„Jetzt seid ihr überflüssig geworden“

Die Reformation in Siebenbürgen (I) / Von Wilhelm Andreas BAUMGÄRTNER
Ausgabe Nr. 2523
 

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Die Ursachen der Reformation waren in Siebenbürgen kaum andere als im restlichen Europa, vor allem in Deutschland. Die Menschen waren mit dem Zustand der Kirche höchst unzufrieden. Die Verweltlichung der Kirche und das Gewinnstreben ihrer Priester führten zu einer Entfremdung von den Menschen, deren Bedarf an Spiritualität sie immer weniger befriedigen konnte.

Viele fühlten sich vom Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Lebenswandel der Priester, vom Ämtermissbrauch, der religiösen Überreglementierung im Alltag, dem Ablasshandel, dem weltlichen Verhalten vieler Bischöfe und der Päpste (die mehr Heerführer und Politiker waren als Seelenhirten) abgestoßen. Bischöfe und Päpste wetteiferten mit weltlichem Adel und Königen im Prunk ihrer Hofhaltung. Um ihre Kosten zu decken, strebten sie nach vermehrtem Gelderwerb.

 

Der unmittelbare Anlass der Reformation war der von Erzbischof Albrecht von Brandenburg in Absprach mit Papst Leo X. eingeführte Ablasshandel. Das heißt, Menschen konnten sich gegen einen gewissen Geldbetrag von ihren Sünden loskaufen, um damit dem späteren Fegefeuer zu entgehen. Das betraf sogar schon Verstorbene, die man damit aus dem Höllenfeuer loskaufen konnte. Dahinter stand die theologische Begründung, Jesus Christus, seine Apostel und die vielen Heiligen, hatten so viele gute Taten vollbracht, mehr als zu ihrem Heil notwendig gewesen wäre, so dass ein gehorteter Überschuss entstanden war, für den der Papst den Schlüssel besitze. Gegen Geld könne er die Menschen daran teilhaben lassen.

Wie der Ablassprediger Johann Tetzel aus Sachsen predigte, war es möglich, für 18 Kreuzer eine arme, sündige Seele aus dem Fegefeuer zu retten. Jede Sünde hatte ihren Tarif. Die Befreiung eines Kirchenräubers kostete neun Dukaten, eines Mörders nur acht Dukaten.

Dem widersprach der Augustinermönch und Theologieprofessor aus Wittenberg, Martin Luther. Seiner Meinung nach ist die Demut des Menschen vor Gott der Schlüssel zu seiner Erlösung. Zwischen Menschen und Gott sei eine Trennlinie gezogen, sagte er, die zu überschreiten ein Frevel sei. Indem die Päpste sich anmaßten, anstelle Gottes über das Seelenheil der Menschen zu entscheiden, überschritten sie diese Grenze.

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Ähnlich wie den Ablasshandel schätzte er auch den damals üblichen und sehr lukrativen Handel mit Reliquien ein. Splitter aus dem Kreuz Christi, angeblich Knochen von Heiligen und Märtyrern, Erde vom Grab des Herren galten noch heilsbringender als Gebete und persönliche Frömmigkeit. Luther aber verkündete, dass in der Beziehung der Menschen zu Gott es keine Vermittler bedürfe, keine Heiligen und auch keine Reliquien. Der Mensch könne jederzeit sich an seinen Schöpfer wenden.

Luther verbreitet seine Lehren durch seine Schriften, die Dank des seit kurzem erfundenen Buchdrucks eine rasante Verbreitung fanden. Siebenbürgische Händler kauften auf ihren Handelsreisen in Deutschland diese Schriften und brachten sie nach Siebenbürgen. Hier fanden sie interessierte Leser. Aus dem anfänglichen Interesse einiger weniger entstand in kurzer Zeit eine wahre Bewegung, die in Hermannstadt 1520 ins öffentliche Blickfeld trat. Ab diesem Zeitpunkt setzten nämlich die Klagen, Drohungen und Verbote der kirchlichen Stellen ein.

Die fruchteten nichts, weil die Stimmung in der Bürgerschaft bereits derart antiklerikal aufgeladen war, dass selbst höchste geistliche Autoritäten kaum noch beachtet wurden. In Hermannstadt kursierten im Jahre 1524 Spottgedichte und Schmähschriften gegen die Geistlichkeit in der Stadt. Man fand sie an verschiedenen Plätzen der Stadt über Nacht angebracht. Zwei dieser Werke, die in Latein geschrieben wurden, sind erhalten geblieben. In dem einen heißt es: „Der Heuchler Simones möge umkommen/Den Gastwirten die Gewinne wegbrechen/Den Huren sich niemand mehr nähern…./Papistische Sekte mit verlogenem Leben/Besinne dich und korrigiere deine Fehler…“ In dem anderen: „Geht ihr Mönche feist,/Voll fetter Pfründen zumeist,/In Überfluss schwamm euer Orden,/Jetzt seid ihr überflüssig geworden.“ Das klingt für heutige Ohren recht zahm und zurückhaltend, für die damalige Zeit aber war es ein Affront, ein Skandal.

