Geheilte Erinnerungen

Eginald Schlattner feiert am 13. September d. J. seinen 85. Geburtstag

Ausgabe Nr. 2592

Eginald Schlattner (links) freut sich mit Christel Ungar über deren dritten Gedichtband, „Rot/Roșu“, den die Autorin ihm vor der Kulisse der Rothberger evangelischen Kirche im März 2017 überreichte.  
Foto: Beatrice UNGAR

Auf einer Fahrt von Siebenbürgen nach Bukarest: Beim Anblick vieler neugegründeter Klöster fragt eine junge Frau: „Was muss ich tun, wenn ich in eine solche Gemeinschaft eintrete?“ Die so fragt, ist in Rumänien geboren, in Hamburg aufgewachsen und lebt seit 15 Jahren wieder in ihrer ursprünglichen Heimat. Ich kann ihr antworten: „Acht Stunden wird im Stehen vor der Altarwand gebetet und gesungen. Zehn Stunden wird unter der lautstarken Aufsicht der Oberin gearbeitet. Dienlich der Seelen Seligkeit. Schließlich: sechs Stunden todmüder Schlaf.“   Ich wüsste noch mehr. Dieses Erfahrungswissen stammt allerdings nicht von mir, sondern von Eginald Schlattner, der mit seinen Romanen „Der geköpfte Hahn“ (1998), „Rote Handschuhe“ (2000), „Das Klavier im Nebel“ (2005) die europäische Literaturszene fulminant Richtung Südosten erweitert hat und mit der narrativen Dokumentation „Wasserzeichen“ (2018) ein Panorama des siebenbürgisch-sächsischen Bürgertums zwischen Glanz, Elend und Neubesinnung schuf. Mit seinem jüngsten Werk, aus dem ich mich für die Antwort an die junge Frau freihändig bediente (S. 72), hat er den reich ornamentierten Schlussstein gesetzt für sein Sprach-Gedächtnis der siebenbürgischen Wunden und Wunder, und zwar voll eines poetischen Realismus, ohne Verbitterung, angelegt auch auf künftige Generationen, damit diese ihre Gegenwart angemessen verstehen können.

 

Schlattners gelegentlicher Rückzug ins rumänisch-orthodoxe Kloster ist seinem Bedürfnis nach Kontemplation geschuldet trotz manchmal überbordernder Erzählfreude. Oder gerade ihretwegen? Jedenfalls sieht er auch in diesem Bereich deutliche Defizite, wenn er etwa seinen orthodoxen Kollegen scherzhaft und selbstironisch zuruft, sie könnten wunderbar singen, und er brächte als Gefängnisgeistlicher Lebensmittel und Hygieneartikel in die Zellen. Dreh- und Angelpunkt seiner Existenz ist die Präsenz vor Ort: Rothberg/Roșia, mittlerweile auch leicht verklärt, jedenfalls latinisiert: mons rubens, vor den Toren von Hermannstadt/Sibiu gelegen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Zielpunkt eines beschwerlichen Weges. Auf diesem erwartete den einst relegierten Theologiestudenten und nachmaligen Studenten der Hydrologie 1959 ein  Hochverratsprozess  unter Securitate-Bedingungen – 2 Jahre Zellenhaft, 7 Quadratmeter: „Kein Sonnenstrahl drang durch das sowieso verbarrikadierte Oberlicht. Kein Abort in der Zelle, Notdurft auf Kommando  zweimal am Tag unter Aufsicht, hingeführt mit Blechbrillen. Das Kleinste: kein Spiegel. Dagegen das Schlimmste: ohne Hofgang, niemals.“ (E.Sch., Biografie der gewußten Wirklichkeit: Spiegelungen 2017/Heft 1). Nach der Haft schuftete er in verschiedenen Jobs, wobei  er auch die unvergessene Solidarität von mit ihm schuftenden Roma erfuhr. Nach einer unerwarteten Erfahrung biblischer Aktualität studierte er, der mit staatlicher Erlaubnis inzwischen doch noch seinen Abschluss  als Diplom-Ingenieur für Hydrologie nachgeholt hatte, mit 40 noch einmal bewusst Theologie. Zum Prozess  und seinen Auswirkungen gibt  es Unterstellungen, Verleumdungen und Manipulationen. Die Berliner Germanistin Michaela Nowotnick ist ihnen allen auf den Grund gegangen – in den Archiven der Securitate und  hat die ausgestreuten Behauptungen als die genannten Textsorten herausgearbeitet (M.N., Die Unentrinnbarkeit der Biographie.  Der Roman „Rote Handschuhe“ von Eginald Schlattner als Fallstudie zur rumäniendeutschen Literatur, 2016). In diesem Klima wurde Eginald Schlattner 1978 der 50. evangelische Pfarrer von Rothberg seit der Reformation, und er ist es geblieben, offen für die traditionsbewusste Gemeinschaft und offen für die prekäre Lage der braunen Geschwister vom Bach, wie er sie oft nennt.Etliche hat er viele Jahre mit Schul- und Fahrgeld bis zum erfolgreichen Studienabschluss unterstützt und sich mit ihnen gelegentlich zum Austausch beim Sonntags-Tee getroffen.Mittlerweile gibt es sogar eine dörfliche Waldorf-Schule, bei der Schlattner sein Bildungsanliegen gut aufgehoben sieht.

