„Theologie muss gesellschaftsrelevant seinˮ

Streiflichter vom Stationenweg Hermannstadt zum 500. Reformationsjubiläum
Ausgabe Nr. 2515
 

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Die Schweizer Theologin und Philosophin Christina Aus der Au sagte „Theologie muss gesellschaftsrelevant sein“, Rumäniens Botschafter in Berlin, Emil Hurezeanu, die Reformation habe die Kirche auf den Boden der Tatsachen gestellt, MP Ovidiu Ganț wünschte sich „mehr Diakonie und weniger Massenveranstaltungen mit Krautwickeln“ von den Kirchen. Dies waren nur einige Wortmeldungen im Rahmen des Rundtischgesprächs zum Thema „Reformation heute – Reform heute“, das am Samstag im Spiegelsaal des Hermannstädter Deutschen Forums stattgefunden hat.

 

Es war der Auftakt des zweiten Tages im Rahmen der Veranstaltungen rund um die Station Hermannstadt, die einzige Station in Rumänien auf dem Europäischen Stationenweg zum 500. Reformationsjubiläum, der von einem Geschichtenmobil zurückgelegt wird, das in Hermannstadt von Freitag bis Sonntag auf dem Großen Ring Halt machte. Insgesamt 67 Städte soll dieses Mobil unter dem Motto „Stories on the Road“ verbinden und Geschichten sammeln. Endstation ist die Weltausstellung in der Lutherstadt Wittenberg.

Zu verdanken war der Hermannstädter Aufenthalt Elfriede Dörr, der Beauftragten der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien (EKR) für das unter dem Motto „Christus lädt dich ein“ stehende Reformationsjubiläum, die das Rundtischgespräch moderierte, an dem selbstverständlich auch EKR-Bischof Reinhart Guib teilgenommen hat. Guib hatte übrigens in seinem Wort zum Jahreswechsel geschrieben: „So lasst uns 2017 nicht nur 500-jähriges Reformationsjubiläum feiern, sondern der Reformation des Herzens und des Geistes in uns Raum geben und sie in die Welt hinaustragen“. Etwas von dieser Herzens-Reformation spürten die Anwesenden bei dem Herz erwärmenden Konzert am Samstagabend in der evangelischen Stadtpfarrkirche, bei dem es Judy Bailey und ihrem Gatten gemeinsam mit dem Jugendchor und dem Orchester der evangelischen Kirchengemeinde A. B. Hermannstadt gelang, das zahlreiche Publikum sogar zum Tanzen zu bewegen. Bei der Kälte war es wohl auch nicht so schwer. Einen entscheidenden Beitrag leisteten die Stadtkantorin Brita Falch-Leutert und der Musikwart Jürg Leutert, die für einen Großteil der Lieder von Judy Bailey das Arrangement verfasst hatten. Das Lied „Klüger“ ertönte denn auch im Jubiläumsgottesdienst am Sonntag in der Stadtpfarrkirche.

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Die eigens aus Berlin angereiste Pfarrerin Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, erzählte in ihrer Predigt zu Matthäus 14 über ihre Kindheit in der DDR, in einem „Meer von Atheismus“. Besonders angetan habe es ihr ein Bild in der Petruskirche in Petershagen, das Jesus und Petrus zeigt und bei dessen Ansicht ihr bewusst geworden sei, was auch heute aktuell ist: „Wir sitzen gemeinsam in einem Boot, das auf einem Meer der Sorgen treibt. (…) Ohne Glauben saugen sich unsere Gewänder voll mit dem Wasser des Zweifels und wir gehen unter. Gottes Hand rettet und hält.“

Grußworte im Gottesdienst sprachen Heidrun Schnell vom Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland, die sich als gebürtige Neppendorferin freute, dass das Geschichtenmobil hier Station machte, und Pfarrer Bernd Brigge von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde aus Venedig. Zum Abschluss des Gottesdienstes erteilte Elfriede Dörr zwei Vertreterinnen des Freiwilligen-Teams des Geschichtenmobils den Reisesegen und die Gottesdienstteilnehmer wurden am Ausgang persönlich begrüßt von Dechant Dietrich Galter, Pfarrerin Ellen Ueberschär und Bischof Reinhart Guib. Einige besuchten das Geschichtenmobil, wo sie verschiedene Informationen zum Thema Reformation erfahren, aber auch ihre eigenen Gedanken zur Frage, ob man vorauschauend sein kann, wenn man zurückblickt (Can I be farsighted by looking back?) äußern konnten.

