Von Gergeschdorf nach Törnen

Zu Besuch bei unseren Ahnen / Von Irmgard Rosina BAUER

Ausgabe Nr. 2593

Die turmlose evangelische Kirche in Törnen.      
Foto: Beatrice UNGAR

Die 1956 in München geborene Irmgard Rosina Bauer, debütierte mit ihrem „Roman in dreizehneinhalb Geschichten“, wie der Untertitel lautet, „Das Leben könnte so schwer sein“ im tredition-Verlag. Bauer hat laut Eintragung des Verlags „Erziehungswissenschaften für den Lehrerberuf studiert. Diesen übt sie nie aus, weil sie früh und kurz hintereinander ihre vier Kinder bekommt. Neben der Kindererziehung hilft sie ihrem Mann, ein Delikatessengeschäft mit Weingroßhandel aufzubauen.  In späteren Jahren verdient sie ihren Lebensunterhalt als freiberufliche Werbetexterin und arbeitet in der Kommunikationsabteilung mehrerer Konzerne sowie als Redakteurin für Mitarbeiterzeitschriften. Seit 2008 führt sie Teambuilding-Maßnahmen für Unternehmen durch und ist Hochschul-Lehrbeauftragte für Teamkompetenz. Sie lebt mit ihrem zweiten Mann, der Montessori-Pädagoge ist, in München“. Im Folgenden können Sie die Eindrücke der Autorin bei ihrem letzten Besuch 2015 in Siebenbürgen lesen. Die Erzählung stellte die Autorin dankenswerterweise der Hermannstädter Zeitungzur Verfügung mit dem Hinweis: „Fast alle Namen in dem Text wurden verändert.“

 

Wie oft haben Mutti und Papa in ihren Erzählungen von den Dörfern erzählt, über die wir jetzt fuhren: Gergeschdorf, Rothkirch, Törnen. Allerdings musste Mutti uns jetzt, im August 2015,  die rumänischen Dorfnamen übersetzen: Ungurei, Roșia de Secaș, dann endlich Păuca. Zuletzt war ich vor 44 Jahren mit meinen Eltern in Rumänien gewesen, mit fünfzehn.

Ganz beiläufig sagte Mutti, als wir nun durch Ungurei am Friedhof vorbeifuhren: Dort oben, links neben der Kapelle, ist das Grab meines Gergeschdorf-Großvaters. Und mein Urgroßvater liegt auch hier. Falls der Grabstein noch steht. Viele sind ja umgefallen, wie ich sehe.

Raffael sperrt das Friedhofstor in Gergeschdorf auf.
Foto: Irmgard BAUER

Mein Sohn Raffael (29), hielt unseren Campingbus an. Er hatte sich Oma und Mama zuliebe auf eine Siebenbürgen-Tour eingelassen. Er las laut vor, in seiner Stimme lag Verwunderung.

„ORT DER RUHE. Evangelischer Friedhof Gergeschdorf“, stand in großen Antiqua-Lettern auf einem weißen, abblätternden Emailschild über dem Eingangstor. Daran hing ein verrostetes Schloss und ein verwaschener Zettel in einer Plastikhülle: Die Schlüssel sind bei Roppelt, Hauptstraße 40.

Plötzlich lebte Raffael auf und zeigte die Spannung des Entdeckers.

Den Schlüssel, wir brauchen den Schlüssel!, rief er und parkte das Auto. Und er steckte auch mich mit seiner Erregung an.

Herr Roppelt war um die vierzig und hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Meine Frau ist Rumänin, erklärte er, und deshalb bin ich noch hier in Rumänien geblieben.Er ging selbst mit uns über den Friedhof.

Hier ruhen Martin Lutsch und seine Gattin Maria. Hier ruhen Georg Roppelt und seine Söhne Michael und Johann. Hier ruhen Michael Lutsch und seine Gattin Katharina. Es trauern ihre Kinder. Hier ruhen Michael Ganesch und seine Gattin Maria.

„Was geht hier ab?“ Kopfschüttelnd ging Raffael von einem Grab zum anderen. „Wieso ist hier alles deutsch?“

Die vielen Erzählungen seiner Oma, in denen sie immer wieder betont hatte, dass sie, obwohl in Rumänien geboren, keine Rumänin sei, sondern Deutsche, waren wohl bei ihm nicht plastisch genug angekommen.

