Ein Leben für die Gemeinde

Zu Gast bei der ehemaligen Vorsitzenden des Neppendorfer Ortsforums

Ausgabe Nr. 2592

Elisabeth Rosenauer (rechts) mit Helmut Leonbacher.
Foto: Renate KÖBER

Als ich in den frühen Morgenstunden des letzten Julitages in der Secerătoarelor Straße 48 bei Frau Elisabeth Rosenauer klingelte, war sie schon lange wach. Die sehr rüstige Seniorin hatte eine kleine Gehhilfe dabei, um mir zu öffnen und Einlass gewähren. Wir hatten uns nämlich abgesprochen, dass ich sie besuchen werde, um die nötigen Informationen für einen Beitrag in der Hermannstädter Zeitung zu erhalten. Ich muss gestehen, dass ich noch kaum eine so geistig fitte Frau in diesem recht hohen Alter angetroffen habe. Auch Haus und Hof wirken gepflegt und gut erhalten. Frau Rosenauer genießt seither voll meinen Respekt und meine Hochachtung.

 

Elisabeth erblickte das Licht der Welt am 26. Mai 1930 als älteste Tochter des bekannten und gesuchten Steinmetzmeisters Martin Fleischer und dessen Gattin Elisabeth, geborene Schenn, deren Vater ein geschätzter Müllermeister in Neppendorf war. In ihrem Elternhaus, Hausnummer 907, in unmittelbarer Nähe zum Neppendorfer Bahnhof, verbrachte Elisabeth mit einer jüngeren Schwester Johanna und den beiden Brüdern Robert und Helmut eine wunderschöne und unvergessene Kindheit, eine Zeit an die sie sich immer gerne erinnert. Hier im Geburtsort besuchte sie auch den Kindergarten und die ersten vier Volksschulklassen, war gut befreundet mit meiner Schwester Sara, die leider elfjährig viel zu früh an der damals unheilbaren Diphterie im Jahr 1941 verstarb. Nach der Grundschule besuchte Elisabeth die nächsten vier Jahre das Evangelische Mädchengymnasium in Hermannstadt. Jetzt konnte für die Adoleszentin der berufliche Werdegang starten.

In den Jahren 1947 und 1948 arbeitete sie im Vermessungsbüro von Ing. Drotleff. In der Zeitspanne 1949 bis 1958 war Elisabeth beim Bauunternehmen SOVROM-Construcţiiangestellt, das später in 505 Construcţii, Grup Şantier Sibiuumbenannt wurde.

Eine wunderbare Zeit ihres Arbeitslebens verbrachte sie in der Zeitspanne 1958 bis 1970 beim Sportverein Voinţa. Elisabeth war zuständig für den gesamten Innenbereich des Vereins, für Ordnung und Sauberkeit, sowie auch für die gesamte Sportbekleidung. Hier lernte ich Listante auch besser kennen, da ich in jenen Jahren aktiver Handballspieler war. Die Rumänen nannten sie respektvoll „tanti Lizi“. Listante war für uns alle eine absolute Respektperson. Sie war hochgeachtet und von der gesamten Männerdomäne respektiert. Niemand versuchte ihr zu widersprechen. Bei diesem Sportverein lernte sie auch ihren späteren Ehegatten, den Mediascher Richard Rosenauer kennen, ein Urenkel des Theologen, Schulmanns und Politikers Stephan Ludwig Roth aus der Revolutionszeit von 1848. Richard befasste sich gleichzeitig mit mehreren Sportarten: Tischtennis, Feldtennis und Orientierungslauf. Im Jahr 1964 wurde geheiratet. Die Ehe blieb leider kinderlos.

Von 1970 bis 1975 übernahm das Ehepaar Rosenauer das wichtige Amt eines Hüttenwarts auf der Crinţ im Zibinsgebirge, eine der schönsten Zeiten im Berufsleben der Eheleute. Hier hatten sie Gelegenheit viele Menschen kennenzulernen und die saubere Gebirgsluft genießen, auch wenn der Alltag oft aufwendig und stressig war. Nach der schönen Zeit, die sie im Zibinsgebirge verbracht hatten, folgte der letzte Arbeitsplatz der Rosenauers beim Forschungsinstitut ICEMENERG, dessen Hauptsitz sich in Bukarest befand. Von 1976 bis 1985, also bis zum Renteneintritt arbeiteten Elisabeth und Richard für dieses bekannte Forschungsinstitut mit etwa dreihundert Angestellten.