Die Ankunft des Geschichtenmobils an seiner östlichsten Station war am Freitagabend gefeiert worden. Zunächst läuteten um 17 Uhr die Glocken der evangelischen Stadtpfarrkirche und in der Aula der Brukenthalschule begrüßte Elfriede Dörr die Gäste und stellte das Team von Radio Bruk vor, das von drei Zehntklässlern vertreten war, die davon erzählten, was sie bei der Produktion der Sendung zum Thema „500 Jahre Reformation“ erlebt hatten. Die Sendung war am 10. September 2016 ausgestrahlt worden, kann aber immer noch als Podcast auf der Internetseite www.radiobruk.ro gehört werden. Den Vertretern des Geschichtenmobils gab Elfriede Dörr auch einen kurzen Film über die evangelische Kirchengemeinde in Hermannstadt mit auf den Weg, der dann ebenfalls bei der „Weltausstellung Reformation“, zu sehen sein wird, die vom 20. Mai bis 10. September in der Lutherstadt Wittenberg zu sehen sein wird. In dem Film wird auch darauf hingewiesen, dass Hermannstadt 2007 nicht nur Europäische Kulturhauptstadt in Partnerschaft mit Luxemburg und der Großregion sondern auch Gastgeber der Dritten Europäischen Ökumenischen Vollversammlung gewesen sei.

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Sechs Neuerscheinungen zum Reformationsjubiläum wurden im Anschluss an das Rundtischgespräch am Samstag im Bischofspalais vorgestellt: „Der Kleine Katechismus Dr. Martin Luthers (1529) ergänzt mit Erklärungen aus dem griechischen Katechismus des Kronstädters Valentin Wagner (1550)“ (Auswahl, Überprüfung am griechischen Text und Adaption: Hans Klein und Hermann Pitters, Honterus-Verlag), „Honterus spricht zu uns“ (Zitate von Johannes Honterus, ausgewählt von Hans Klein, illustriert mit Fotos von Friedrich Philippi, Ovidiu Sopa, Peter Simon und Anselm Roth, Schiller-Verlag Hermannstadt-Bonn), „Die Reformation im siebenbürgischen Sachsenland“ (nach Veröffentlichungen der Bischöfe Daniel Georg Neugeboren, Georg Daniel Teutsch und Friedrich Teutsch, Herausgeber Wolfgang H. Rehner, Honterus-Verlag), „Die beiden Säulen unserer Gemeinschaft. Kirche und Schule der Siebenbürger Sachsen im 16. Jahrhundert“ (Herausgeber Hans Klein und Hermann Pitters, Honterus-Verlag), „In causa fidei. Die dem König Ferdinand vorgelegte Verteidigungsschrift des späteren ersten evangelischen Bischofs der siebenbürgisch-sächsischen Kirche“ von Paul Wiener (Adaption und Einführung: Hermann Pitters, Honterus-Verlag) und „Glaubensgeschichte. Siebenbürgische Beiträge zum 500. Reformationsjubiläum“ (Herausgeber: Hans Klein und Hermann Pitters, Honterus-Verlag). Alle sechs Bücher wurden gedruckt mit der finanziellen Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Rumänischen Regierung durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien und das Demokratische Forum der Deutschen in Hermannstadt.

