Reformationsfeiern und Gedenken der Reformation auf dem Gebiet unserer Kirche im 19. und 20. Jahrhundert

Vortrag von Wolfgang H. Rehner, gehalten am 31. Oktober 2016 in Michelsberg zum Reformationsfest (II)
Ausgabe Nr. 2512
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Ein außerordentliches Ereignis, in seiner Art einmalig, stellte die fünftägige Honterus-Jubelfeier im August 1898 in Kronstadt dar, im Rahmen derer die Enthüllung des Honterusdenkmals (unser Bild) stattfand. Das Ausmaß dieses Festes übertraf alles Vorausgegangene bei weitem, nicht zuletzt auch, weil es mit der Jahrestagung der siebenbürgisch-sächsischen Vereine verbunden war. Darüber hinaus hatte die gesamte Veranstaltung, der gespannten politischen Lage jener Zeit entsprechend, neben dem Gedächtnis der Reformation und des siebenbürgischen Reformators eine deutlich nationale Komponente. Es war ein Stück sächsischer Selbstdarstellung. In seiner Rede zur Begrüßung der Festgäste aus allen Teilen des Sachsenlandes, sowie der Ehrengäste aus Deutschland, sagte Dechant Herfurth: „Unser Fest ist ein evangelisches Fest. Noch ist die evangelische Kirche der Herzpunkt unseres Volkslebens. Das wollen wir auch in diesen Tagen bezeugen.“  Und in seiner eindrucksvollen Rede bei der Enthüllung des Denkmals sagte Stadtpfarrer Franz Obert: „Hier grüßt aus Stein und Erz eine große Vergangenheit das lebende Geschlecht und öffnet den Blick auf ferne Höhen der Geschichte des Sachsenvolkes.[…] Wir, die Söhne und Töchter des Sachsenvolkes – wir sind uns heute klarer denn je dessen bewusst, dass wir unserm Reformator die Grundbedingungen unseres kirchlichen, unseres nationalen Lebens zu verdanken haben.“

Aus dem bisher Ausgeführten geht hervor, dass Gedächtnisfeiern im Zusammenhang der Reformation in unserer Kirche eindeutig ein Erbe des 19ten Jahrhunderts sind, doch wurden sie auch nachher beibehalten, sofern die Zeitumstände es erlaubten. Im 20sten Jahrhundert entwickelte sich das Reformationsfest zu einer regelmäßigen Einrichtung im Verlauf des Kirchenjahres. In Kronstadt feierte die Honterusschule schon seit 1845 jährlich mit großer Begeisterung das Honterusfest, wobei die besondere Bedeutung des Reformators hervorgehoben wurde. Während des ersten Weltkrieges wurde diese Tradition unterbrochen, jedoch in der Zwischenkriegszeit 1920 bis 1939 neu aufgegriffen und zu einem eindrucksvollen Volksfest ausgeweitet. Im Kriegsjahr 1917 ist am 31. Oktober in Hermannstadt das 400jährige Reformationsfest ebenfalls „eindrucksvoll gefeiert worden.“ Die Geschäfte waren geschlossen und evangelische Soldaten bekamen dienstfrei, um den Gottesdienst besuchen zu können.  Bischof Friedrich Teutsch überarbeitete das Büchlein seines Vaters über „Die Reformation im Sachsenland“ und die Ortsfrauenvereine sandten es als Gruß aus der Heimat den Soldaten ins Feld. Im Jahr 1930 ordnete das Landeskonsistorium eine „Erinnerungsfeier“ der Augsburger Konfession in den Schulen und am folgenden Tag in den Kirchen an.  In Hermannstadt erinnerte man sich überdies an das gelungene Lutherfestspiel von 1888 und 1903 und inszenierte es anlässlich der 400-Jahrfeier der Confessio Augustana im Mai und Juni 1930 mit großem Aufwand und entsprechenden Erfolg neu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zeit für kirchliche Feiern und Veröffentlichungen sehr ungünstig. Als besonderes Zeichen mutiger Initiativen darf es gelten, dass in den Jahren 1955 bis 1958 das Honterusfest wieder belebt wurde, allerdings nicht mehr als Volksfest in der Stadt, sondern als von der Schule organisiertes Waldfest am kleinen Hangestein. Dass Johannes Honterus dabei nicht nur als Buchdrucker und Schulmann, sondern als „Reformator“ und „religiösen Erneuerer“ geehrt wurde, ist für jene Zeit bemerkenswert, denn es war durchaus gewagt!  Aber auch von kirchlicher Seite geschah einiges in dieser sogenannten sozialistischen Zeit. Im Jahr 1980 wurden die Gemeinden aufgefordert, nach 450 Jahren des Augsburger Bekenntnisses von 1530 zu gedenken. Das Theologische Institut veranstaltete ein Augustana-Kolloquium und die „Kirchlichen Blätter“ brachten das ganze Jahr hindurch in jeder Nummer Artikel im Zusammenhang mit diesem Bekenntnis. Im Jahr 1983, als sich 500 Jahre seit der Geburt Martin Luthers erfüllten, wurde mehrfach dieses Ereignisses gedacht. Die „Kirchlichen Blätter“ berichteten in jeder Nummer über Luther und Fragen der Reformation und brachten als Beiheft die Luther-Festschrift „Gefördert und gesegnet“ heraus. Das Theologische Institut veranstaltete gemeinsam mit den anderen protestantischen Bekenntnissen unseres Landes ein Luther-Kolloquium. Einige Gemeinden nahmen dieses Jahr zum Anlass für mehrere Veranstaltungen. So bot die Gemeinde Weidenbach unter dem Thema „Lutherjahr“ eine Reihe von Dia-Vorträgen und Konzerten an, die schließlich in einem groß aufgezogenen und reich besuchten Festgottesdienst und Gemeinde-Nachmittag am 5. Juni gipfelten. Das Landeskonsistorium veranstaltete am 10. November eine Festversammlung im Bischofshaus mit Beteiligung der ungarisch-lutherischen und der reformierten Kirche und die Gemeinden wurden aufgefordert, am selben Tag um 18 Uhr einen Gedächtnisgottesdienst zu halten. Aus alledem geht hervor, dass selbst im Kommunismus des Lutherjubiläums gedacht wurde. Vergleichen wir diese Veranstaltungen jedoch mit den Lutherfesttagen und den Gemeindefeiern von 1883, so erscheinen sie eher dürftig. Umsomehr überraschten uns die Nachrichten aus der damaligen DDR, wo das Lutherjahr mit staatlicher Beteiligung begangen wurde, was somit auch ein Politikum war. Diese Überraschung war aber nach zwei Richtungen hin auch ein Schock:

