„Erstaunlich gut geschrieben“

Eva Pauls Buch „Weder Tod noch Leben. Eine siebenbürgische Lebensgeschichte“
Ausgabe Nr. 2529

 

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Wer dieses Buch nicht von vorneherein weglegt, weil es ihm zu „sektiererisch“ scheint, sondern der Reihe nach liest, kann zunächst staunen, wie gut es geschrieben ist. Wie in einem Roman werden zunächst zwei Familiengeschichten parallel erzählt. Der junge Tischler Hans in Neudorf hat nach seiner Heimkehr aus dem ersten Weltkrieg seine Jugendliebe geheiratet, obwohl sie an fortgeschrittener Tuberkulose leidet. Er hat diese Ehe gegen den Einspruch seiner Eltern und die Meinung des Dorfes durchgesetzt und sorgt in rührender Weise für seine kranke Frau, während er eine Werkstatt aufbaut und sein Handwerk erfolgreich betreibt. Seine Frau bringt trotz ihrer Krankheit zwei Kinder zur Welt, die er überaus liebt.

 

 

Nachdem aber sein Töchterchen und danach auch seine Frau gestorben sind, erinnert er sich an eine Familie in Brünn, die ihn während des Krieges durch das freie Gebet von Eltern und Kindern beeindruckt hatte. Das waren Adventisten gewesen und Hans findet nun schrittweise den Weg zu dieser Gemeinschaft. Im Dorf gilt er als Außenseiter, kann sich aber als Tischler durchsetzen. Er lebt als Witwer und erzieht seinen kleinen Jungen liebevoll.

Am Rand von Waldhütten wohnt eine mittellose junge Familie in einem aufgelassenen Gasthaus und bearbeitet in Pacht den dazugehörigen Ackergrund. Das dreijährige Mädchen Susi wiegt ihr Brüderchen und rührt in der Suppe, während die alte Großmutter dabei sitzt und wacht. Die Mutter ist meistens auf dem Feld und kommt nur nach Hause, wenn der Kleine gestillt werden muss. Später kommt noch ein Kind nach dem andern hinzu, bis es zuletzt elf sind. Die harten Verhältnisse dieser armen Bauernfamilie werden in starken Strichen ohne jeden Hauch von Verklärung dargestellt, doch erkennt der kundige Leser sehr wohl die siebenbürgischen Verhältnisse der Zwischenkriegszeit. Zum Verständnis des zeitgeschichtlichen Hintergrundes werden Erläuterungen eingeblendet. Es ist ja nicht ein Roman, sondern die wirkliche Lebensgeschichte einer Frau, die sich heute in ihrem siebenundneunzigsten Jahr der dargestellten Ereignisse noch klar erinnert. Zuweilen fragt man sich, ob die harten Linien der Erzählweise nicht doch etwas übertrieben sind, etwa die Zumutung an das Schulkind, schon im ersten Schuljahr in einem fremden Haus zu wohnen und bis gegen Mitternacht im Haushalt zu dienen, sowie der Abbruch der Schule nach der vierten Klasse, um als Dienstmädchen im Nachbardorf zu leben, bis hin zum Dienst der 15-Jährigen in der ihr völlig fremden Großstadt Bukarest, wo sie unter dem sozialen Dünkel ihrer Dienstherrschaft leidet. Diese Verhältnisse entsprechen nicht dem Idealbild, das sich viele Sachsen von ihrer Vergangenheit machen, aber es hat sie wirklich gegeben. Ein Ruhepunkt im Leben des Kindes sind die Sonntage, an denen der Vater die Kinder um den Tisch versammelt und ihnen biblische Geschichten vorliest. Bei ihrer Konfirmation kann Susi keine Tracht tragen, weil das Geld für diese teueren Kleider nicht reicht. Sie meidet deshalb die Gemeinschaft der Dorfjugend und zieht sich immer mehr in sich selber zurück. Ihr schlichtes Gemüt setzt die Erwartungen an das Leben nicht zu hoch und wenn sie sich fürchtet, hilft ihr das stille Gebet. Sie sucht auch Trost in der Bibel und stößt dabei auf Aussagen, die sie nicht versteht. Schließlich findet sie freundliche Aufnahme und einen gut bezahlten Dienst im Haus des Bezirksrichters Lazăr in Elisabethstadt. Ihre innere Einsamkeit treibt sie, eine lebendige Gemeinschaft des Glaubens zu suchen. Beim evangelischen Pfarrer und beim baptistischen Prediger kommt sie mit ihren Fragen zur Bibel nicht recht an, die Zeugen Jehovas sind ihr zu einseitig, die Pfingstler zu enthusiastisch. Schließlich lernt sie den viel älteren Witwer Hans aus Neudorf kennen, in dessen Haus sich eine kleine adventistische Gemeinde gebildet hat und bald zieht sie als tüchtige Hausherrin auf diesem stattlichen Hof ein. Es ist Januar 1942.

