Zwischen Freundschaft und Pflicht

Landespremiere am Radu Stanca-Nationaltheater in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2560

Humajun (Cătălin Pătru) verhaftet seinen Freund Babur (Florin Coșuleț) für seinen Verrat an den Kaiser.                                
Foto: Cynthia PINTER

Wir schreiben das Jahr 1648. Zwei Wächter stehen vor einem steinernen Tor. Sie dürfen sich nicht bewegen und eigentlich auch nicht sprechen, doch der jüngere Babur kann es einfach nicht lassen, seinen Freund Humayun zu ärgern. Erst kommt er zu spät und dann muss er auch noch unbedingt alles erörtern, was an diesem besonderen Tag in seinem Kopf umherschwirrt. Denn heute ist der Tag, an dem nach 16-jähriger Bauzeit Kaiser Shah Jahan der Welt erlaubt, bei Sonnenaufgang zum ersten Mal den Blick auf das fertige Taj Mahal zu werfen. Doch die beiden Wächter müssen nach Osten gen Sonnenaufgang schauen und es ist ihnen unter hoher Strafe verboten, sich umzudrehen. Ein Dilemma für den diensteifrigen Humayun, dessen Vater ein hoher General in der kaiserlichen Armee ist.

 

So beginnt Rajiv Josephs „De veghe la Taj Mahal“ – ein Theaterstück, in dem die beiden Schauspieler Cătălin Pătru und Florin Coșuleț glänzen. Die Premiere fand am Freitag, dem 22. Dezember, in der Regie von Radu-Alexandru Nica auf der Bühne des Radu Stanca-Nationaltheaters statt.

Zweite Szene: Das Steintor hat sich geöffnet und zeigt Körbe voll abgehackter Hände, Babur und Humayun haben ihre Wächteruniformen abgelegt und stehen vor einem tiefroten Hintergrund, der suggestiv für Blut stehen soll. Nach einer Verordnung des Kaisers mussten allen 20.000 Arbeitern und dem Architekten die Hände abgeschlagen werden, damit niemals ein schöneres Bauwerk gebaut werden könne, und diese Rolle fiel den beiden Wächtern zu. Humayun ist vom Ausbrennen der Armstümpfe kurzfristig erblindet und Babur kann mit seinen verkrampften Händen das Schwert nicht mehr loslassen. Autor Rajiv Joseph bedient sich hier einer unbewiesenen Legende, die sich um den Bau des berühmten Bauwerks rankt.

Für Humayun ist es ein furchtbarer Job, der möglichst professionell getan werden muss. Doch für den Träumer Babur, der die Klinge geführt hat, bricht eine Welt zusammen. In einfacher Logik argumentiert er, dass er mit dieser Tat die Schönheit selbst zerstört habe, denn wenn nichts Schöneres mehr erschaffen werden kann, sterbe die Schönheit selbst. Während die Freunde darüber streiten, wer die schlimmere Tat begangen hat, reinigen sie das Verließ und versuchen sich mit imaginären Erfindungen zu übertrumpfen, zum Beispiel einem tragbaren Loch, das man beliebig an Wände kleben und einfach durchklettern kann. Für Heiterkeit sorgte eine lustige und aufklärende Animation des tragbaren Lochs, die von Bühnenbildner Mihai Păcurar geschaffen wurde und die im Hintergrund lief.

Dritte Szene: Beeindruckt von ihrer guten Arbeit befördert der Kaiser die beiden zu seinen persönlichen Leibwächtern im Harem, ein Traumjob für die beiden. Doch Babur steht noch unter Schock und schlägt vor, den Kaiser zu töten. Humayun kann das nicht zulassen und verhaftet seinen Freund. Am Ende muss er, um dessen Leben zu retten, ihm nun selbst die Hände abhacken.

„De veghe la Taj Mahal“, im Original „Guards at the Taj“, ist mit viel Sinn für absurden Humor geschrieben und ist voller philosophischer Metaphern: das Wesen von Schönheit, Freundschaft und Pflicht stehen im Zentrum dieses Albtraums aus tausendundeiner Nacht. Die absolute Premiere des Theaterstücks fand 2015 im Atlantic Theatre in New York statt und in Europa wurde es im Mai 2017 im Londoner Bush Theatre inszeniert. In Rumänien wurde es jetzt erstmalig im vollen Theatersaal in Hermannstadt inszeniert und mit minutenlangem Stehapplaus belohnt.

Die nächste Vorstellung von „De veghe la Taj Mahal“ findet am Freitag, dem 12. Januar, um 19 Uhr statt.

Cynthia PINTER

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Theater.