Einer für alle und alle für einen

Streiflichter vom 15. interkulturellen Festival ProEtnica“ in Schäßburg
Ausgabe Nr. 2543

 

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Vom 17.- 20. August fand die 15. Auflage des interkulturellen Festivals „ProEtnica” in Schäßburg statt. 20 in Rumänien lebende ethnische Minderheiten zelebrierten gemeinsam Freundschaft und Vielfalt. Die Besucher konnten sich auf ein großes Spektrum künstlerischer Darbietungen, Workshops, Ausstellungen und Vorträge freuen.

 

So wie jedes Jahr im späten August seit der ersten Ausgabe von ProEtnica im Jahre 2001, war die Altstadt Schäßburgs letztes Wochenende erfüllt mit folkloristischen Klängen und dem Geruch fritierten Teiges. Auf den Straßen, die von Marktständen gesäumt waren, wurde ausgiebig geschlendert und die angebotenen Waren bestaunt. Auf dem Burgplatz erfreute man sich an den Tanzaufführungen der Vereine, die aus allen Teilen des Landes angereist waren. Die Bühne lud ein, etwas zu verweilen und das bunte Treiben in traditionellen Trachten zu beobachten. Auch Hermannstadt war im Programm vertreten, denn das Jugendforum stellte am Freitag die siebenbürgisch-sächsische Kultur mit seiner Tanzgruppe vor. Ansonsten präsentierten sich Tanz- und Gesangsgruppen von früh bis spät auf der Bühne, allerdings auch mit Präsentationsständen, Handwerksständen, und in Workshops.

So zeigte der Ungarnverband in Rumänien Kunsthandwerk aus Maisblättern und die Uni on der Armenier in Rumänien die Herstellung von Schmuck.

Auch präsentierten Gegenwartskünstler aus den Reihen der nationalen Minderheiten eine gemeinsame Kunstausstellung. Darunter eine Fotoausstellung zum Thema Multikulturalität vom Verein der Albaner aus Rumänien und bildende Kunst von mazedonischen und Roma-Künstlern.

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Jeden Abend fanden sich die Tanzgruppen und Vereine zusammen und liefen in der „Parade der ethnokulturellen Vielfalt” durch die Straßen. Am späteren Abend sorgte am Samstag das Zuralia-Orchester für gute Stimmung und Tanz. Zum feierlichen Abschluss des Festivals trat der beliebte Hermannstädter Schlagersänger Ricky Dandel auf dem Burgplatz auf.

Dass allerdings ein Stückchen abseits von Biergärten und Langosständen auch über politische Themen doziert und diskutiert wurde, stand nur im Bewusstsein weniger Gäste, die die Meile besuchten.

Im Barocksaal des Rathauses hatten die Veranstalter in Kooperation mit Vertretern von einer Vielzahl von Vereinen mit beeindruckendem Organisationstalent ein Programm von Podiumsdiskussionen, runden Tischen und Vorträgen aufgestellt.

Zum Auftakt des Festivals am Donnerstag diskutierten Irina Cajal Marin, Staatsekretärin im rumänischen Ministerium für Kultur und Nationale Identität, Carol König, Berater im rumänischen Kulturministerium, Alexandru Cîmpeanu, stellvertretender Kreisratsvorsitzender, Ovidiu Mălăncrăveanu, Bürgermeister von Schäßburg, Monica Kovats vom Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart, Mizsei Kálmán, früherer UN- Untergeneralsekretär und Vizepräsident des Roma-Programms OSI, Měto Nowak vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Maria Koreck von dem Divers-Verein und Volker Reiter vom Inter-
ethnischen Jugendzentrum Schäßburg, über das Thema: „Friedensförderung durch den Schutz nationaler Minderheiten in Europa?”

Am Freitag stellte Monica Kovats das Institut für Auslandsbeziehungen vor. Vor schon 100 Jahren wurde das ifa gegründet. Im Ersten Weltkrieg sah es sich als „Werk des Friedens mitten im Krieg“. Heute unterstützt es Auslandsdeutsche, Kultur und Zivilgesellschaft im Ausland, so auch in Rumänien mit Sitz in Temeswar. Monica Kovats stellte nicht nur die allgemeinen Aufgaben des ifa vor, sondern präsentierte auch Projekte, die in Temeswar anlaufen. So zum Beispiel eine Kinder-Stadt, in der Kinder arbeiten, Häuser bauen, heiraten und Steuern zahlen: alles nach deutschem Vorbild. Auch andere Projekte werden gut von allen Teilen der Bevölkerung angenommen. Die Aktionen sind nicht nur für die deutsche Minderheit bestimmt, sondern alle Interessierten sind immer herzlich eingeladen, teilzuhaben. So wie es auch beim ProEtnica der Fall ist: Einer für alle und alle für einen.