Schlattner ist in Rothberg geblieben – damals, als nach 1989 alle bis auf die buchstäbliche Handvoll Sachsen in die  ersehnte Freiheit  gen Westen strebten. Er blieb ebenso, als sich seine Frau  nach 45 Ehejahren von ihm trennte und in Hermannstadt lebte. Unbeschadet davon  steht über allem immer noch die Widmung im Roman „Rote Handschuhe“: Für Susanna Dorothea Ohnweiler, die damals, achtzehnjährig, den Mut und die Liebe hatte, trotz allem meine Frau zu werden.“

Am Ende des irdischen Lebens von Susanna Dorothea Schlattner (1944-2017) klingt es versöhnlich in der Anzeige: Sie starb getrost und und getröstet im Beisein ihrer Tochter und des Ehemannes.“ Schlattner blieb damals und bleibt heute, weil er sich für die Entwicklung des Dorfes einsetzt. Dadurch wurde Rothberg zur Schreibwerkstatt für europäische Literatur.

Diese bewusste Präsenz vor Ort am offenen Horizont führt nolens volens zur kritischen Aneignung der 850jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen und des Weges der Evangelischen Kirche A.B. In Rumänien. Er ist beiden in kritischer Solidarität verbunden als ein Teil von ihnen. Schlattner erwartet von ihnen, dass sie sich den heutigen Erfordernissen öffnen – ethnisches Kleinformat hin,      ethnisches Kleinformat her! Zweisprachige Gottesdienste werden die Regel sein,  und der Wandel zur multiethnischen Gemeinschaft von Christen deutet sich mindestens durch die rumänische Teilnehmerschaft am Konfirmandenunterricht an. Er selbst hält täglich das Mittagsgebet und am Sonntag den Gottesdienst in der Kirche –  allein oder „für Menschenkinder vom Bach und aus der Welt“. Das eine sind die braunen Geschwister vom Bach aus den prekären dörflichen Lebensverhältnissen, das andere ist die Teilnehmerschar am literarischen Tourismus, also Reisende auf Kulturtrip  beim Schriftsteller in Rothberg: Liturgie auf Deutsch, wie es alle Vorgänger seit der Reformation praktizierten, Kurzpredigt auf Rumänisch wie es die aktuelle Situation erfordert.

Am 16. Juli 2018 mailt der Rothberger Autor an seine Tochter Sabine Maya im polnische Kraków „einen beherzigenswerten Auftakt der Woche“. Es handelt sich um die vier Schlussverse von Psalm 92. Wo vom Wachsen und Grünen der Gerechten die Rede ist, gestattet sich der Theologe den Einschub: Rothberg, Park und GÄRTEN“; als von der Verkündigung der Treue Gottes gesprochen wird, lautet der persönliche Zusatz als Konkretion vor Ort: Gottesdienste am Sonntag: Menschen- kinder vom Bach und aus der Welt“. Voller Zuversicht erscheint zwei Monate vor seinem  85. Geburtstag der Bezug auf das Altern im Fettdruck: Und wenn sie gleich alt werden,/ werden sie dennoch blühen und fruchtbar und frisch sein,/dass sie verkündigen,/wie treu Gott ist.“ So sei es denn!

Wo frisches und fruchtbares Blühen in jüngerer Zeit wieder  eingesetzt hat, das ist der verlegerische Bereich um den poeta transsylvanicus: Zur Leipziger Buchmesse 2018 erschienen die siebenbürgischen Memoiren „Wasserzeichen“,  in Moskau die „Roten Handschuhe“ in russischer Übersetzung, von denen auch eine japanische Ausgabe vorbereitet wird. Die Hermannstädter Germanistin Andreea Dumitru hat zur Trilogie von 1998/2000/2005 unter dem Aspekt der Interkulturalität publiziert, der Bukarester Politologe Radu Carp seine Gespräche mit  Schlattner in der  Landessprache veröffentlicht, so dass auch eine rumänische Leserschaft Zugang zum Autor finden kann.Beide Publikationen sind ein weiteres Indiz dafür, dass die Mehrheitsgesellschaft die siebenbürgisch-sächsische Kultur mehr und mehr als Element der  gesellschaftlichen Gesamtkultur wahrnimmt, wie es sich langsam auch im Umgang mit dem Erhalt der sächsischen Kirchenburgen andeutet. Aufseiten seiner Minderheit ist der Rothberger Dichter einer der Protagonisten dieser interkulturellen Offenheit. Sein Werk und Wirken beginnen Frucht zu tragen. Die gesellschaftliche Öffentlichkeit in Rumänien und anderswo dankt ihm das seit langem – vor allem innerlich und klammheimlich. Sie könnte es auch tun, wie es der Begriff nahelegt: publice.

Jens LANGER

 

 

 

 

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