Ausgelacht von tanzenden Omas

Streiflichter vom 25. Hermannstädter Internationalen Theaterfestival

Ausgabe Nr. 2582

Interaktiv und mitreißend: Mit ihrer Show „Travelers“ bewiesen die Schauspielerinnen und Schauspieler vom Teatr Akt aus Warschau den zahlreichen Zuschauern aller Altersklassen in der Heltauergasse, dass eine Reise immer auch eine Zeitreise  ist…
Foto: Adi BULBOACĂ

Satte 12,9 Millionen Euro hat die diesjährige Auflage des Internationalen Theaterfestivals gekostet, um 700.000 Euro mehr als die vorige Auflage. 12.850.000 Lei umgerechnet (rund 2,9 Millionen Euro) sind öffentliche Gelder: acht Millionen Lei kamen von der Stadt Hermannstadt, vier vom Kulturministerium, 600.000 Lei vom Bildungsministerium und 250.000 Lei vom Rumänischen Kulturinstitut. Dazu kam das Geld für die Karten, über 17.000 wurden verkauft, mit Preisen zwischen 15 und 50 Lei. Das heißt, dass im Durchschnitt jedes Event 25.000 Euro gekostet hat, da 525 Events angemeldet waren. Dabei wurde zum Beispiel jede Ausstellung zehn Mal gezählt, wenn sie jeden Tag zu sehen war. Gezeigt wurden Theaterstücke in Sälen und auf den öffentlichen Plätzen, Tanzvorstellungen, Zirkusnummern, Ausstellungen, Konferenzen und sogar Live-Cooking-Shows.

 

Der Wettergott zeigte sich gütig mit dem diesjährigen Theaterfestival, vereinzelte Regenschauer konnten die Shows nicht stören.

Die Zuschauer konzentrierten sich am letzten Wochenende des Festivals eher auf die Straßenshows, in den Sälen gab es bei fast jeder Vorstellung noch in letzter Minute Karten zu kaufen. Umso voller war es in der Heltauergasse und auch auf dem vor Kurzem eröffneten Habermannmarkt, wo eine gute halbe Stunde vor den Shows die meisten Sitzplätze besetzt waren. Da der Platz sehr gut geeignet ist für Eltern mit Kindern, waren die Pantomime-Shows und die Zirkusvorstellungen hier sehr gut besucht.

Gruppenbild auf der Ruhmesmeile an der Oberen Promenade: George Banu, Hideki Noda, Wajdi Mouawad, Isabelle Huppert, Mikhail Baryshnikov, Ioan Holender, die Botschafterin Frankreichs Michèle Ramis, der US-Botschafter Hans Klemm (für Peter Sellars), Constantin Chiriac und Irina Margareta Nistor (v. l. n. r.).                       
Foto: Sebastian MARCOVICI

Neu waren dieses Jahr auch die Live-Cooking-Shows, bei denen ein berühmter TV-Koch auf einer Seite eines Imbisswagens kochte. Parallel dazu kochte ein Volontär das zweite Gericht, allerdings durfte dieser nur das machen, was ihm der Koch per Funk erklärte. Es gab eine Menge Spaß sowohl für die Köche, als auch für die Zuschauer, die bei dieser Gelegenheit wirklich genau mitschreiben konnten.

Seit Jahren werden zum Theaterfestival Flamencotänzer eingeladen, die Fans kamen auch dieses Jahr nicht zu kurz, denn auf der Bühne des „Ion Besoiu”-Kultursaals (dem früheren Gewerkschaftskulturhaus) war die spanische Flamenco-Balletttruppe „De Sangre y Raza” mit dem Stück „Blut und Licht, Flamenco Roots” am Samstag gleich zwei Mal zu sehen. Wie der Titel auch sagt, wurde hier gezeigt, wie der Flamenco-Tanz sich seit seinen Wurzeln im 18. Jahrhundert im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Dazu gab es nicht nur Musik- sondern auch Kostümewechsel. Wenn sich die Ehefrauen (und auch Ehemänner) so schnell umziehen könnten, würden wahrscheinlich mindestens zehn Prozent der Ehen nicht geschieden werden. Die einfache musikalische Begleitung, hauptsächlich Gitarre und Stimme, und die eher spärliche Beleuchtung auf der Bühne, die perfekt die Gesten der Tänzer unterstrich, brachte die Zuschauer immer wieder zum Applaus und vereinzelt konnte man im Saal auch ein „Olé” hören. Weniger vereinzelt war das Aufleuchten eines Handys im Saal, trotz Ankündigung am Anfang jeder Show, dass Bildschirme nicht nur Darsteller, sondern auch Zuschauer stören. Dabei konnte man feststellen, dass eher Erwachsene und ältere Personen dringend“ auf ihrem Handy spielen mussten. Die Zugabe der Show war auch ganz schön, die Tänzer standen im Halbkreis und der eine oder andere Tänzer kam nach vorn und tanzte ein paar Takte, dazu gab es allerdings keine Musik, sondern die Kollegen klatschten den Rhythmus dazu.

