Des Meeres und der Liebe Wellen

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Die Wiederentdeckung des Eduard von Keyserling (1855-1918)

Eduard von Keyserling 1905/1906.
Foto: Philipp KESTER

Einen Schriftsteller gilt es zu preisen, der wie kein anderer die Stimmung des Fin de siècle und der Décadence einzufangen verstand: Eduard von Keyserling, der vor heute 100 Jahren am 28. September 1918 starb, gilt als einer der wenigen literarischen Impressionisten der deutschen Literatur um 1900. Seine Bücher sind ein ahnungsvoller Abgesang auf den baltendeutschen Adel, der nach den politischen Ereignissen des Ersten Weltkriegs und in den Wirren der Russischen Revolution von 1917 unterging. – Seit Mitte der 1990er Jahre werden seine Bücher neu publiziert, vor allem im Manesse-Verlag (Zürich), der ihn zum 100.Geb. mit dem Band „Landpartie“ ehrt, der sämtliche Erzählungen enthält.

„Als Gottes Atem leiser ging, schuf er den Grafen Keyserling“, spotteten die Zeitgenossen, auf seine phänomenale Hässlichkeit anspielend, die das in der Münchener Neuen Pinakothek befindliche Porträt von Lovis Corinth zeigt. Das tat seinem Charme keinen Abbruch. In der Münchner Bohème verkehrte er mit Künstlern und Schriftstellern wie Max Halbe, Frank Wedekind, Thomas Mann u.a. – In unseren Tagen wird er von einigen Kritikern etwas herablassend als „Fontane in Moll“ bezeichnet (Tilman Krause, 1999), neuerdings aber von Michael Maar sogar über Fontane gestellt (DIE ZEIT vom 16.6.11). Darüber kann  man durchaus streiten, doch kommt es letztlich nicht darauf an, welcher der beiden „besser“ war; beide haben den Verfall des Adels und die veränderte Rolle der Frau thematisiert, beide verstehen es glänzend, die Leser zu fesseln.

Diese Aspekte sind in „Wellen“, dem bekanntesten seiner Romane vereint. Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Der Schauplatz ist ein Badeort an der kurländischen Ostsee. Da lebt die schöne und emanzipierte Gräfin Doralice, die ihren alten adeligen Gatten Köhne-Jasky verlassen hat, mit dem Maler Hans Grill in einer Fischerhütte in ehelicher Gemeinschaft. Für die hier zur Sommerfrische versammelte Adelsgesellschaft wird Doralice zur Kristallisationsfigur ablehnender und anziehender Verhaltensweisen, vor allem in der Familie der „Generalin“, Witwe des Generals von Palikow. Während sie selbst sich der Außenseiterin gegenüber gleichgültig verhält, sieht ihre Tochter, die Baronin von Buttlär, in Doralice eine Gefahr für ihren Mann, den notorischen Schürzenjäger, und für ihre pubertierenden Töchter Nini und Lolo. Letztere bewundert die „gefallene“ Gräfin und ist mit dem ebenfalls anwesenden Leutnant Hilmar verlobt, der aber in Liebe zu Doralice entbrennt. Daraufhin versucht Lolo sich im Meer zu ertränken, wird aber gerettet. Fluchtartig verlässt die Palikow-Buttlär-Sippe den Badeort. – Parallel zu diesen Ereignissen wird die Beziehungskrise des gesellschaftlich geächteten Paares Doralice und Hans erzählt. Der eifersüchtige Maler macht eine Schaffenskrise durch, während seine Frau sich mehr oder weniger langweilt und das Interesse genießt, das sie bei den anderen erweckt. Zu guter Letzt kommt Hans bei einer seiner zahlreichen Ausfahrten mit dem Boot eines Fischers im Sturm um, bevor eine Aussprache des Paares stattfinden kann. – Eine besondere Funktion hat der bucklige Geheimrat Knospelius (!), der die schöne Gräfin platonisch verehrt und – selbst Außenseiter – eine gesellschaftlich vermittelnde, aber auch eine reflektierende Rolle spielt.

Hintergrund und Mittelpunkt der Handlung aber ist die sich ständig verändernde Ostsee. Der Titel des Romans ist symbolisch zu verstehen. Die Kraft und Wildheit des Meeres bildet den Kontrast zur Starrheit und dem Beharren des Adels auf der gesellschaftlichen Tradition. Das Meer ist allgegenwärtig, in stetiger Veränderung und Wandlung begriffen, das Spiel der Wellen wird in immer wieder neuen Formulierungen geschildert: „…und auf dem Meere hoben sich die Wellen ohne Schaum , groß und grüngrau, ein mächtiges stilles Atmen, erst näher dem Strande wurden sie lebhafter und ließen die weißen Schaumtücher flattern.“

Aber das Meer ist auch bedrohlich und zerstörerisch: Hans verschlingt es, Lolo ertrinkt beinahe: „Und dann plötzlich lähmend überkam sie das Bewusstsein der furchtbaren Weite um sie her, der furchtbaren Tiefe unter sich. Angst benahm ihr den Atem, alles wurde feindlich, alles war gegen sie  und sie musste kämpfen mit diesen Wellenhügeln, die ihr jetzt hart und kalt wie schwarzes Metall erschienen.“