Ich war glücklich darüber, dass sich alle meine vier erwachsenen Kinder so organisieren konnten, innerhalb unserervierzehn Tage nach Siebenbürgen zu kommen, um Omas Geschichten direkt am Originalort nachempfinden zu können. In meinem Campingbus war es mir mit Hilfe von Raffael, dem jüngsten, möglich gewesen, auch meine 90-jährige Mutter samt Rollstuhl mitzunehmen. Für sie bedurfte es keiner Überredung, trotz ihrer körperlichen Gebrechen. Noch einmal die alte Heimat besuchen und ihren Enkeln all das zu zeigen, wofür sie sich altersgemäß erst jetzt interessierten, was sie sich aber allein von Omas Erzählungen nicht vorstellen konnten. Das war ihr Motivation genug, die weite und beschwerliche Reise auf sich zu nehmen.

„Wir suchen das Grab von Michael Imbrich.“

„Wisst ihr nicht noch mehr dazu?“, fragte uns Herr Roppelt. „Den Namen gibt es mindestens fünf Mal hier.“

Mutti konnte uns wenigstens die Lage des Grabes ihrer Großeltern beschreiben. Und tatsächlich. Da war es.

„Wenn man Wasser über den Grabstein schüttet, kann man die Schrift wieder etwas besser entziffern“, erklärte uns Herr Roppelt.

Mama, du hast doch Trinkwasser im Rucksack  mitgenommen!Raffael war ganz aufgewühlt. Ich mit ihm. Ich goss Wasser über den Stein.

Ja, es war eindeutig. Zusätzlich fuhren wir die vertiefte Schrift mit dem Finger nach

Hier ruhen

Michael Imbrich

Geb. 1872 gest. 1921 …

Ich krieg Gänsehaut, sagte Raffael.

Auch mich beschlich ein seltsam heiliges Gefühl, als wir an „unserem“ Grabstein Stellung bezogen und Herr Roppelt mit uns ein Foto machte. Ja, wir waren zwei Tage lang mit meiner alten Mutter hierhergefahren, es war anstrengend gewesen, und hier nun lag in fremdem Boden ein Teil von uns selbst!

Doch nun wollten wir weiter. Was würde uns in Törnen erwarten?

Mutti war sehr still, als wir die ersten Häuser in Törnen passierten. Die Fensterläden waren geschlossen und verriegelt, der Putz blätterte ab, wilde Gräser wucherten vor den großen Einfahrtstoren, die einst die Pferdewagen aufgenommen hatten.

Meine Cousine Anna würde uns für zwei Wochen ihr Elternhaus für unsere Familienzusammenkunft zur Verfügung stellen. Sie hatte 1989 mit ihrer Familie sofort nach der Öffnung der Ostgrenzen Haus und Hof verlassen, um nach Deutschland überzusiedeln, so wie die meisten anderen Siebenbürger Sachsen auch.

Zwei Häuser weiter in der Reihe steht Muttis Elternhaus, das ihrem jüngeren Bruder Georg gehört. Bis zur Wende hat er mit seiner Familie hier gewohnt. Auch sie hat es dann so schnell wie möglich in den Westen gezogen.

Mit Onkel Georg würden wir eine gemeinsame Woche in Törnen verbringen, bevor er mit seiner Frau und Tochter Lieso wieder in sein neues Zuhause im Schwarzwald abreisen musste. Mit seiner Anwesenheit konnten wir sicher sein, einige Erklärungen zu erhalten zum heutigen Stand der Dinge im Törnen dieser Tage – und dem in Siebenbürgen. Ich freute mich auf sie alle. Meinen Onkel hatte ich bisher nur drei- oder viermal gesehen, meine Cousine Lieso kannte ich noch gar nicht.

Sobald wir den Hausschlüssel hatten, wollte Mutti gleich mit ihrem Bruder mit. „Gib mir zu trinken, ich hab solchen Durst! Nie mehr habe ich so gutes Wasser getrunken wie aus unserem Brunnen!“ Und sie verlangte nach ihrem Gehstock. Mit ungeahnter Energie und Geschwindigkeit war sie schon auf dem Weg zu ihrem Elternhaus.

Währenddessen richteten Raffael und ich uns gemeinsam in dem Haus ein, an das ich mich noch gut erinnern konnte. Immer noch hängt derselbe gestickte Sinnspruch an der Wand.  Wir teilten Mutti das große Bett zu. Ich beschloss, in meinem Bus zu schlafen. Raffael freute sich über einen Strohsack. „Sehr ökologisch“, sagte er. Mein Sohn Jan würde drei Tage später mit seiner Freundin ankommen, sie wollten noch eine Karpatenwanderung anschließen. Sohn Maximilian reiste für vier Tage mit dem Flugzeug aus Mallorca an, wo er mit seiner Familie wohnt. Tochter Katja kam mit ihrem Partner und ihrem 10-jährigen Sohn Vinzent, Muttis erstem Urenkel, von einer Balkanreise hier „vorbei“. Sie alle hatten es möglich gemacht, mit Oma und Mama den Ort ihrer Ahnen zu besuchen.

