Von der Gefahr der Selbstzensur

Workshop Investigativer Journalismus an der Evangelischen Akademie
Ausgabe Nr. 2510
 

4-journalistik

Bei einer Fortbildung zum Thema Anti-Korruption und Investigativer Journalismus lernten Journalisten aus Rumänien und der Republik Moldova, wie sie Skandale aufdecken, effektiv recherchieren und ihre Computer verschlüsseln können. Drei Tage lang hörten sie bei dem Workshop ‒ gemeinsam organisiert von der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Evangelischen Akademie in Hermannstadt ‒ Vorträge von Profis ihres Fachs. Gegen staatliche Beeinflussung können sie sich nun viel besser schützen. Eines jedoch wurde schnell klar: Die größte Bedrohung für die Pressefreiheit kommt meist aus einer ganz anderen Ecke.

2013 trat ein bis dahin unscheinbarer CIA-Mitarbeiter vor die Welt und legte offen, wovor Computerspezialisten seit Jahren warnten: das gigantische Überwachungssystem des Geheimdienstes NSA. Edward Snowdens Enthüllungen hatten gezeigt, wie umfassend sich jeder überwachen lässt ‒ und wie eifrig dieses System genutzt wird. Benjamin Richter zeigte nun bei dem Workshop den jungen Journalistinnen und Journalisten, wie sie sich und ihre Quellen schützen können.

Zwei Dinge musste Richter dabei immer wieder wiederholen: Erstens, dass er nicht unter Verfolgungswahn leidet. Überwachung von Journalisten findet statt, nicht nur von Seiten verschiedener Regierungen. Zweitens, dass der Schutz vor Überwachung nicht so kompliziert ist wie die meisten annehmen. Denn wer sich nie mit Datenschutz beschäftigt hatte erschrak bei den Fachwörtern, mit denen Richter so um sich warf: Privacy Badger, Bedrohungsanalyse, Phishing-Angriffe ‒ das sind Begriffe, bei denen man sich schnell vorkommt, als sei man in den Keller einer besonders paranoiden Hacker-Gruppe gestolpert und müsse sich nun aus dem Kabelsalat wieder herausarbeiten.

„Ich bin kein Hacker“, betonte Richter deswegen. Er ist Fotojournalist und hat erst vor wenigen Jahren begonnen, sich in das Thema Datenschutz einzulesen. Die Programme, die er nennt, haben seltsame Namen, lassen sich aber meist mit wenigen Klicks auf dem Computer oder Smartphone installieren. Schon ein besseres Passwort als „123456“ oder „Passwort“ macht viel aus.

Denn ein guter Schutz der eigenen Quellen ist wichtig, damit Journalisten investigativ arbeiten können. Wie diese Arbeit dann konkret aussehen kann, erklärte der Journalist und Dozent Marian Chiriac beim zweiten Vortrag des Workshop-Tages. Er diskutierte mit den Teilnehmern außerdem darüber, welche Verantwortung sie als Journalisten tragen: Glaubwürdigkeit, Professionalität und sorgfältige Recherche gehören zu den Pflichten des Berufs, da waren sich alle einig.

Bei der abschließenden Diskussionsrunde wurde allerdings eines klar: Die häufigste Bedrohung für die meisten Journalisten sind nicht staatliche Angriffe. Die größere Bedrohung ist die Selbstzensur. Zumindest im Lokaljournalismus scheint dies der Fall zu sein, wie Răzvan Marcu und Traian Deleanu erzählten. Sie arbeiten in Hermannstadt, Marcu im Fernsehehen und Deleanu als Redakteur bei Turnul Sfatului.

Mit der Pressesprecherin der Stadtverwaltung, Mirela Gligore (sie nahm ebenfalls an der Diskussionsrunde teil) arbeiten beide gut zusammen. Doch es sei für einen Reporter schwierig, investigativ zu arbeiten, wenn er die Menschen, über die er schreibt an der Supermarktkasse treffe, wie Deleanu erklärte: „Die Gefahr der Selbstzensur ist definitiv vorhanden.“

Und eine weitere, noch größere Gefahr bedroht die Pressefreiheit: der Aufstieg der Sozialen Medien und die Digitalisierung. Traditionelle Medien wie Zeitungen und Fernsehen kämpfen gegen die neue Konkurrenz; vor allem Werbepartner wandern in Scharen zu Facebook ab. Vor allem Printmedien haben darunter zu leiden. „Selbst meine Oma liest die Todesanzeigen inzwischen auf ihrem Tablet“, erzählte Deleanu.

Trotz aller Verschlüsselungs- und Recherchemittel, mit denen die Teilnehmer sich nun gegen Druck von außen wehren können, bleibt deswegen nach dem Workshop das ungute Gefühl zurück: Gegen die größten Bedrohungen der Pressefreiheit wurde noch kein Mittel gefunden.

Bernadette MITTERMEIER

 

Benjamin Richter (vorne links) bei seinen Ausführungen im Festsaal der Evangelischen Akademie Siebenbürgen.                

Foto: Raimar WAGNER

 

 

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