Als Autor dieser Schriften wurde der Schulrektor Johann Mild verdächtigt. Er wurde vor das geistliche Gericht geladen, doch ihm konnte die Urheberschaft nicht nachgewiesen werden. Das Gericht verurteilte ihn trotzdem zu einer Geldstrafe von 40 Gulden. Darüber war Mild derart erbost, dass er den Schuldienst quittierte, damit seinem Dienstherren, der Kirche, kündigte und die Stelle als Notar im Dienste der Stadt antrat. Damit wird deutlich, dass es zwischen geistlichen und weltlichen Autoritäten zu einem Gegensatz gekommen war, der manchmal zu einem offenen Machtkampf ausartete.

Aus einer Klageschrift des Hermannstädter Dechanten Petrus Thonhäuser an den Graner Erzbischof Ladislaus Szalkai erfahren wir, dass der Magistrat beim Stadtpfarrer die Zulassung evangelischer Predigten durchgesetzt habe. Die ersten evangelischen Prediger waren die Schlesier Ambrosius und Conrad Weich. Sie und die noch weiter folgenden Prediger, wie ein gewisser Georgius, ein abgefallener Mönch aus dem Luther-Umkreis in Wittenberg, fanden in der Bürgerschaft begeisterte Aufnahme. Vor allem die Kaufleute überboten sich mit Einladungen. Die Folge war Respektlosigkeit gegenüber der Geistlichkeit. So zum Beispiel blieben die bisher üblichen Segnungen der Lebensmittel zu Ostern aus, die Priester erhielten keine Geschenke mehr und statt der ihnen zustehenden „Zehnthühner“ gab es Schmähungen.

Dechant Petrus Thonhäuser beschwerte sich, dass der Magistrat nicht dagegen einschritt, ja diese Entwicklung sogar unterstützte. Er nannte vor allem den Ratsnotar Johannes Hecht, der habe in seinem Haus sogar eine evangelische Schule eingerichtet. Da würde das nicänische Glaubensbekenntnis in deutscher Sprache verkündet, die Messe ebenfalls in deutscher Sprache gelesen und das Abendmahl in beiderlei Gestalt (Brot und Wein) ausgeteilt. Daran würden sogar der Bürgermeister, der Ex-Bürgermeister und Ratsmitglieder teilnehmen. Der Verzicht auf die lateinische Sprache war für die Kirche eine Provokation, denn erst seit dem 2. Vatikanischem Konzil von 1962 wurde die lateinische Messe ersetzt und in der jeweilige Nationalsprache gelesen.

Es sei sogar so weit gekommen, schrieb Thonhäuser, dass der Stadtrat den Pleban gezwungen habe, die Kanzeln der Kirchen für die lutherischen Prediger zu räumen. Und dieser Zustand beschränkte sich nicht allein auf Hermannstadt, sondern betraf auch die umliegenden Gemeinden.

Erzbischof Szalkai hat diese Klageschrift an König Ludwig II. weitergeleitet. Der König schrieb daraufhin am 19. Juli 1526 einen besonders harschen Brief an den Hermannstädter Königsrichter Markus Pempflinger und forderte ihn darin auf, energische Schritte gegen die Luther-Anhänger zu unternehmen, sonst würde er Amt und Vermögen verlieren. Dieser Brief blieb folgenlos, denn im August 1526 fielen die Türken mit einem riesigen Heer in Ungarn ein. Am 29. August 1526 kam es zur Schlacht von Mohatsch, in der die Ungarn vernichtend geschlagen wurden und in der auch König Ludwig II. sein Leben verlor. Diese Tragödie, die die Vernichtung des ungarischen Staates bedeutete, rettete die Evangelischen. Da es jetzt keine staatliche Macht gab, die der katholischen Kirche Hilfe leisten konnte, war sie dem Wind der Veränderung schutzlos ausgesetzt.

 

Die Ausstellung „Reformatio Transilvaniae 500 – Sakrale Räume und Symbole im Wandel“ wurde am Dienstag im Friedrich Teutsch-Begegnungs- und Kulturzentrum eröffnet und ist daselbst bis zum 10. November d. J. zu besichtigen. Unser Bild: Heidrun König, Leiterin des Landeskirchlichen Museums, und Kuratorin der Ausstellung, stellte bei der Vernissage u. a. den Konfessionsaltar aus Dobring von 1629 vor.            

Foto: Fred NUSS

 

Wilhelm Andreas Baumgärtner: In den Fängen der Großmächte. Siebenbürgen zwischen Bürgerkrieg und Reformation, Schiller Verlag Hermannstadt – Bonn, 2010, ISBN 978-3-941271-44-9

 

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