Meine Cousine Lieso begleitete uns den Hügel hinauf zum Friedhof und zeigte uns die Gräber unserer gemeinsamen Törner Urgroßeltern. Neben Wasser hatte ich diesmal noch einen Bleistift mitgenommen, um die verblassten Schriften nachzufahren und sie abzuschreiben.

Am Sonntag wollte Jan sehen, ob eine Messe gehalten wurde. Nein, nichts. Prüfend sah er auf den Glockenturm der alten Kirche. Ich wusste, was er dachte. Doch im Pfarrhaus war niemand zu Hause, um uns den Schlüssel zu geben.

„Komm Mama, das schaffen wir. Ich mach dir ’ne Räuberleiter.“

Mir wurde heiß. War das unheilig? Kirchenschändung? Hausfriedensbruch?

Dann war mir sein Interesse an unserer gemeinsamen Geschichte wichtiger als Ordnung. Nie wieder würden wir wohl nach Törnen kommen. Nicht mit und nicht ohne Mutti. Also: Ruckzuck schob er mich nach oben und zog sich selbst an einer vorstehenden Verstrebung hoch.

Da hing sie, eine große bronzene Glocke, mit dem Aufdruck:

Gewidmet von euren Landsleuten aus Amerika 1926.

Schon damals überlebte Siebenbürgen eine Auswanderungswelle.

Wie würde es heute weitergehen?

Jan findet das Grab von Georg Platzner.             
Foto: Irmgard BAUER

Zwei Tage vorher schon war ich mit Jan und Katja in Bußd/Boz bei Mühlbach gewesen, wo mein Vater geboren ist. Er war als Soldat zur Deutschen Wehrmacht eingezogen und als amerikanischer Kriegsgefangener 1946 nach Westdeutschland entlassen worden. In Bußd suchten wir mit Muttis Hilfe das Haus meiner Oma. Doch wir fanden nur noch einen Acker vor. Ich holte eine Tüte aus dem Auto und schaufelte mit den Händen Erde hinein. Daheim in München würde ich sie in einem dekorativen Glas ins Regal stellen.

Doch dann die Kirche! Welch eine Kraft sie immer noch ausstrahlte – trotz der brüchigen Mauern. Auch hier ein Zettel mit der Adresse des Schlüsselinhabers, auch hier niemand zu Hause.

„Ich will da rein!“, sagte Jan.

Er suchte eine etwas eingebrochene Stelle an der den Kirchenanger umgebenden Mauer. Und schwupp, war er im Kirchhof. Ebenso seine Schwester Katja. „Komm Mama, du schaffst das!“ Also auch ich. Ja, ich wollte die Neugier meiner Kinder unterstützen, mit allen Mitteln. Wir stiegen eine sehr baufällige Holztreppe hoch und stützten uns gegenseitig, bis wir oben waren. Und fanden eine große Überraschung, die uns spannende Rätsel aufgab. „Gewidmet von Georg Platzner 1926“, war da in erhabenen Lettern auf der Glocke zu lesen. Den Grabstein von Georg Platzner hatten wir auf dem Friedhof bereits gesehen. Platzner, das war der Mädchenname von Papas Mutter gewesen. Und nun? Niemand da, den wir fragen konnten. Papa war schon gestorben. Lange saßen wir schweigend um das morsche Gebälk und die Glocke herum, bevor wir vorsichtig wieder hinunter- und hinausstiegen, um mit Mutti zurück nach Törnen zu fahren.

Für die Grillabende in unserem Hof hatte Mutti ein Lamm von einem Hirten im Dorf schlachten lassen. Sie genoss es, am Feuer reichlich von ihren Erinnerungen abzugeben und dafür, hier in ihrer Heimat, sehr interessierte Zuhörer zu haben. In München war das für ihre Enkel alles so weit weg gewesen.

An unserem letzten Tag in Siebenbürgen zeigte sie uns auch den Platz in Törnen, der letztlich ihr Leben veränderte und damit auch meines bestimmte, ja, unseres. Den Platz, von wo man sie und viele andere 1945 in die damalige Sowjetunion deportiert hatte.

Hier an diesem Platz hörte sich ihre Geschichte auch für mich anders an als an Muttis Wohnzimmertisch daheim. Über diese und weitere Kriegswirren kam Mutti nach München. Lernte da meinen Vater aus Bußd kennen. So dass ich in München geboren wurde.

Am nächsten Tag würden wir dahin wieder zurückkehren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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