Als bereits vor der Wende im Dezember 1989 immer mehr Landsleute in die Bundesrepublik Deutschland aussiedelten, war Elisabeth Rosenauer aktiv beteiligt. Sie half beim Besorgen der Visa für Deutschland und Österreich, beim Packen der Kisten und bei den Zollabfertigungen in Bukarest. Wie oft wird sie diesbezüglich in der rumänischen Hauptstadt gewesen sein? Das Problem der eigenen Ausreise hat sich für die Rosenauers nie gestellt. Sie wollten ihre angestandene Heimat niemals verlassen, auch wenn zwei ihrer Geschwister Johanna und Robert mit ihren Familien nach Deutschland ausgereist waren.

Ab dem Jahr 1990 fuhr Elisabeth Rosenauer fast wöchentlich mit dem Zug nach Bukarest, um Jahresvisa für Angehörige der drei Landlergemeinden zu erhalten. In dieser Zeitspanne gab es auch eine sehr rege Zusammenarbeit mit der Oberösterreichischen Landlerhilfe. Sie organisierte und leitete 18 Seniorengruppen nach Oberösterreich in die Orte Gosau, Weikersdorf und Gallneukirchen. Für unsere verbliebenen Landsleute eine aktive Hilfe und Stütze zu sein, war ihre Devise, also ein Leben für die Gemeinschaft. Leider verstarb im Jahr 2002 ihr geliebter Ehemann Richard.

Frau Rosenauer setzte sich weiter mit Hingabe und viel Zeitaufwand für die verbliebenen Landsleute in Neppendorf ein, organisierte und leitete kirchliche Aufenthalte in Michelsberg und Wolkendorf. Auch in diesem Jahr verweilte sie mit einer Gruppe für eine Woche im burzenländischen Wolkendorf.

Als im Jahr 1993 das Ortsforum Neppendorf gegründet wurde, waren die Rosenauers aktiv beteiligt. Elisabeth Rosenauer übernahm das Amt der Vorsitzenden des Ortsforums im Jahr 1996 und behielt  dieses Amt bis 2017, als sie aus Altersgründen zurücktrat. Sich aktiv einbringen war auch diesmal ihre Devise.

In der Zeitspanne 1991 bis 2007 gehörte Elisabeth Rosenauer der Gemeindevertretung unserer Kirche an und durfte somit der Neppendorfer Kirchengemeinde treue Dienste leisten. Frau Elisabeth Rosenauer ist auch aktives und ältestes Mitglied im kirchlichen Handarbeitskreis der Neppendorferinnen, der sich wöchentlich in der Evangelischen Akademie trifft.

Im Jahr 2016 ging ein alter Traum von Elisabeth Rosenauer in Erfüllung. Sie richtete zusammen mit dem Kärntner Dr. Fornara im Frecker Sommerpalast des ehemaligen Barons Samuel von Brukenthal ein Museum für Sächsische Volkskunst ein. Die meisten Exponate stammen aus ihrem Eigenbesitz.

Nach der Wende haben bereits 1990 erste Landsleute ihren verlorenen Ackergrund zurück gefordert. 31 von ihnen trafen sich und gründeten den Neppendorfer Landwirtschaftsverein. Nur die sogenannten Gründungsmitlgieder sollten im Verein das Sagen haben. Später eingetretene „Mitglieder“ blieben leider rechtlos, waren nur toleriert, also Anhängsel. Der Landwirtschaftsverein wurde von Ing. Josef Köber, einem Neppendorfer geleitet und funktionierte auch einige Jahre recht gut. Weshalb dieser Verein Faliment gegeben hat, wollte oder konnte Frau Rosenauer nicht sagen. Der Verein existiert zurzeit nur noch auf dem Papier.

Am 26. Mai in diesem Jahr feierte Elisabeth Rosenauer ihren 88. Geburtstag. Eingeladen hat sie dabei in eine Landpension nach Urwegen/Gârbova, um mit ihren Neppendorfern zu feiern. Dabei waren auch zwei befreundete Familien aus der Schweiz, ihr Bruder Helmut mit Familie, sowie einige gute Freunde, zu denen sie eine enge Beziehung pflegt.

Alles Liebe und Gute, liebe Listante, unsere besten Wünsche liebe Frau Rosenauer und herzlichen Dank für dein gesamtes Wirken zum Wohle der Gemeinschaft.

Helmut LEONBACHER

 

 

 

 

 

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