Szene aus Ibsens „Klein Eyolf“.                                     
Foto: Paul BĂILĂ

Eine der schönsten Theateraufführungen des diesjährigen Festivals war „Klein Eyolf” von Henrik Ibsen des Norwegischen Nationaltheaters, in der Regie von Sofia Jupither. Das Stück aus dem Jahr 1894 ist auch heute aktuell: Rita und Alfred, die Eltern des behinderten neunjährigen Sohnes Eyolf, sind mit sich selber so beschäftigt, dass sie ihren Sohn vernachlässigen. Das Stück war rumänisch und englisch untertitelt, da brauchten die Zuschauer allerdings nicht jede Zeile zu lesen, um das Stück zu verstehen. Gefesselt folgten sie der Aktion des Stückes, das trotz eines tragischen Unfalls mit einem kleinen Hoffnungsschimmer endete.

Weniger gefesselt waren die Zuschauer bei der Tanzvorstellung der südkoreanischen Eun-Me Ahn- Company mit den „Tanzenden Großmüttern“. Für die Zuschauer, die die erste Hälfte durchhielten, war die zweite Hälfte überraschend gut. Erst kam eine kurzgeschorene koreanische Oma über die Bühne, ging nach vorne und zurück und gab dann etwa neun jungen Tänzern den Platz auf der Bühne frei. Bunte Kleider, bunte Filme im Hintergrund, laute rhythmische Musik, der Anfang war vielversprechend, auch wenn die Omas fehlten und die Tänzer höchstens die Enkelkinder der angekündigten tanzenden Großmüttern sein konnten. Geschlagene 40 Minuten liefen und sprangen diese auf der Bühne irgendwie chaotisch herum, Haare flogen, die Kleider der Männer waren ebenfalls bunt, die Musiksequenz wiederholte sich, die ersten Zuschauer gingen. Nachdem sich die Jünglinge minutenlang auf der Bühne wälzten und weitere Zuschauer gingen, folgte die nächste Szene: ein 15-minütiger Stummfilm. Etwa 50 Omas aus Südkorea wurden gezeigt, wie sie kleine Tanzbewegungen durchführen. Im Saal wurde in den ersten Minuten schallend gelacht, dann konnten nur die Gesichter der verzweifelten Ehemännern die Leute noch zum Lachen bringen. Einige Zuschauer gingen, der Sitznachbar lachte und stöhnte: „Warum… warum… sehe ich das?“. Seine Begleiterin schwieg, ihre Sitznachbarn gingen ebenfalls. Wenn sie es noch einige Minuten ausgehalten hätten, hätten sie auch die Omas erlebt, und zwar live. Erst ein langsamer Tanz, im Hintergrund lief ein Film mit einer Rakete, die Zuschauer lachten wieder auf. Die neun Omas tanzten und setzten sich dann mit dem Rücken zum Publikum. Vor ihnen tanzte ein halbnackter Jüngling, alle – Zuschauer und Omas – applaudierten. Omas und Jünglinge krochen von der Bühne hinunter, drei Omas wurden symbolisch von zwei Jünglingen mit einem Mopp von der Bühne gefegt. Dann kamen alle zurück und tanzten gemeinsam, während der Sitznachbar sich laut fragte, warum er nicht gegangen sei, als er die Chance hatte. Seine Begleitung schwieg beharrlich. Eine Oma kam wieder auf die Bühne, tanzte einen Tango mit kleinen Bewegungen, im Hintergrund ein Filmchen mit einem Pfau, von dem man nur den Kopf sehen konnte. Die Zuschauer lachten. Im Hintergrund lief wieder ein Stummfilm aus Südkorea, das Land scheint wirklich sehenswert zu sein. Die Omas lächelten verlegen und tanzten mit einer beneidenswerten Energie, mal alleine, mal mit der jungen Mannschaft. Wenige Zuschauer lachen, eine Oma rutschte aus, einige stöhnten. Nichts passierte, die Show ging weiter, eine Oma wurde von einem jungen Mann auf die Bühne getragen. Im Hintergrund ein Film mit einer Schildkröte, die Zuschauer lachen. Alle Darsteller kamen mit einem Mikrofon auf die Bühne und lachten die Zuschauer aus. Die Omas zogen sich zurück, die Jünglinge tanzten, und zwar richtig gut. Mit Diskobällen kamen die Omas zurück, zusammen tanzten sie noch ein bisschen, die Show ging zu Ende. Stehapplaus und begeisterte Pfiffe, die Zuschauer wurden auf die Bühne zum Tanzen geladen. Viele machten mit, der Sitznachbar samt Begleitung gingen. Draußen war es zum ersten Mal an diesem Tag kühler als im Saal, es war kurz vor Mitternacht und der vorletzte Tag des Festivals war bis auf die Partys somit zu Ende gegangen.

Die „Tanzenden Omas“ aus Südkorea.     
Foto: Sebastian MARCOVICI

Mit einem Feuerwerk ging auch das diesjährige Theaterfestival zu Ende, die „Spuren” sind aber noch zu sehen, denn auf der Außenmauer des Radu-Stanca-Theaters wird die 6. Auflage der „Orizontal”-Zeitschrift des Künstlers Dan Perjovschi bis nächstes Jahr zu sehen sein. Eine weitere Aktion des Künstlers ist nicht nur zu besichtigen, sondern wird auch weitergeführt: Der Magneten-Himmel vor dem Theater wird da bleiben. Dafür haben bereits viele Personen auf Magnete aus ihren Urlauben verzichtet und sie dem Theater gespendet. Weiterhin werden Hermannstädter und Touristen aufgefordert, entweder Magnete selber am Himmel anzubringen, oder sie in dem Postkasten zu lhinterassen, damit der Künstler sein Werk weiterführen kann.

Ruxandra STĂNESCU

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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