Zudem gab es im Anschluss noch einen Vortrag von Gabriela Nicolau vom Infopunkt Europa für Bürgerinnen und Bürger zu Fördermöglichkeiten durch ein EU-Programm in den Bereichen Kultur, Geschichte und Europa. Die Zuhörer waren gespannt darauf zu erfahren, welche Möglichkeiten zur EU-Förderung in diesem Programm möglich wären und stellten angeregte Fragen zum komplexen Bewerbungsverfahren um die EU-Mittel. Wieder war abzulesen, das keine Mühen gescheut werden, um die Kulturlandschaft Rumäniens noch reicher an Veranstaltungen werden zu lassen.

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Das wissenschaftliche Programm des Samstags stand ganz im Zeichen der Roma-Minderheit. Es ging um Wissen, Umgangsweisen, Forschung und Engagement. Der Runde Tisch der dem Kulturministerium unterstellten Regierungsorganisation CNCR Romano Kher (Nationales Zentrum für die Roma-Kultur) fand besonders viel Anklang. Zuerst stellten die Mitarbeiter ihre Arbeit vor. Bücher zu Geschichte und Kultur der Roma wurden vorgestellt, aber auch Belletristik gab es. Wie erwartet blieb auch eine Diskussion über Selbst- und Fremdbezeichnung der Minderheit nicht aus. Diese verlief wohl kontrovers, aber alle Meinungen hatten Raum um diskutiert und reflektiert zu werden. Das lag vor allem an dem souveränen Auftreten der Mitarbeiter von CNCR Romano Kher, die sehr erfahren die Wortbeiträge aufnahmen, sortierten und dann Rede und Antwort standen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, die Kulisse, sowie das Programm des Festivals wurden dem pluriethnischen Antlitz der Veranstaltung mehr als gerecht. Eine Anmerkung möchte unsere Redaktion jedoch machen: Kultur und Wurzeln lassen sich durch kaum etwas wie traditionelle Küche derartig eindrucksvoll vermitteln. Die Essenstände stellten die Verpflegung der Besucher sicher, doch das kulinarische Angebot des Marktes widerspiegelte kaum die kulturelle Vielfalt des umfassenden künstlerischen Programmes. Die teilnehmenden Gruppen würden sich sicher gerne bereit erklären, einen kulturtypischen Beitrag zur kulinarischen Landschaft des ProEtnica zu leisten, um mit uns ihre Kultur noch besser teilen zu können.

Auch in diesem Jahr war das ProEtnica Festival ein voller Erfolg und man kann nur gespannt sein auf die 16. Auflage der Veranstaltung des Interethnischen Jugendbildungszentrum e. V. Allen voran ist das unermüdliche Engagement von Volker Reiter und Alex Modoi zu erwähnen, mit denen die Organisation mit den vielfältigen Anforderungen reibungslos verlaufen ist.

Laura ECKHARDT

Emeli GLASER

 

 

Foto 1: Beim interaktiven Tanzen auf dem Burgplatz reihte sich ein Tänzer der mazedonischen Minderheit in die siebenbürgisch-sächsische Tanzgruppe des Hermannstädter Jugendforums ein.                                      

Foto: proetnica.ro

 

Foto 2: Ein Höhepunkt des Festivals war der gemeinsame Auftritt der Bucharest Klezmer Band und der Schauspielerin und Leiterin des Jüdischen Staatstheaters Bukarest, Maia Morgenstern (am Mikrophon), am Freitagabend, gefolgt von dem Stück Von Caragiale bis Shalom Alechem“, alles Beiträge der Föderation der jüdischen Gemeinschaften aus Rumänien.  

Foto: proetnica.ro

 

Foto 3: Das Nationale Zentrum für die Romakultur (CNRC) präsentierte nicht nur Publikationen und Handwerkerstände sondern veranstaltete auch Workshops. In einer unserer nächsten Ausgaben bringen wir eine ausführliche Reportage über die Tätigkeit dieser Einrichtung. Unser Bild: Ein Roma-Silberschmied zeigt einer Kundin einen Ring.

Foto: CNRC Romano Kher

 

 

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