Wenn man bedenkt, dass Keyserling seit 1908 wegen eines Rückenmarkleidens vollständig erblindet war, verblüfft die Sinnlichkeit seiner Schilderungen. Ein wahres Feuerwerk von Farben ergießt sich über die Leser, das Meer wird mit einer Plastizität ohnegleichen. geschildert: „An dem blassblauen Himmel standen riesige kupferrote Wolken und auf dem dunkelwerdenden Meer schwamm es wie große Stücke rotglänzenden Metalls, während die am Ufer zergehenden Wellen den Sand wie mit rosa Musselintüchern überdeckten.“ Aber auch Geräusche und Düfte wirkt der Erzähler zu einem impressionistischen Teppich. –

Florian Illies nahm schon vor Jahren Keyserling vor seinen Lobrednern in Schutz, die die Bücher und die Welt des baltischen Grafen nostalgisch feierten und dadurch seinem literarischen Ruf  eher schadeten: „Denn ihm ging es, bei Lichte besehen, um das genaue Gegenteil: also um das Vorführen von Nostalgie als untaugliche Methode der Gegenwartsbewältigung“ (DIE ZEIT v. 2.7.2009). Auch Thomas Mann habe Keyserling durchaus lobend zum „Heimatdichter“ abgestempelt. Dagegen führt Illies ins Feld, dass Keyserling seine Charaktere immer wieder ironisch entlarvt habe, z. B. den  Baron von Buttlär in den „Wellen“, der bei einer Erdbeerbowle und einer guten Zigarre faselt:  „Mondschein und Meer, Meer und Mondschein, … da kann man gefühlvoll werden. Das Meer macht immer Eindruck. Die Unendlichkeit ist eben die Unendlichkeit, nicht wahr?“ –

Auch der Emanzipationsversuch der Gräfin Doralice, jetzt Frau Grill, wird  kritisch gesehen. Sie ist zwar ihrem ersten Gatten entkommen, der sie nach seinem Bilde formen wollte: „Allein das war seine Erziehungsmethode, er tat, als sei Doralice so, wie er sie wollte. Er lobte sie beständig für das, was er doch erst in sie hineinlegen wollte, er zwang ihr gleichsam eine Doralice nach seinem Sinne auf, indem er tat, als sei sie schon da.“ – Man denkt hierbei unwillkürlich an die – natürlich weit subtileren, aber auch grausameren –  Methoden eines Barons von Innstetten in Fontanes „Effi Briest“. Doch auch ihr spießiger Künstlergatte Hans Grill versucht sie einzuengen: „Warte nur, bis wir in unserer Ordnung sind, …sagen wir in einem Vorort von München, ein Häuschen, das deine eigenste Schöpfung ist, der Ausdruck deines Wesens, dort waltest du. Mein Atelier ist natürlich in der Stadt, ich komme zu Mittag heim und du erwartest mich …“. Aber als er Doralice zu einer „sinnvollen“ Beschäftigung im Fischerdorf drängt, erwidert sie gereizt: „Soll das so etwas wie der Anfang einer Erziehung für mich sein?“  Sie hingegen lässt sich treiben. Trotz ihrer Angst vor der Gesellschaft, die sie zur Außenseiterin erklärt hat, genießt sie die Bewunderung der Männer. Am Schluss, nach Hans’ Tod, bietet ihr Graf  Knospelius an, mit ihm nach Italien oder Griechenland zu verreisen. Ihre Antwort klingt resigniert: „ ‚Ich danke Ihnen’, sagte Doralice leise, ‚aber ich kann jetzt von hier nicht fort.’-  ‚Freilich, freilich’, sagte Knospelius heiter, … wir haben hier gelernt, Zeit zu haben, wir warten, wir warten ruhig ab, bis das Meer uns frei gibt.’“

Trotz seiner adligen Herkunft (geboren 1855 auf Schloß Paddern in Kurland, heute Lettland) führte Keyserling ein beschwerliches Leben. Wegen einer (finanziellen?) Unkorrektheit von seiner Familie verstoßen, geht er nach Wien und später nach München. Von 1887 an schreibt er über dreißig Romane und Erzählungen, die meisten im S.Fischer-Verlag erschienen. Mit „Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte“ (1903) kommt der Erfolg. In den letzten zehn Jahren seines Lebens erblindet, diktiert er seine Bücher den Schwestern, die ihn pflegen.

Sein Nachruhm ist verhalten, aber stetig. Und als habe er geahnt, dass man ihn eines Tages mit Fontane vergleichen könnte, schrieb er in dem Essay „Menschliches“ (1912) zum Thema Neid: „Bei der Wachsamkeit der Kritik, die beständig die Autoren klassifiziert, über- und unterordnet, dem einen die Unsterblichkeit zuteilt, dem anderen abspricht, da kann der Erfolg des einen allerdings auf den anderen drücken und Bitterkeit erzeugen.“

„Wellen“ kann auch im Internet unter http://de.wikisource.org/wiki/Wellen gelesen werden.

Konrad WELLMANN

 

 

 

 

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