Was haben die HZ und Voltaire gemeinsam?

Ausgabe Nr. 2591

Walther Gottfried Seidner im Publikum beim Stolzenburger Heimattreffen im August 2016, bei dem die restaurierte Orgel eingeweiht wurde.           
Foto: Beatrice UNGAR

Der Stolzenburger Pfarrer und Schriftsteller Walther Gottfried Seidner ist am 26. August gestorben. Zu seinem 80. Geburtstag, den er am 15. März d. J. gefeiert hat, haben die Germanistinnen Andreea Dumitru und Sunhild Galter unter dem Titel „Der siebenbürgische Voltaire“ eine Festschrift herausgebracht, die bei der Tagung „Zwischen Kanzel und Schreibpult. Zum Wirken und Werk von Walther Gottfried Seidner und von Eginald Schlattner“ vorgestellt wird, die am 26. und 27. Oktober d. J. in der Evangelischen Akademie Siebenbürgen stattfinden wird. Im Folgenden veröffentlichen wir vorab den Beitrag der HZ-Chefredakteurin  aus dieser Publikation:

„Weißt Du noch, wie ich Dir vor zwanzig Jahren, also 1998, zum Geburtstag gratuliert habe?“ Diese Frage stellte ich zu dessen 80. Geburtstag am 15. März 2018 dem Jubilar Walther Gottfried Seidner per Telefon. Er erinnerte sich tatsächlich aber er wollte nicht glauben, dass inzwischen zwanzig Jahre vergangen sind. Ehrlich gesagt, fiel es auch mir nicht leicht, mich selbst davon zu überzeugen, wie viel Zeit verflogen war. Damals hatte ich ihm „Alles Gute zum Allersechzigsten“ gewünscht und ich kann mich erinnern, dass er darüber herzhaft gelacht hat…ja er kriegte sich kaum noch ein…

 Damals empfing er im Pfarrhaus in Stolzenburg, das er 1982 bezogen hatte, nachdem er zum Pfarrer gewählt worden war. Zehn Jahre später sagte er in dem aus Anlass seines 70. Geburtstag mit Gerda Ziegler geführten und unter dem Titel „Schon jenseits der Katastrophe…“ in der Hermannstädter Zeitungveröffentlichten Gespräch: „Wie in keiner anderen Ortschaft habe ich in Stolzenburg vor und nach der Wende ein seltsames Heimatgefühl entwickelt, so dass ich auch nach Beendigung meines aktiven Dienstes bis auf Weiteres hier wohnen bleibe, von hier aus meinen Nachfolger Klaus Untch einarbeiten, mich um die Burg kümmern, – und unserer Kirche, sozusagen als Feuerwehrmann, zur Verfügung stehen werde.“ Diese Aussage erinnerte mich an sein Debüt in der Hermannstädter Zeitung. In der Ausgabe vom 9. Mai 1969 veröffentlichte Seidner unter dem Titel „Das Zweimaleins: Heiterer Ehespiegel“ u. a. die Humoreske „Eheliche Feuerwehr“, die später einem seiner Bücher den Titel gab. Zitieren möchte ich als Beispiel für die Humoresken des gewandten „Wortspielers“ – was ihm schon sehr früh den Spitznamen „Voltaire“ einbringen sollte – allerdings den Zweizeiler „Amor am Spinnrad“, der ebendort abgedruckt worden ist: „Mann weiß, die echte Liebe tarnt sich/Und dennoch, was sich gernt das garnt sich.“

Bleiben wir in dem Jahr 1969: Diesem Wortspiel folgt ein weiteres sozusagen auf den Fuß, zu finden ebenfalls in der Hermannstädter Zeitung, in der Ausgabe vom 18. Juli 1969. Es lautet „per-pedes-mobile“ („Auf Reisen“).

Mit dem Mond verbindet Seidner die HZ in der Ausgabe vom 15. August 1969:

„Der Mann im Mond, der gar kein junger,/zeigt Wissensdrang und Bildungshunger;/Er liest zur Horizonterweitung/Seit jüngst die ‚Hermannstädter Zeitung‘“. („Souvenirs vom Mond“)

Kurzweilig zu lesen sind auch die eigentlich außerhalb der normalen Urlaubszeit veröffentlichten Humoresken „Das Zweimaleins: Trostbriefe aus dem Urlaub“ (5. September 1969) und „Eildepeschen von der Küste (nach Hause)“ (26. September 1969).

Zum Abschluss der Ausschnitte aus der HZ sei noch eine Strophe aus der Humoreske „’69 im Rückspiegel“ zitiert, die, wie schon der Titel verlauten lässt, in der letzten Ausgabe des Jahres 1969 erschienen ist: „Wie war das Jahr doch im Vergleich/So taten- und ereignisreich:/In Hermannstadt und ringsumher/Ein kulturelles Kreuz und Quer,/Das heißt, es war als Gross und Ganzes/Ein Jahr des Liedes und des Tanzes./Zugleich erhabener Ideen/und reich gespickt mit Jubiläen;/Doch zum Behuf des Widerhalles/War die HZ in allem Alles./Sie musste Auge sein und Ohr,/So viel kam neunundsechzig vor.“

Humor und Glauben „helfen einem über Katastrophen hinweg“ antwortete 1998 der Sechzigjährige auf die Frage, wie denn Theologie und Glauben zusammengingen. Er fügte hinzu, der Glaube habe ihn 1990, als auch fast alle Stolzenburger nach Deutschland aufbrachen „auch diesmal bestimmt, hierzubleiben, denn die Katastrophe war ja schließlich und endlich doch nicht so eine Katastrophe, wie die Ausgewanderten es gerne hätten haben wollen.“ Und noch etwas: Auf die Frage, wie er sich denn mit sechzig fühle, sagte Seidner 1998: „Eigentlich merke ich das Alter nicht, aber jedesmal, wenn ich es höre, erschrecke ich.“ Warum denn wollte die HZ-Redakteurin wissen. Die Antwort dürfte wohl auch 2018 aktuell sein: „Das ist das Vorurteil. Als Kind hab‘ ich mir gedacht: sechzig Jahre, um Gottes Willen, und jetzt bin ich soweit. Auf jeden Fall: Das Alter ist eine Kinderkrankheit.“

Stimmt durchaus: Jede und jeder muss sie durchmachen…

Ruhe sanft, lieber Voltaire!

Beatrice UNGAR

 

 

 

 

 

 

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