Drei Pfarrer unserer Kirche durften als Gäste dabei sein, sowohl beim Luthertag auf der Wartburg am 4. Mai, als auch beim Kirchentag in Erfurt am 10. bis 15. Mai. Sie waren überrascht über die Menge von rund 40.000 Teilnehmern, sie wunderten sich über die Präsenz von SED-Bonzen neben westdeutschen Referenten, sie waren aber zugleich schockiert, dass in den Kirchen geschunkelt, getanzt und geklatscht wurde, wofür unser traditionell geprägtes Kirchenvolk sicher kein Verständnis gehabt hätte. Die Kirche hatte Fenster und Türen geöffnet, um frischen Wind hereinzulassen, aber war hier nicht der Geist der Welt in die Kirche eingedrungen?

Gleichfalls schockiert war die Leitung der Hermannstädter Philologie-Fakultät, als der Gast aus Ostberlin, der über Luther sprechen sollte, mit dem vorgesehenen kleinen Hörerkreis nicht einverstanden war und in letzter Stunde forderte, dass Theologiestudenten, Geistliche und andere Intellektuelle dazu gerufen werden sollten, was dann auch geschah. Der Gast, Dozent Gerhard Brendler, bezeichnete sich selbst als Marxist. Zu unserer Überraschung kritisierte er die marxistische Geschichtsschreibung und würdigte Luther als Theologen, wobei er auch dessen Glaubensringen nach den Quellen authentisch darstellte und zuletzt „die epochale Bedeutung seines Lebenswerkes für die europäische Geistesgeschichte“ hervorhob. Als ich den Dozenten nachmittags im Bischofshaus beim Kaffee fragte, wie er die Zukunft der Kirche sehe, antwortete er: „Die Kirche wird so lange bestehen, so lange sie etwas zu sagen hat, was andere nicht sagen.“ Diese Antwort fand ich großartig und habe sie seither wiederholt zitiert.

Wenn wir uns nun anschicken, das Jahr 2017 als Jubiläumsjahr der Reformation zu feiern, so tun wir das nicht nur mit Stolz auf unsere protestantische Vergangenheit, sondern auch im demütigen Bewusstsein von Fehlern und Irrwegen. In den Herausforderungen unserer Zeit, die parallel gehen mit mancher Verunsicherung auf dem Gebiet von Glaube und Kirche, empfinden wir deutlich den Ruf zur Einheit der Christen und streben über die Schranken konfessioneller Trennungen hinweg nach einem gemeinsamen christlichen Zeugnis. Dabei frage ich mich immer wieder: Sind wir uns unserer Sache gewiss und bringen der Welt die selig machende Botschaft, oder verstecken wir uns hinter einem großen Schaum von Worten und „Events“?

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