählte die  Werke oder Komponisten so, dass sich entweder mit dem Zeitalter, in der die Prause-Orgel gebaut wurde oder mit der Herkunftsländer der Anwesenden eine Verbindung ergab.

Im Anschluss ging es in den Gemeindesaal, wo beim Festessen und gemütlichen Beisammensein Bezirkskirchenkurator Wilhelm Untch u. a.  den Gästen aus England, den Orgelbauern Edward Bennett, Dominic Gwynn und den Mitarbeitern Joe Marsden, Chris Davies von der Firma Goetze & Gwynn für ihren Beitrag dankte.

230 Jahre seien seit dem Erbauungsjahr der Reichesdorfer Prause-Orgel im Jahr 1788 und 83 Jahre seit der Umbauarbeit von Karl Einschenk verstrichen, stellte Untch fest. Die Orgel ist von Karl Einschenk im Jahre 1909 überarbeitet und 1935 geputzt und repariert und nun von den drei OrgelbaufirmenHermann Binder aus Hermannstadt, Martin Goetze & Dominic Gwynn LTD aus England und Vox Humana aus Szeklerniklasmarkt restauriert worden.

Die Reparaturen wurden 2011 vom Bezirk genehmigt und September 2012 mit dem Abbau der Orgel und der Restaurierung einiger Ornamenten beim Astra-Museum in Hermannstadt in Angriff genommen.

Die Reparaturarbeiten in Reichesdorf seien von einer „musikliebenden Person” in Reichesdorf, Anna David, eingeleitet worden durch die Spende in Höhe von 55.900 Lei im Oktober 2009, die sie dem Kirchenbezirk Mediasch aufs Bankkonto überwiesen habe, mit dem Verwendungsvermerk „Für die Reparatur der Reichesdorfer Orgel”.

130 Touristen aus 13 verschiedenen Ländern adoptierten“ 175 Orgelpfeifen, eine Aktion, durch die weitere 7.600 Lei eingesammelt wurden. So habe man nahezu die gesamten Kosten für die Orgelreparatur einwerben können. Eine kleine Summe fehle noch.

„Die Orgel ist 1788 gebaut worden. Dann hat sie 1909 einen Umbau erfahren und bei dieser Gelegenheit hat Carl Einschenk noch etwas dazugebaut, aber das Innere des Pfeifenwerkes ziemlich vermischt und anders gestaltet“, sagte Binder. „Es war sinnvoll, dass die Orgel wieder den Zustand von 1788 bekommt“. An der Orgel sei nun  alles rückgängig gemacht worden, was Einschenk gemacht habe. Ein Großteil der Arbeiten wurde von Binder und seinem Mitarbeiter Willi Bielz durchgeführt.   „Wir haben alle Pfeifen, die von Johann Prause waren, auf ihren Platz zurückgebracht, und die Register vervollständigt“, erklärte Hermann Binder.

Ab und zu mussten die Arbeiten aus verschiedenen  Gründen unterbrochen werden, und so zogen sich die Arbeiten in die Länge.

Verschiedene Arbeiten wurden  auch von den Gästen aus England durchgeführt. Orgelbauer  Edward Bennett wurde nämlich von seiner Cousine Lucy vor etwa acht Jahren nach Reichesdorf eingeladen, um sich die Orgel anzuschauen. „Ich wollte helfen”, unterstrich  Edward. So ist es dazu gekommen, dass die Orgelbauer Edward und Dominic aus England nach Reichesdorf gekommen sind. Lucy bezahlte die Flüge.

Wilhelm Untch richtete einen Dank an Lucy und David Abel Smith aus England, die die Reisekosten der Engländer immer getragen haben, an Familie Gerrit und Toni Timmerman aus Holland, an Familie Johann und Johanna Schaas, und an das Bezirkskonsistorium Mediasch sowie an alle Spender und Helfer.

„Möge der Wohlklang der Prause-Orgel von Reichesdorf noch lange in den Herzen ihrer Zuhörer erklingen”, schlussfolgerte Bezirkskirchenkurator Wilhelm Untch. „Mer hun et noch ist geschafft, Gott sei Dank“.

Werner FINK

Posted in Beruf, Aktuelle Ausgabe, Geschichte, Kirche, Musik.