Bei einem Empfang in der Aula der deutschen Charlotte Dietrich-Schule in Hammersdorf richtete Hermannstadts Bürgermeisterin ein kurzweiliges Grußwort an die Anwesennden, aus dem wir zitieren: „Wer war wohl vor 500 Jahren Bürgermeister von Hermannstadt? Diese Frage fiel mir zunächst ein, als ich gebeten wurde, im Rahmen der Station Hermannstadt des Europäischen Stationenwegs zum 500. Reformationsjubiläum ein Grußwort zu sprechen. Ich griff zu der ‚Chronik der Stadt Hermannstadt‘ von Emil Sigerus, wo im Anhang die Bürgermeister der Stadt von 1300 bis 1929 aufgelistet sind. Zu meiner Enttäuschung stand da: ‚1516-1518 unbekannt‘. Davor und auch danach war Mathias Armbruster Bürgermeister, danach Petrus Haller. Dann fand ich noch den Eintrag, dass 1524 in der Elisabethkirche der erste evangelische Gottesdienst stattgefunden hat, acht Jahre nach Beginn der Reformation in Deutschland. Ein Jahr davor, so steht es bei Sigerus, hatte König Ludwig II. dem Rat der Stadt befohlen, Luthers Schriften zu verbrennen. 1543 wird die Kirchenreform auch in Hermannstadt durchgeführt und am 1. September, laut Chronik, sendet Luther der Stadt einen Brief bezüglich der Einführung der Reformation. Aus all diesen Einträgen ist klar ersichtlich, dass damals eine bewegte Zeit war und dass der Stadtrat sehr wohl eine Rolle auch im kirchlichen Leben spielte, gewissermaßen Stadtverwaltung und Kirche eins waren. Auch wenn dies heute nicht mehr der Fall ist, die Zusammenarbeit funktioniert ausgezeichnet, nicht nur, weil das Deutsche Forum die Mehrheit im Stadtrat hat und die Bürgermeisterin selbst Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde A. B. und langjährige Mitarbeiterin im Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien ist. Die Beziehungen zu allen Glaubensgemeinschaften in unserer Stadt sind gut.“

Bei dem erwähnten Empfang stellte Stadtpfarrer Kilian Dörr das Projekt „Hammersdorf – Grüne Kirchenburg“ vor, indem er u. a. darauf hinwies, dass man als Mitarbeiter den Landschaftsarchitekten Andreas Kipar dafür gewinnen konnte, seines Zeichens Kurator der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Venedig und Designer des Luthergartens in Wittenberg. Hammersdorf soll Verbindungen herstellen im Sinne einer umweltfreundlichen Gesinnung mit Hermannstadt, Schellenberg und Großscheuern. Das Logo des Projekts zeigt ein sechsblättriges Kleeblatt, in Anlehung an die bekannte Lutherrose.

Nicht zuletzt ist noch Folgendes zu berichten: Die zwei Fahrer des Geschichtenmobils sagten der Hermannstädter Zeitung am Sonntag, kurz vor ihrer Abfahrt Richtung Debrecen, sie hätten sich in Hermannstadt am besten aufgenommen gefühlt. Alles sei reibungslos abgelaufen, sie seien begeistert von der ihnen und dem Team engegengebrachten Gastfreundschaft und von dem regen Interesse.

Beatrice UNGAR

 

Foto 1: Zu dem Jubiläumsgottesdienst am Sonntag gekommen waren auch Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinden Neppendorf, Großau, Mediasch und Michelsberg. Unser Bild: Familie Henning aus Michelsberg vor dem Geschichtenmobil auf dem Großen Ring.        

Foto: Beatrice UNGAR

 

Foto 2: Rundtischgespräch mit Ovidiu Ganț (am Rednerpult), Botschafter Emil Hurezeanu,

Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au, Elfriede Dörr und Bischof Reinhart Guib (v. l. n. r.) im Spiegelsaal des Hermannstädter Deutschen Forums.

Foto: Beatrice UNGAR

 

Foto 3: Die christliche Sängerin und Liedmacherin Judy Bailey bot ein hinreißendes und bewegendes Konzert gemeinsam mit dem Jugendchor und dem Orchester der evangelischen Kirchengemeinde Hermannstadt.

Foto: Wolfgang ARVAY

 

 

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