Der zweite Teil des Buches erzählt Susis Leben weiter bis zum Jahr 1961. Er setzt sich schon rein äußerlich vom ersten Teil ab, weil die Autorin – es ist Susis Enkelin – hier auch die Großmutter selbst nach Tonbandaufnahmen zu Wort kommen lässt, was eine Bereicherung mit dokumentarischem Wert bedeutet. Diese weitere Lebensgeschichte ist mit der Vergrößerung der Adventgemeinde in Neudorf aufs Engste verbunden, wobei die sichtbaren Zeichen der Zugehörigkeit zu dieser Glaubensgemeinschaft die Heiligung des Sabbat und die Taufe in einem Fluss (in diesem Fall die Kokel) sind. In diesem Zusammenhang kommen hinfort auch Diskussionen um Fragen aus der Offenbarung des Johannes, dem Buch Daniel und dem dritten Buch Mose zu Wort, die für das Selbstverständnis der Adventisten des Siebenten Tages von besonderer Bedeutung sind. Dazu bietet der politische Hintergrund der Jahre nach 1942 eine Fülle brisanter Fragen wie die Einberufung zur Waffen-SS, die Verfolgung der Freikirchler im Antonescu-Regime, der Frontwechsel Rumäniens im August 1944, die Deportation der Deutschen im Januar 1945, die Enteignungen der deutschen Bauern. Später begleiten weitere brennende Ereignisse den Lebenslauf, wie Geldumwechslung, Kollektivierung und Aufbau des Sozialismus bis hin zum Bau des Donau-Schwarzmeerkanals. Leider enthalten die historischen Erklärungen eine Reihe von Ungenauigkeiten und auch die dargestellten Erlebnisse erscheinen zum Teil überhöht und gewinnen stellenweise legendären Charakter, was im ersten Teil des Buches nicht aufgefallen war. Im Fortgang der Lebensgeschichte wird erzählt, wie Susi sich mit Kneippkur und Naturheilmitteln vertraut macht und im Dorf, da es keinen Arzt gibt, vielfach hilfreich sein kann. Alle Eingriffe begleitet sie mit Gebeten, die ihr ein Bedürfnis sind und zugleich eine wichtige Hilfe bieten. Nebenbei erfahren wir Einzelheiten des ländlichen Lebens, etwa wie man Hanf anbaut, erntet, einlegt und weiter behandelt bis zum Spinnen und Weben. Es ist unterhaltsam zu lesen, wie ihre Tochter und deren Freundin sich in Vaters Werkstatt spielend in einen Sarg legen, der dann zu ihrem Schreck mit ihnen verkauft wird.

Aufschlussreich für die besondere Geschichte freikirchlicher Gruppen ist die Flucht der Familie vor den Schikanen eines Parteibonzen, ihr mehr als zweijähriger Aufenthalt in Agnetheln und die Einrichtung eines neuen Versammlungshauses dort. Besondere Schwierigkeiten bereitet den Adventisten die Sabbatheiligung, an der sie unbeirrt festhalten. Die Kinder haben Schwierigkeiten mit der Schule, der sie samstags konsequent fernbleiben. Nach der Heimkehr aus Agnetheln arbeitet Hans wieder in seiner Werkstatt, nun aber ohne Gesellen. Susi hilft ihm gelegentlich, doch arbeitet sie regelmäßig in der Kollektivwirtschaft, wo auch die Kinder früh zur Arbeit herangezogen werden. Um diese Zeit wird die kleine Rosina geboren, Susis fünftes Kind, das alle lieben und auch für die Nachbarn der Sonnenschein ist. Als dieses Kind sechs Jahre alt ist, macht sich ein angeborener Herzfehler bemerkbar. Rosinas Krankheit und Tod wird ergreifend geschildert, zugleich auch wie Eltern und Geschwister den tiefen Schmerz im Glauben annehmen, wird glaubhaft erzählt. Damit endet das Buch im Jahr 1961, obwohl Susi heute noch lebt. Die Familie ist nach 1980 ausgewandert.

Im Jahr des Reformationsjubiläums, da immer wieder auch von ökumenischer Offenheit die Rede ist, sollten wir bedenken, dass auch die Freikirchen, die bei uns Neuprotestanten genannt werden, letztlich aus der Reformation hervorgegangen sind. Darüber hinaus kann es anregend sein, eine siebenbürgisch-sächsische Glaubens- und Lebensgeschichte, von einem uns ungewohnten Standort betrachtet, kennen zu lernen.

Wolfgang H. REHNER

 

Eva Paul: Weder Tod noch Leben. Eine siebenbürgische Lebensgeschichte. Advent-Verlag Lüneburg 2017, 336 Seiten, ISBN 978-3-8150-1966-5.

 

 

 

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