„Risse im Eisernen Vorhang“

Neues Buch über Familienzusammenführung und Aussiedlung
Ausgabe Nr. 2511

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Es gab sie also doch: Die ,,Risse im Eisernen Vorhang“, der Mauer zwischen Ost und West, zwischen Unfreiheit und Freiheit. Einer davon: Die Aktion „Kanal“, ein gut gehütetes Geheimnis der Jahre 1968 bis 1989 und zu Teilen immer noch geheim. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges wollte diese Aktion Wunden des Weltkrieges schließen, Familien zusammenführen und Deutschen den Weg aus dem kommunistischen Rumänien in die Freiheit der Bundesrepublik öffnen.

Auf deutscher Seite war Rechtsanwalt Dr. Heinz Günther Hüsch aus Neuss der entscheidende Verhandler. Dazu offiziell ermächtigt, veröffentlicht er jetzt alle getroffenen schriftlichen Vereinbarungen und berichtet über mündliche Absprachen. Es ist ein Stück noch weitgehend unbekannter Geschichte der Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, Sathmarer Schwaben und Berglanddeutschen sowie der großen deutschen Hilfen für sie in der Zeit zwischen 1968 und 1989, das Hüsch offenlegt. In 313 offiziellen Begegnungen und vielen inoffiziellen Gesprächen vereinbarte er mit der berüchtigten Securitate Rumäniens, dass rund 226.000 Deutsche aus freien Stücken Rumänien verlassen und sich in der Bundesrepublik Deutschland niederlassen konnten.

Das Buch gibt Einblicke in die Verhandlungen, das Dekret 402 außer Kraft zu setzen, das Ausreisenden hohe Zahlungen in westlicher Währung, die sie gar nicht besitzen durften, abverlangte. Gedächtnisniederschriften zeigen, wie zäh verhandelt wurde. Großzügige geheime Angebote zu humanitären Hilfen wurden gemacht, jedoch von der rumänischen Staatsführung rüde zurück­gewiesen. Eindrucksvoll sind die erstmalig veröffentlichten Berichte über das Treffen zwischen Generalsekretär Ceaușescu und Dr. Hüsch im Oktober 1988, von der Kündigung der Vereinbarungen durch die rumänische Seite und der Reaktion auf die Revolution in Rumänien im Dezember 1989. Aus internen Vermerken, namentlich zu Beratungen zwischen Hüsch und Bundeskanzler Helmut Kohl, mit Ministern und leitenden Beamten wird deutlich, wie politisch gedacht und technisch gearbeitet wurde.

Unterstützt wird Dr. Hüsch von der Autorin Hannelore Baier aus Her­mann­stadt und dem Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V., Peter-Dietmar Leber aus Rohrbach Ilm, die selbst ein Teil der historischen Ereignisse sind. Ein erstes Buch zu dem Thema hat das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien 2013 im Honterus-Verlag unter dem Titel „Kauf von Freiheit. Dr. Heinz-Günther Hüsch im Interview mit Hannelore Baier und Ernst Meinhardt“ herausgebracht.

Der Regisseur Răzvan Georgescu, Autor des Dokumentarfilms „Pașaport de Germania“ (2014) über den Freikauf der Rumäniendeutschen, kommentiert die Neuerscheinung wie folgt: „Es ist eine sehr sinn- und wertvolle Sammlung von Dokumenten und Protokollen, die künftigen Generationen von Forschern und Historikern zur Verfügung stehen wird. Die Gliederung des Buches und die Einbettung der nüchternen Dokumente im jeweiligen historischen und politischen Kontext finde ich sehr gelungen, Ihre Verhandlungsprotokolle lesen sich wie kurzweilige Rechtskrimis. Beindruckend dabei, mit welche Detailbesessenheit und Akribie um den endgültigen Wortlaut der einzelnen ‚vertraulichen Vereinbarungen‘ gefeilscht und gerungen wurde.“ H. H.

 

Heinz Günther Hüsch/Peter-Dietmar Leber/Hannelore Baier: Weg in die Freiheit. Deutsch-rumänische Dokumente zur Familienzusammenführung und Aussiedlung 1968-1989. Hüsch, Hrsg. Landsmannschaft der Banater Schwaben e. V., 2016 384 Seiten, ISBN: 978-3-934794-44-3

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